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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Beziehungsweise – zwischen Idealisierung und Entwertung

Als ich anfing, mich mit mir und der Diagnose auseinanderzusetzen, war ich zarte 18 Jahre alt und von leichtsinniger, jugendlicher Arroganz geprägt. Ich verschlang Fachbücher und reimte mir meinen Teil zusammen, wandte unreflekrierte Weisheiten einiger kluger Köpfe wie eine Schablone auf mich an und stigmatisierte mich selbst in das Krankheitsbild hinein.

Ich fühlte mich, als ob die Therapie riesen Fortschritte machen würde (“Es wird schlimmer, bevor es besser wird”) und merkte kaum, wie ich mich in eine felsenfeste Symptomspirale begab, die mich an meine Grenzen und darüber hinaus katapultierte. Diese Lebensphase, andere kluge Köpfe würden sie als “ausgeprägte Anpassungsstörung in der Adoleszens” bezeichnen, dauerte ein paar Jahre und ging mit einem großen Identitätsverlust einher.

Wie geheilt fühlte ich mich, als ich schließlich meine Ausbildung beendete, eine nach außen intakte Beziehung führte, einen geregelten Tagesablauf hatte und meine drei Mahlzeiten am Tag zu mir nahm.

Dass ich gehäuft mit Panikattacken zu tun hatte, dass ich nachts nicht ruhig schlafen konnte, paranoide Zustände zu meinem Alltag gehörten und ich zu Hause regelmäßig zwischen Wut und Leere schwankte, deutete ich als Normalzustand, an den ich mich eben gewöhnen musste.

Das etwas nicht stimmen konnte merkte ich erst, als die Beziehung vollends in die Brüche ging, sobald ich anfing, mich etwas mehr auf mich zu konzentrieren.

Als ich in einer neuen Beziehung steckte und es trotz aller Kommunikation, allem guten Willen, nicht schaffte bei mir zu bleiben, mich gut zu fühlen. Als ich die Welle der Depressionen heranschwappen sah und im Grunde nichts dagegenzusetzen hatte, außer hilflos die Hände in den Schoß zu legen und leidend zu seufzen.

Zwischen dieser Zeit und heute liegen nun plusminus zwei Jahre. Ich habe mich sozialpsychiatrisch beraten lassen, den Wohnort gewechselt, einen verzweifelten Versuch gestartet, heile Familie zu spielen und ein weiteres Kind bekommen. Ich habe insgesamt zwei Mal meine gesamte Existenz umgeworfen und von vorn angefangen und eine mehrwöchige Familientherapie hinter mir. Ich habe mir Begleitung vom Jugendamt organisiert und einen neuen Freundeskreis aufgebaut.

Ich habe neue Ziele, behandle die Depressionen medikamentös und suche mir Unterstützung, wenn ich etwas auszureflektieren habe.

Ich lasse mein (erweitertes) Umfeld an meinen absurden Verdrehungen über diesen Blog teilhaben und schließlich und endlich habe ich wieder den Mut gefunden, mich auf einen Mann einzulassen.

“Atypisch für Borderline”, befand die Therapeutin. Nach einigem Hin und Her und den nicht ganz ersten zwei Monaten dieser Beziehung, die mir wirklich wichtig ist, habe ich aber wieder aufgehört, die Diagnose in Frage zu stellen.

Natürlich habe ich gelernt, dass es zu meiner Persönlichkeitstruktur gehört, Personen abwechselnd für unfehlbar und scheiße zu halten. Natürlich habe ich es über die Jahre perfektioniert, hier Superlative zu vermeiden – ich stolpere darüber wenn ich Worte wie “immer” oder “nie” verwende. Ich habe keine “besten” Freunde, weil ich weiß, dass ich so intensive Gefühle für einzelne Personen eben nicht konstant halten kann.

Natürlich kann ich kognitiv dagegen ansteuern, wenn ich von etwas zu viel konsumiere, aufhöre zu essen oder mich in abstrakte Gedanken reinsteiger. Das ändert aber nichts an der Kernproblematik: Ich nehme die Welt zuerst in Extremen wahr.

Ich muss zu jedem Zeitpunkt dazu in der Lage sein, einen Filter über meine Wahrnehmung zu legen. Die Zwischentöne zu sehen.

Wann immer mein Leben sich verändert und ich auf etwas “Neues” stoße, stolpere ich über diese ungefilterten Extreme. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, zum Beispiel. Eine neue Beziehung, ein neuer Job, Entscheidungen, in eine neue Richtung zu gehen.

Jetzt gerade fühle ich mich zum Beispiel das erste Mal seit unheimlich langer Zeut “sicher”. Ich glaube an eine Beziehung, ich will daran festhalten, darauf bauen. Mich “verlassen können”, auch wenn das hier ethymologisch definitiv die falschen Worte sind.

Ich fühle mich sicher, ich vertraue tief. Gleichzeitig oder eher in der selben Sekunde bin ich mir ebenso sicher, dass es in jeder Sekunde zerbrechen kann. Ich schwanke zwuschen absoluter Hochspannung und dem Gefühl, völlig geerdet und frei zu sein. Auslöser für diesen Spannungswechsel kann, ungelogen, alles sein. Ein falscher Blick, ein unausgesprochenes Wort, ein falsch betontes Wort, eine vergessene Geste.

Mein Glück, einen Partner zu haben, der all das nur zu gut versteht – einen, dem es mit mir vielleicht sogar ähnlich geht.

Spannend ist, was diese Erfahrung mit mir macht. Ich gehe endlich weg vom Stigma. Zwar kann ich sagen, die Diagnose passt, sie kann da stehen bleiben – emotional instabil – gleichzeitig weiß ich aber jetzt ganz sicher, dass das Bild vom Borderliner, der mit Suizid droht, manipuliert und vorsätzlich Dinge tut, um das Verlassenwerden zu provozieren, so nicht auf mich zutrifft.

Dass es zwar unheimlich viel Arbeit bedeutet, aber dass es durchaus möglich ist, viel Lebensqualität zu gewinnen, durch gescheite Reflexion und Unterstützung von außen, Kommunikation und Selbstfürsorge glücklich zu sein. Den Alltag zu genießen. Eine Beziehung zu führen, die von Dauer ist.

Zwischentöne zu erkennen.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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