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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Instabiles Beziehungsmuster oder wie Verdrängung mein Leben sabotiert

Ich kenne von mir, dass ich ein “instabiles Beziehungsmuster” durchlebe, therapeutisch ausgedrückt.

Faktisch heißt das: frisch verliebt bin ich ein Teenager. Zwischen “Das ist Liebe” und  “Ich will dich nie wieder sehen” liegt nur ein Wimpernschlag. Die direkte Verletzlichkeit, das Erleben von Verlust habe ich, aus guten Gründen, schon als Kind in eine Kiste gepackt und sie sicher vor mir selbst versteckt. Damals konnte ich nicht wissen, dass dieses Erleben, dieses Fühlen, untrennbar mit dem Lieben, mit dem Fühlen und Schätzen verbunden ist. Als Kind musste ich mich vor einem Gefühl schützen, dass ich nicht ertragen, das mir Niemand erklären konnte. Und wollte, weil die Erwachsenen manchmal entschieden merkwürdig sein können und sich, zumindest in dem, was wir Zivilisation nennen, gegen das Erleben von Trauer entschieden haben.

Weil das Fühlen also zu anstrengend war, habe ich es weggesperrt und fortan ohne das Schlechte gelebt. Klingt doch ganz nett?

Blöd nur, wenn es zwischendurch über dich hereinbricht und alles, was gut ist, überschattet. Wenn Nichts dich davon überzeugen kann, dass das, was du hast, etwas wert ist. Niemand, nicht einmal die engsten Vertrauten, nicht einmal ich selbst, hatten einen Schlüssel zu dieser Kiste.

Als mir klar wurde, dass ich dieses Gefühl brauche, dass es unkontrollierbar ist und wie sehr es weh tut, wenn es von selbst aus der Kiste springt, begann ich, Werkzeug zu suchen. Ich wollte es nicht mehr jedes Mal mit aller Kraft zurückschieben und die Kiste verschließen, ich wollte den abgespaltenen Teil meiner selbst an die Hand nehmen, mich mit ihm vertragen!

Ich habe also jahrelang Werkzeuge gesammelt, um diese Kiste aufzustemmen. Und ja – Schritt für Schritt öffnete sich diese Kiste. Langsam. Und das tat weh. Ich schrieb alles auf, ich malte Bilder, ich gab dem Gefühl Plätze, an denen es bleiben durfte.

Immer wieder mal hatte ich etwas gefunden, das sich festzuhalten lohnte. Dann verlor ich es, war überfordert damit, dass ich nicht glücklich werden konnte. Irgendwann fand ich wieder etwas und ich wurde ungeduldig. Ich nutzte alle Kraft und stemmte die Kiste auf.

Es zerriss mich. Ich fühlte mich wertlos, winzig, unbedeutend neben diesem großen, schweren Gefühl von Trauer und Leere.

Das Gefühl war gewachsen. Wann immer ich etwas erlebte, was ähnlich furchteinflößend war, hatte ich es zu den anderen Dingen in der Kiste gelegt. Und auf der Suche nach meiner Verletzlichkeit habe ich Viele solcher Dinge erlebt…

Das Gute, das ich mir bewahren wollte, zerbrach unter der Last der Dinge, die ich freigelassen hatte. Ich war traurig darüber. Aber ich hatte keinen Platz dafür, keinen Platz für die Trauer, konnte sie nicht tragen. Eine Weile versuchte ich es. Malte Bilder, schrieb es auf, tanzte es weg. Aber es half nichts. Mir blieb nichts anderes übrig, als alles zurück in die Kiste zu pressen und sie Luftdicht zu versiegeln.

Die Depression kam zurück. Die Leere, das Funktionieren. Ich war traurig und nicht traurig. Ich war glücklich und nicht glücklich. Aber ich war sicher, denn Nichts konnte mir etwas anhaben, aber ich war auch nicht mehr echt. Ich verlor mich. Zuerst verlor ich meine Worte. Dann verlor ich meine Farbe. Zuletzt verlor ich mein Lachen.

Es wurde immer, immer leichter, so zu sein, wie ich sein musste. Ich hatte anfassbare Erfolge und fühlte mich wie alle Anderen. Ich wurde für symptomfrei erklärt.

Ich liebte wieder und dachte, es würde bleiben. Aber es blieb nicht. Die Kiste öffnete sich und brach über mich hinein. Ich verstand es nicht. Ich dachte, ich sei Schuld daran, ich wäre nicht gut genug, nicht gemacht für diese Welt. Bis sie mir wieder einnal ins Auge fiel, die Kiste. Meine Schätze, meine Trauer, meine größte Angst, das Verlieren.

Und die Werkzeuge, die darum verstreut lagen. Ich machte mich wieder an die Arbeit. Inzwischen hatte ich Kinder. Ich wusste, dass ich nicht so wahr, wie ich sein konnte und wollte. Ich wusste, ich müsste an mir arbeiten. Ich stemmte sie auf. Stück für Stück. Ich übte mich in Akzeptanz, in Verstehen.

Und ich verstand. Ich verstand, das ich immer auch ein wenig traurig sein würde. Oder zumindest noch für lange Zeit. Ich verstand, dass Beides zusammen gehört, Gewinnen und Verlieren. Das man beides aushalten lernen muss, gleichzeitig.

Vom Verstehen bis zum Begreifen ist es manchmal ein langer Weg. Ich weiß nicht immer, ob ich noch in die richtige Richtung laufe.

Ein Warnzeichen für mich ist es, wenn ich meine Worte verliere und die Farben. Wenn Musik mich nicht mehr berührt. Wenn ich in den Spiegel sehe und das Glitzern weg ist.

Gerade habe ich mein Glitzern. Ich glitzere und ich bin tief erschüttert. Ich bin ein Bisschen verschwommen aber meine Worte reihen sich brilliant aneinander. Meine Farben malen Bilder und die Musik bringt mein Herz zum Beben.

Ich liebe und ich ertrage die Angst, die Zweifel. Ich ertrage, dass ich nicht sicher sein kann, dass ich den Verlust schon kenne, dass er sogar ein Teil von mir ist. Das ist nicht immer leicht und manchmal sogar verdammt schwer. Ich merke, wie ich manchmal fast daneben trete und falle.

Ich fühle mich manchmal schlecht und oft habe ich Angst “ver” liebt zu sein – verrannt, verdreht, verquirlt.

Aber ich möchte mich nicht schützen, verstecken, verändern oder abschirmen. Ich fühle mich geliebt und liebenswert, genau so, wie ich bin. Ich habe diesen besonderen Menschen an meiner Seite, der versteht, wenn ich von Gefühlskisten und Traumakernen rede. Diesen Menschen der weiß, was es heißt, wenn ich von Wahnsinn rede.

Einen Menschen, der bei mir bleiben will und selbst Abgründe kennt. Wir balancieren gemeinsam. Miteinander und aufeinander zu. Ich vertraue, auch wenn ich manchmal ziemlich nah dran bin, an meiner Welt, die nach meinen Regeln funktioniert, an der Welt, in der ich unzerbrechlich bin. Ich bin manchmal nah dran, weil ich Angst davor habe, zu verlieren. Aber…

Ich fühle mich sicher, weil ich weiß, dass ich verletzlich bin. Verletzlich sein, das heißt auch, Fühlen können.

Und eins hab ich über mich gelernt: Gefühle sind mein Höchstes Gut.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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