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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Aufwachen, Musik, Aktion

Wie aufgeregt sind Andere eigentlich so, vor ihrem ersten Arbeitstag?

In weniger als einer Stunde beginne ich mit der neuen Arbeit.

Kurz für den Kontext: Ich betreue ein 3,5 Jahre altes Kind, das undeutlich spricht und häufig seine Grenzen testet. Es hat keine Diagnose aber offenbar eine Wahrnehmungsstörung und ist langsamer als die anderen Kinder.

Die Kita ist nicht für I-Kinder ausgelegt, aber weil sie schon dort ist, seit sie ein Jahr alt ist, hat die Leitung Gelder für einen Integrationshelfer gewährt bekommen.

Und ich? Ich bin bestens qualifiziert dafür. Ich bin Sozialassistent mit einer angefangenen Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin.

Eine besser ausgebildete Person hätte sie für das Geld nicht finden können: Und sie sagt, vom Bauchgefühl passe ich am Besten.

Ob ihr Bauchgefühl auch angedeutet hat, dass ich viele Ängste habe?

Im Grunde kann ich es ja. Wenn ich mit dem Kind allein wäre.

So aber werde ich beobachtet und begutachtet und jemand sieht, wie ich mit Kindern umgehe.

Ich habe tolle Pläne. Mit dem Kind und den Eltern Strategien zur besseren Kommunikation erarbeiten, Beziehungsaufbau durch Musik und Spiel, so Sachen.

Ressourcenorientierte Arbeit.

Ich bin gut darin. Ich habe schon mal mit einem Kind gearbeitet, der all das benötigte. Es war älter, aber es hat hervorragend funktioniert, obwohl ich noch überhaupt keine Ausbildung in dem Bereich hatte.

Warum sollte es diesmal nicht klappen?

Was werden sie am ersten Tag von mir erwarten?

Dass ich mich umsehe und einfinde, nehme ich an.

Wie viel kann ich dabei falsch machen?

Während ich diesen Text eintippe, esse ich Frühstück und verschütte meinen Kaffee. Um Himmels Willen, ich bin nervös.

Ich kann sein wer ich will, aber was, wenn ich vor lauter Aufregung kein Wort heraus bringe?

Wäre ich nicht ich, sondern eine Freundin von mir, würde ich mir Glück wünschen und mich auf den Moment freuen, an dem die Freundin stolz von ihren Leistungen erzählt und erkennt, dass alles nicht so schlimm war.

Aber diese aufgeregte Anspannung und Angst vor Versagen und Wiederholung, die geht mir auf den Geist, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist jetzt noch eine halbe Stunde bis Dienstbeginn, der Arbeitsplatz ist fünf Geh Minuten von hier entfernt. Frühstück, Haare föhnen, los geht’s. Der Filou ist bei seiner Oma, damit ich den Kopf frei habe, damit ich schon anfangen kann und den ersten Tag endlich hinter mir habe.

Zum Glück! Ich hätte heute keine Kapazität für Autonomiephasenschübe, Anziehstreit und “Ich will nicht in die Kita”.

Und dabei arbeite ich mit einem Kind, das dasselbe benötigt.

Ironisch, dass ich mich darauf sogar schon sehr freue.

Es sind zwei Tage Arbeit, bevor ein Wochenende weit weg mit viel Action und Musik auf mich wartet. Gerade lasse ich mich durch die Beatstesks und mein Lieblingsfrühstück in den Tag einsteigen, den Duft meiner Lieblings Dusch-produkte in der Nase und mit Klamotten am Leib, in denen ich mich sehr wohl fühle. Nichts kann verrutschen.

Jetzt benötige ich nur noch ein Bisschen Mut und Vertrauen in das, was ich kann.

Sei einfach so wie du bist. Und ein Bisschen so, wie du immer sein wolltest.

Bis heute Nachmittag!

Mit viel Liebe

Kaddi

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