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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Ein ganzer Berg voll Leben

Ich habe eine Freundin, die zur Zeit sehr mit Depressionen zu tun hat. Sie weiß noch nicht so viel darüber, was das mit einem Menschen machen kann, wie facettenreich das taube und blinde Monster ist, dass sich in die Seele beißt.

“Ich glaube, ich mache gerade heftige Rückschritte”, hat sie gesagt, “ich bin schon wieder ganz unten angekommen.” Ich habe sie angelächelt. “Das glaube ich nicht”, habe ich geantwortet.

Ich glaube nämlich, wieder ganz unten ankommen kann man gar nicht.
Niemand kann seine Erfahrungen ignorieren oder vergessen, nie so ganz. So eine richtige Erkenntnis mit Aufwärtsbewegung erlischt ja nicht einfach, sie prägt.

Ich stelle mir das ganze wie einen Berg vor, den du erklimmen möchtest – und irgendwie auch musst. Wie das so ist – du startest am Boden, ganz unten, und wenn du geradeaus blickst, ist da erst mal nur eine Wand. Unüberwindbar, erst beim zweiten Blick erkennst du die Einkerbungen, in die du deine Füße stellen kannst.

Wenn du richtig viel Pech hast, startest du auch noch aus einem Tal – quasi unterhalb des Meeresspiegels. Ich würde sagen, wenn dein Fundament Mist ist. Schlimme Kindheit, schlechte Emotionsregulation, sowas. Den Berg rauf klettern ist Arbeit, die erst so richtig anfängt, wenn du die Sache mit dem reflektieren verstehst. Also, du kannst auch ohne den Berg zu besteigen eine Menge Energie investieren, aber wahrscheinlich rennst du dann nur um den Berg herum, bist irrsinnig kaputt und am Ende wieder da, wo du angefangen hast. Das passiert, wenn du blind drauf los läufst!
Guck dich lieber um. Sieh dir deine Hände an. Was können die? Sind die gut darin, andere an die Hand zu nehmen, die dir helfen können? Oder eher Werkzeuge bauen? Mögen sie es, sich festzuhalten – an spitzen Kanten? Kannst du das allein?
Finde heraus, wer da um dich herum ist. Gibt es jemanden in deiner Nähe, der auf den selben Berg will? Könnt ihr zusammen  klettern?
Dann lasse deinen Blick einmal den Berg hinauf wandern. Was ist da oben, dass du willst? Ist es der richtige Berg, oder nur der, von dem dein Umfeld glaubt, dass du ihn besteigen musst? Blöd natürlich, wenn du aus dem Tal startest – dann solltest du schon erst Mal bis zum Meeresspiegel kommen, damit du dir gegebenenfalls einen anderen Berg suchen kannst.

Wenn wir jetzt aber doch mal davon ausgehen, dass es dein Berg ist. Der richtige. Vielleicht weil du von oben genug Weitsicht hast, um alles nicht mehr so dramatisch zu sehen, oder weil dir die Luft dort gefällt. Oder weil – sagen wir dort gibt es Menschen die genau in deine Idealvorstellung von Leben passen – du weißt schon was ich meine, du willst da hoch!

Also machst du deinen Weg. Volles Programm, Kletterwerkzeuge, Hilfen, Leitern, vor Allem eine Menge Kraft und Energie die du da reinsteckst. Zwischendurch regnet es, stürmt es, du wirst krank – die Leute am Fuß des Berges rufen dir zu, dass du dich zu selten meldest und auf dem falschen Weg bist und überhaupt und sowieso, und andauernd bist du abgelenkt und schon richtig frustriert, weil du kaum weiter gekommen bist, manchmal, wenn die Sonne scheint und der Wind günstig steht denkst du auch “Woah, ich komm richtig gut voran!” und du erklimmst also Stück für Stück deinen Berg. An irgendeinem Tag mit heftig Regen schaffst du ein ganzes Stück, traust dich nicht mehr nach oben zu sehen weil du nicht mehr wissen willst, wie viel du noch vor dir hast – Da rutschst du ab. Tust dir richtig weh und landest hart. Blind vor Schmerz willst du kapitulieren. Dann bleibst du halt unten! Na und? Hier ist es auch schön. Man, bist du ein Versager! Wieso schaffst du es nicht? Du bist ja schon wieder ganz unten angekommen, es war alles umsonst! Eine Weile schmollst du. Dann stehst du wieder auf. Blickst dich um. Ein heftiger Windstoß bringt dich dazu, nach hinten zu sehen. Gut, so fünf Meter bist du gefallen. Das tat weh. Wahrscheinlich musst du dich eine Weile ausruhen. Aber davor hast du schon zehn geschafft. Und das Beste? Du kennst den Weg schon, weißt, welchen Fuß du wo hin setzen musst, um wieder hoch zu kommen. Zack, Zack. Oder läufst du ein Stück um den Berg herum? Vielleicht gibt es einen anderen Weg, der dir noch besser gefällt. Total egal. Wenn du erst Mal einsiehst, dass dir deine zehn Meter niemand nehmen kann, findest du auch die Kraft, die nächsten zehn zu bestehen.

Du wirst oft fallen. Manchmal vielleicht sogar bis ins Tal. Aber du kennst den Weg da raus! Das kann dir niemand mehr nehmen. Niemals.
Pass auf deinem Weg nach oben gut auf! Zwar leisten dir manche Menschen zwischendurch Gesellschaft, (Ich hab gehört einige bleiben sogar von Anfang bis Ende, aber das halte ich noch für einen Mythos) einige tun dir sogar wirklich gut – manchmal kommen aber auch welche von oben. Die lachen meistens, wirken gut drauf, oder sind irgendwie faszinierend, man verliert den Blick für das Wesentliche – sie fallen in Zeitlupe – es kann richtig Spaß machen sich mit ihnen zu unterhalten oder sie eine Weile zu begleiten. Aber wie das so ist. Sie reißen dich mit.
Klar, du kennst den Weg und so weiter. Aber du musst schon wissen, ob sie dir das wert sind. Vielleicht kannst du sie auch überreden, doch wieder mit hoch zu kommen. Aber sei nicht traurig, wenn das nicht klappt – du hast noch einen langen Weg vor dir. Irgendwann kommt einer mit. Vielleicht kannst du dich ja auch mit einem Faller auf einer Zwischenstation einrichten. Wer sagt, dass du ganz nach oben musst?

Wenn es vierzig Meter über der Erde gemütlich ist, bleib ruhig da. Oder verweile ein Bisschen, bevor du weiter gehst.

Aber niemand kann dir das nehmen, was du schon erreicht hast.

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Thema von Anders Norén