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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Bindung und Trauma – zwei Kennenlernzeiten

Schockierende Geburtsberichte habe ich ignoriert, als ich mit dem Filou schwanger war. Ich ging fest davon aus, bei mir würde alles entspannt ablaufen, da würde eine Hebamme Zeit haben, alles kein Stress.

Als der Filou dann tatsächlich kam und die betreuende Hebamme mir, hyperventilierend, den Rücken zugekehrt hatte und beteuerte, wie toll ich atmen würde- sie hörte meinen Herzensmenschen der zur Unterstützung da war – jedenfalls hätte ich ahnen können, dass das hier nicht spurlos an mir vorbeigehen würde.

Ich wurde in meiner Körperwahrnehmung nicht ernst genommen, musste Presswehen veratmen bis es irgendwann zur Wehenschwäche kam – ich durfte kaum aufstehen und musste fast permanent am Wehentropf hängen…

Schließlich war der Filou irgendwann da, und wurde mir nach einigen Stunden “genommen” – auf die Intensivstation verlegt – seine Lungen hatten nicht angefangen richtig zu arbeiten, das kleine Löchlein im Herzen, dass sich bei der Geburt verschließen sollte, hatte sich nicht verschlossen – er benötigte Flüssigkeit, Hilfe beim Trinken, Unterstützung beim Atmen.

Mein Albtraum begann. Ich war unsicher und ließ mich leicht belehren. “Anlegen geht nicht”, “Sie wickeln ihn falsch”, “ihn herauszunehmen wäre jetzt zu viel Stress”.

Während seines Aufenthalts platzten die Äderchen in seinem rechten Auge. Ich wusste, dass das erst dort geschehen war, weil der Filou nach der Geburt auf meinem Bauch lag und mir in die Augen sah.

Die Pflegekräfte dort jedoch behaupteten, das wäre bei der Geburt passiert. Meine Entmündigung ging weiter, niemand erklärte mir, wie lang das hier dauern würde, wie gefährlich es (nicht) war und ich entwickelte tief beißende Ängste!

Das erste halbe Jahr lang befürchtete ich zu jeder Sekunde, der Filou würde das Atmen einfach einstellen. Jeder musste sich die Hände waschen und desinfizieren, bevor er den Filou anfassen durfte.

Er schlief nur auf meinem Bauch – wegen der Gefahr des plötzlichen Kindstodes aber habe ich mich nicht getraut mit einzuschlafen- ich blieb lieber wach. Ich schlief nur, wenn er im Schlafsack auf dem Rücken in seinem Bett lag – der Filou aber schlief so einfach nicht gern (und nicht lang. Er meldete sich mindestens alle halbe Stunde. )

Stillen konnten wir lang mit Stillhütchen, nach vielen Wochen klappte es auch ohne.

Die Ängste verschwanden nicht. Alles musste perfekt laufen, nichts durfte verändert werden an meinen Abläufen – ich schlief wenn jemand anders das Kind auf dem Bauch hatte und mir versprach, nicht einzuschlafen.

Wenn der Kleine sich morgens um halb fünf meldete, erklärte ich meine Nacht erleichtert für beendet, weil die Ängste mich so stressten.

Jede Minute zog sich in die Länge. Ich sah vor meinem inneren Auge andauernd tödliche Szenarien für den Filou – wie ich mit ihm von einem Auto erfasst wurde, wie er vom Wickeltisch fiel, wie er in der Badewanne ertrank.

Einen der schlimmsten Momente erlebte ich im Garten an der Feuerschale. Ich hatte das Baby auf dem Arm und traute mich nicht, aufzustehen: war ich doch davon überzeugt, das Kind würde hineinfallen und sah vor dem inneren Auge immer wieder genau das passieren.

Nach sechs Monaten wurde es langsam besser. Inzwischen, der Filou ist jetzt drei Jahre alt, vertraue ich ihm und seiner Lebebsfähigkeit.

Und dann kam das Schildkrötenbaby. Ich versprach mir, dieses Mal würde ich ihm und mir viel mehr vertrauen.

Ich haderte nicht mit der Schwangerschaft sondern nahm sie an. Voller Stolz ging ich zur Vorsorgeuntersuchung.

Den ersten Dämpfer versetzte mir die Toxoplasmosediagnose und die darauf folgenden Untersuchungen und Antibiotika. Auch die Schwangerschaftsdiabetis nahm mir ein wenig Freude. Als klar war, dass ich alleinerziehend sein würde, hatte ich mich mit der kommenden Depression schon fast abgefunden.

Und dann? Dann kam.alles völlig anders.

Nach einem vollen Tag Wehen und drei Fehlalarmen fuhren wir abends, der Filou war versorgt, in die Klinik. Die Wehen kamen gut und regelmäßig, alle fünf Minuten. Die diensthabende Hebamme und auch die Ärztin wollte mich trotzdem nochmal nach Hause schicken und schon meldete sich mein ungutes Gefühl des Nicht-ernst-genommen-werdens.

Ich selbst sagte allen, dass es vielleicht los ginge – konnte mir selbst nicht recht vertrauen. Bis die Fruchtblase platzte. Danke, dachte ich, los gehts.

Es folgten wahnsinnig anstrengende, aber gut betreute Stunden. Der Babypapa und der Herzensmensch (Herzensmenschin) waren da, unterstützten mich wo sie konnten. Als ich verzweifelt der Hebamme sagte, ich könne nicht gegenhalten und müsste pressen sagte sie “Wer sagt sie sollen gegenhalten? Machen Sie, was ihr Körper sagt, der wird das schon wissen“, und diese Worte waren wie eine Erlösung.

In meiner Erinnerung ging danach alles ganz leicht.

Und obwohl auch die Schildkröte noch auf die Intensivstation musste, blieb ich entspannt. Ich bin jetzt Mama von Zweien, dachte ich.

Ich erfuhr jetzt, wie selbstverständlich sich ein Baby anfühlen kann.

Natürlich überprüfe ich auch jetzt, zwölf Wochen später, manchmal plötzlich und hektisch seine Atmung. Natürlich stand ich todes Ängste aus, weil er noch so gelb war von seinen nicht gänzlich unbedenklichen Billyrubinwerten. Und auch heute bin ich noch nervös, wenn er mal länger als drei Stunden schläft.

Aber ein Bisschen durfte ich kosten, vom ungeschönten Babyplüsch. Liebe und Kuscheln und Vertrauen.

Nur Langsamkeit, die gab es nicht, aber davon vielleicht wann anders mehr.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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