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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

„Ach, Borderliner also?!“ Von Narben und Vorurteilen

Als ich gerade Kaddis Text “Das soll ja auch weh tun, verdammt!” gelesen habe, hab ich darüber nachgedacht, wie das bei mir eigentlich war und ist.
Dabei habe ich einige Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede erkannt!
Das hat mich dazu gebracht einen eigenen Text über meine Erfahrungen mit dem Thema zu schreiben. Ich kenne die Vorurteile zum Beispiel auch andersherum.

Ich selbst habe die Diagnose Borderline nicht, doch bekomme sie regelmäßig von Laien mit einem Blick auf meine Unterarme im ersten Gespräch schon gestellt.

Als ich mir das erste regelmäßig selbst wehtat, verstand ich nicht was ich da tat und erst Recht nicht warum. Ich war 12 und die kleinen Schnitte in den Fingerkuppen fielen Niemandem auf.

Eines der vielen Vorurteile, dass es den Menschen, die so etwas machen nur um Aufmerksamkeit gehe, schien hier also nicht zu zutreffen.

Und auch später hatte ich andere Gründe. Als ich in die erste betreute Wohngruppe zog und dort bei Anderen sah, wie sie sich mit Rasierklingen schnitten, ich das für mich übernahm und es immer mehr zum Ritual, zur Flucht und zur ‘‘Lösung‘‘ aller Probleme wurde, dachte ich dabei nicht „Ach ich mal mir da ein paar lustige Muster in die Haut, damit mich der x oder die y bemerkt.“

Ich dachte mir dabei wohl generell nicht so viel, außer dass es mir half, mit meinen Gefühlen “umzugehen“. Heute ist mir natürlich bewusst, dass das keine praktische Lösung meiner Probleme war, sondern eine hilflose Geste, weil mir nichts anderes einfiel und genau so eine Sucht.

Sie begleitet mich bis heute, auch wenn die Narben auf meinen Armen mittlerweile schon verblasst sind. Ich muss mich an jedem Tag wieder dagegen entscheiden und in jeder hilflosen Situation fällt mir das besonders schwer.

Ich wurde oft gefragt, warum ich das mache oder gemacht habe. Viele Menschen haben dabei Vorurteile oder Halbwissen, mit dem sie sich das selbst erklären. Ich beginne dann meist mit der neurobiologischen Erklärung. Denn sie ist irgendwie greifbarer für viele.

Bei Schmerzen und Verletzungen schüttet das Gehirn Hormone aus, die einem Drogenrausch ähneln können und eigentlich dafür gedacht sind, der “Gefahrensituation“ zu entkommen.

Das kann so manche Traurigkeit beiseite wischen.

Die fast zwanghafte Routine, die es bei mir zwischendurch war, täglich; mit festen Abläufen; selbst bei guter Stimmung, die kann ich mir bis heute nicht wirklich erklären. Vielleicht hatte ich dadurch etwas, an dem ich mich fest halten konnte. Kontrolle und etwas, auf das nur ich Einfluss hatte, worauf ich mich verlassen konnte.

Ich wollte eigentlich nie, dass es weh tut.

Ich wollte den Rauch und ich wollte etwas kaputt machen. Blut sehen, Wunden, Schaden sehen können.

Oft waren es Schuldgefühle oder Selbsthass, die mich dazu brachten und wenn nicht, dann gehörte es dazu, hinterher das Ganze mit einem Verband wieder “heil zu machen“. Damit war die Situation für mich gelöst.

Manchmal denke ich, ich habe da eine Aufgabe übernommen, die niemand haben sollte, nämlich mich zu bestrafen, wenn ich etwas Böses getan habe.

Es gab und gibt so viele Gründe, die mich dazu bringen diesen Weg als Ausweg zu betrachten.

Lange Zeit konnte ich argumentativ darlegen, warum das ein sinnvoller Umgang mit Problemen ist und ich das deswegen gar nicht lassen muss, doch das sehe ich heute anders.

Mit jeder bewussten Verletzung, die ich mir zufüge, verstärke ich das, was mir als Kind beigebracht wurde und tu mir damit nicht nur körperlich weh.

Wenn ich mit mir und meinen Gefühlen vorankommen möchte, muss ich mich jeden Tag wieder dagegen entscheiden, so schwer das an manchen davon auch ist.

Am Anfang hat mich ein weiteres Argument überzeugt. Ich wollte mich nicht mehr verstecken müssen. Im Sommer bei 30° immer Pullover tragen, immer darauf achten, dass die Ärmel nicht hoch rutschen und dann der Gedanke daran, dass ich irgendwann einmal irgendwo arbeiten möchte, wo das hinderlich sein kann.

Die langen Ärmel trage ich im Sommer nicht mehr, denn vor meinen Freunden und den Menschen in der Bahn will und muss ich mich nicht verstecken. Niemand sollte das müssen.

Doch wenn es um die Arbeit geht, sieht es anders aus. Ich hatte bei jeder meiner bisherigen Arbeitsstellen große Angst, dass jemand die Narben sieht und vor den darauf folgenden Vorurteilen. Ich habe das Alles zu oft gehört und erlebt.

Ich habe einen sozialen Beruf erlernt, was das Ganze leider sogar noch schwieriger macht. Man sollte meinen, dass Menschen die als Pädagogen und Therapeuten arbeiten sich nicht so sehr von Vorurteilen leiten lassen, da sie ja das Faktenwissen haben.

Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Selbst in solchen Kreisen hörte ich oft “Ach, Borderliner also?!” mit dieser Mischung aus Fragezeichen und schon fertig gestellter Diagnose samt Meinung.

Dass diese Diagnose gar nicht bei allen Menschen, die sich selbst verletzen gegeben ist, ist Vielen nicht bekannt und oft auch gar nicht so wichtig. Die Meinung ist gefestigt, das Bild steht, warum daran rütteln…

Dazu habe ich von einigen Personen, die sogar mit Menschen mit Psychischen Erkrankungen und auch denen, die eine Borderline Persönlichkeitsstörung haben, arbeiten, die Aussage gehört

“Wer selbst psychisch krank ist, oder es mal war, sollte nicht mit Menschen arbeiten dürfen.”

In diesem Praktikum habe ich besonders auf meine Ärmel geachtet und vor lauter Angst “entlarvt” zu werden kaum noch mit Kollegen gesprochen. Das wurde mir in meiner Bewertung später sogar noch negativ ausgelegt…

Das war nur eine von vielen Situationen, aber da sehe ich dann, was diese Vorurteile allein bei mir schon bewirken und finde es eher furchtbar, dass Menschen mit so einer Meinung überhaupt Menschen mit psychischen Erkrankungen “therapieren” dürfen.

Ich arbeite gern mit Menschen. Kann mich gut in viele Situationen hineinversetzen, besonders, wenn das Mittel der verbalen kommunikation weg fällt.

Ich möchte nicht mal mit Menschen mit psychischen Erkrankungen arbeiten, da es mir da wirklich schwer fallen würde, mich abzugrenzen und die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen.

Aber ich finde nicht, dass man mir das Recht auf eine freie Berufswahl absprechen darf, nur weil ich in meinem Leben schwere Zeiten hatte, die ich mit destruktiven Mitteln zu bewältigen versucht habe.

Ich habe dabei nie jemand Anderem geschadet, als mir selbst. Ich bin deswegen nicht gefährlich oder weniger sozial fähig oder manipulativ, doch dieses Bild und diese Vorurteile legen mir immer wieder Steine in den Weg.

Ich denke jeder Mensch, der sich in welcher Art auch immer selbst weh tut oder schädigt, hat dafür ganz eigene Gründe und jede Diagnose sieht auch bei Jedem anders aus. Was jedoch alle Menschen gemeinsam haben ist meiner Meinung nach, dass man versuchen sollte, sie als Menschen wahrzunehmen, ohne Vorurteile, genau so einzigartig, wie Jeder nun einmal ist.

Lican

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