Blogparaden

Blogparade – Abgestillt

Julia und Anke von Doppelkinder und Lächeln und Winken haben sich da was ausgedacht. Mit der Blogparade zum Thema (Ab-)stillen sammeln sie Erfahrungen allerlei Leute. Bin ich dabei, dachte ich – und hier ist er: Mein eigener Erfahrungsschatz mit dem Filou. 

 

Bam. Mutter. So ungefähr hat sich das für mich ja angefühlt mit dem Eltern werden. Ich war (und bin) ja auch irgendwie noch ganz schön jung, wenn ich mich so umhöre, mit meinen bald 24 Jahren. Und in der Schwangerschaft hatte ich so damit zu tun, Wohnungen zu finden und an den Absagen nicht zu verzweifeln, ohne Geld irgendwie die Einrichtung zusammen zu finden (Natürlich habe ich das Babybett letzten Monat endlich unbenutzt in den Keller bringen lassen, aber das ist eine andere Geschichte) und herauszufinden, wie viel Apfel ich eigentlich essen darf ohne Insulin spritzen zu müssen, dass ich mir über die ganze Still-Geschichte noch nicht so viele Gedanken gemacht hatte.

Ich hab natürlich in meiner Ausbildung schon mal was davon gehört, dass Kinder gern 6 Monate vollgestillt werden. Meine Cousine hat mir auch von den Stillkämpfen mit ihrem Sohn erzählt und dass er sich mit vier Monaten selbst abgestillt hat. Ich hatte Geschichten von Müttern gehört, bei denen nichts zu machen war und die Flasche genauso gut gewesen ist und den ewigen Krankheitsvergleich von Stillkindern und Flaschenkindern. In meiner jugendlichen Naivität hab ich die Nase gerümpft und gesagt “So’n Kind das schon stehen kann zu stillen ist irgendwie eklig” und so Sachen wie “Nachher bin ich noch ne Selbstbedienungsbar, Schwachsinn – nach spätestens 10 Monaten ist Schluss!” Aber ich war mir schon irgendwie sicher, dass ich den Filou stillen würde, wenn er denn da wäre. So kuschlig beim Bonding im Kreißsaal, nach der Geburt, über die ich lieber noch nicht nachdenken wollte.

Sicher hab ich nicht erwartet, dass ich unter der Geburt bereits Literweise Milch verliere und meine Brüste beim Anblick der Kulleraugen schier explodieren würden, oder dass eine ruppige Hebamme das Kind im Liegen an meine Seite drückt und unwirsch meine Brustwarze in seinen Mund stopft. Und von dem Schmerz beim ersten Anlegen, ich bin mir sicher, hab ich vorher auch weder gelesen noch gehört.

Ich erinnere mich noch an das nagend schlechte Gewissen, dass mich überkam als ich das Kind einfach von der Brust pflückte und beschloss, das Kuscheln erst Mal reichen müsse – ich fand ganz einfach, ich hatte genug Schmerzen gehabt.

Und der Filou schien ganz zufrieden zu sein, wie er da so lag, gelegentlich guckte und knurrte. Über seine dezent blau-gelbe Färbung hab ich mir zugegebenermaßen viel weniger Sorgen gemacht als ich sollte. Genau so überrascht war ich, als die Ärzte bei der Untersuchung so besorgt aussahen und ihm ein Gerät zur Messung der Sauerstoffsättigung an den Zeh klebten, dass jedes Mal wie blöd piepte wenn mein Baby weinte, spuckte oder sich falsch bewegte. Und erst Recht als mir eine Hebamme in vermeintlich beruhigender Stimme erklärte, dass der Filou heute Nacht nicht bei mir, sondern im Kinderzimmer schlafen müsse, zur Überwachung.

Und in meinen Stillträumen habe ich mir auch ganz sicher nicht vorgestellt, dass sie ihn mir am nächsten Tag ganz wegnehmen und ihn auf die Intensivstation verlegen würden. Bisschen mehr als Anpassungsstörungen. Einem winzigen Löchlein im kleinen Herzchen hatte ich zu verdanken, dass mein Traum vom entspannten Stillstart, der mir erst gar nicht so wichtig gewesen war, heftig zerplatzte. Plötzlich schien mir das Stillen der einzige Weg, eine Bindung zu meinem Kind aufzubauen.

Heftig diskutierte ich mit den Schwestern, dass ich gern statt der Magensonde wenigstens versuchen wollte, den kleinen Jungen anzulegen – “Direkt nach der Geburt hatte er auch genug Kraft, wieso sollte er die jetzt nicht mehr haben?” Aber es war nichts zu machen. Er nuckelte kurz, dann war genug.

Es winkte das Abpumpzimmer. Ein kleiner Raum mit sechs Sesseln. Statt der versprochenen Romantik erwartete mich das Ksch-Ksch-Krrr der gelben elektrischen Milchpumpen, ewiges Anstarren der drei Babyfotos, die ich mit meinem Handy schon ergattern konnte, damit ich spärliche 5 Milliliter Milch in das Plastik-Auffang-Behälterchen bekam. Wo war sie hin, die auslaufende Milch? Die Zuversicht, später sei genug Zeit zum Stillen? Oh, hätte ich ihn nur nicht von der Brust genommen, dann hätte ich wenigstens ein einziges richtiges Stillerlebnis! Das wird niemals was!

Die anderen Wöchnerinnen, die sich über spannende Brüste beklagten oder gar über zu viel Milch, sie wüssten gar nicht wohin damit – was die für Sorgen hatten!

Meine Mutter bekam statt der versprochenen Babyfotos, Bilder von tröpfchenweise gefüllten Plastikflaschen. “Schon mehr als gestern!” schrieb ich optimistisch und stolz darunter. Währenddessen tropfte die Flaschennahrung durch die Magensonde in den Bauch meines Babys. Auf der Intensivstation wird gewogen. Vor dem Essen, nach dem Essen. Genau gemessen, wie viele Milliliter drin bleiben, das Kind muss überwacht werden. Bei jedem heftigen Weinen fällt die Sättigung, jede heftige Bewegung sorgt für monotones Piepen und Fragezeichen auf dem Monitor. Ich weinte. Die ganze Zeit, ich weinte, weinte und weinte.

Nach zwei Tagen durfte ich ihm die Flasche geben, oder besser – er hat sie genommen. Fertignahrung durch die Sonde, Muttermilch aus der Flasche. Ich wurde wieder ehrgeiziger. Muss doch zu machen sein!

Eine der Schwestern, ich liebte ihren Dienst – gab mir Stillhütchen und half mir, dem Kind die Sauerstoffbrille von der Nase zu nehmen. “Versuchen Sie es.”

Es war nur eine Woche auf Station – sie kam mir vor wie Monate. Und am letzten Tag ließ ich die Fertignahrung weg. Auch das Abpumpen – ich stillte voll. Mit Stillhütchen und Verzweiflung – denn die Schwestern waren der festen Überzeugung alle vier Stunden müssten reichen, ich würde etwas falsch machen – und was war kaputt an meinem Kind dass es nicht im Bett bleiben wollte? Hatte die letzten Tage doch auch geklappt – sicher würde ich etwas falsch machen – aber ich stillte. Und ich war stolz. Aller Widerworte zum trotz ließ ich mich entlassen.

Ich stillte und stillte. Alle halbe Stunde, mindestens. Mit Stillhütchen, die ausliefen, wenn man sie im falschen Moment verlor. Alles voller Muttermilch, immer zu desinfizieren.
Praktisch kam mir das nicht vor, aber ich war trotzdem stolz. Nix da, im Liegen. Dann schlaf ich ja ein! Und das Baby musste doch in seinem Bett schlafen – sonst droht doch der plötzliche Kindstot!

Ihr seht schon. Es war stressig. Es waren etwa vier Wochen, die ich damit verbrachte meinen Sohn alle halbe Stunde im Schneidersitz auf der Wohnzimmercouch zu stillen, dazwischen zehn Minuten zu schlafen und das alles mit panischer Angst, versehentlich neben ihm oder mit ihm auf meinem Bauch einzuschlafen. Ich befragte google nach der Wahrscheinlichkeit des plötzlichen Kindestodes und Taktiken zum Stillhütchen abgewöhnen. Ich hatte zwar eine Hebamme – aber so richtig offen mit ihr reden konnte ich nicht, was wohl auch meinen eigenen Baustellen geschuldet war, denn sie ist eine tolle Frau – helfen konnte sie mir nicht.

Nach drei Wochen sagte mein Ex-Freund:
“Versuchst dus schon wieder?! Das wird doch eh nichts mehr.”

Aber dann,  nach vier weiteren Wochen, wollte er die Stillhütchen nicht mehr. Dafür aber ohne.
Nach fünf Wochen dann pfiff ich auch  aufs Babybett. Wir schliefen, stillten, schliefen, stillten. Überall. Nach kurzer Zeit hatte ich das Stillen im Tragetuch perfektioniert. Außerdem hatte ich das Artgerecht-Buch gewälzt und sämtliche Elternblogs zum Thema Bindungsorientiert leben gelesen.

Ich hörte nur noch auf mich selbst – und wir stillten immer und überall.

Nach sechs Monaten versuchte ich es mit der Beikost. Brei? Vergiss es, Mama.
Fingerfood? Baby Led Weaning? Milch, Mama! Bitte ausschließlich von der Brust!

Zur selben Zeit begann ich meine Ausbildung. Vormittags blieb der Filou beim Papa – Muttermilch aus der Flasche, die ich in den Pausen abpumpte und im Kühlschrank des Lehrerzimmers lagerte – Nachmittags und Nachts aus der Brust. Im Zwei-Stunden Takt.

Die Abstände verlängerten sich. Langsam. Ich hielt es nie durch ihn zu vertrösten und er war sich sehr sicher was er wollte. Sechs Monate vergingen – mit neun Monaten stillte ich also ein stehendes Kind. Und mit elf Monaten zog er mir das T-Shirt hoch oder fummelte die Brust aus dem Top. So viel zum Thema Selbstbedienung.

Im Grunde ganz schön, dachte ich. Gar nicht so unangenehm, wie ich mir das vorgestellt hatte. Er wurde ein Jahr alt, er wurde bald anderthalb. Ich hatte einen Umzug hinter mir, eine Trennung. Den ersten Teil der Ausbildung geschafft und einen neuen Partner.
Der zwar hinter mir stand aber auch sah, wie sehr es mich schaffte. Das immer wieder stillen. Das Überall Stillen. Die Diskussionen mit all denen, die es besser wussten und alles was dazugehörte. Aber auch das unendliche “Mama, Mama!” Und keine Möglichkeiten für irgendjemanden, mich zu entlasten.

Es tat mir gut, gesehen zu werden und ich begann mich damit auseinanderzusetzen, was mich insgeheim schon einige Wochen beschäftigte:

Ich wollte nicht mehr. Ich wollte plötzlich einfach nicht mehr. Also habe ich viele “sanfte” Wege probiert. Langsam weniger stillen.  Rituale, hohe T-Shirts, Langsam auf die Flasche umsteigen. Und dann doch aufgegeben.
Der Filou blieb für drei Tage bei seiner Oma. Ich besuchte ein Festival – mit prallen Brüsten und interessanten Manövern zwischen betrunkenen Freunden, um die Milch aus diesen Riesen Eutern raus zu bekommen.

Als ich wieder kam fragte der Filou noch eine Woche lang nach. Und ich blieb eine Woche lang stur. Kuscheln? Klar! Viel! Aber Milch ist jetzt vorbei.

Nach einer Woche war es okay für ihn. Nach einer Woche war es auch okay für mich.

Im Alter von einem Jahr und 7 Monaten hatten wir abgestillt.
Heute, der Filou wird nächsten Monat zwei, fragt der Filou manchmal breit schelmisch grinsend nach meinem “Titti”. Ich sage dann “Meine! Das haben wir doch hinter uns!”

Ich wünsche mir manchmal ein sanfteres Ende für unsere Stillbeziehung.

Aber meistens bin ich nur stolz auf das, was wir so geschafft haben.

 

 

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