Borderline. Und was ist das nun?

Ich habe jetzt Werbung für mein zukünftiges Bilderbuch gemacht, ich habe euch von Stigmatisierungen geschrieben und immer wieder behauptet, ich selbst sei emotional instabil.
Aber was hat es denn nun auf sich mit der Erkrankung?

Das in einem Beitrag abzuarbeiten wäre eine Menge Input. Gerade weil es eine so komplexe und vielfach stigmatisierte Erkrankung ist.
Deshalb habe ich mir überlegt, eine ganze Reihe zu dem Thema zu starten!
Einmal die Woche (das richtet sich hier immer etwas nach meiner Zeit. Vielleicht kommen in einer Woche auch zwei, dafür aber in einer anderen keiner) möchte ich einen Beitrag erstellen, der eine Seite der Erkrankung, wie ich sie kennengelernt habe, beschreiben wird. Hier kommt der Einstieg!

Mein Lieblingstherapeut hat sie gern “die ewige Pubertät” genannt. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Weil Personen, denen diese Diagnose gestellt wird, unter der Unberechenbarkeit ihrer Stimmungen leiden – genau so ihre Familien und Freunde (Kollegen…). Deswegen würde es auch “Borderline” heißen – weil die Betroffenen sich auf Ewig auf der Grenze zwischen Kind und Erwachsener befinden. Ein anderer hat mir am Anfang mal erklärt, sie würde auch “Borderline” genannt, weil sie sich irgendwo zwischen Neurose und Psychose bewegt, sozusagen an der Grenzlinie (engl. Borderline). Mir gefällt am besten folgende Erklärung für den Namen: Personen mit dieser Persönlichkeitsstörung neigen dazu, alles schwarz oder weiß zu sehen. Sie balancieren auf der Grenze zwischen den Kontrasten, zwischen den Extremen, die große Palette der Farben dazwischen nehmen sie häufig nicht so richtig war – sie finden schwer eine Mitte. Am Ende sind das wohl Interpretationsfragen:
Vielleicht ist etwas weniger subjektiver fachlicher Kontext erst einmal wertvoller für jene, die sich das erste Mal mit der Erkrankung befassen.

Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung findet ihren Ursprung, wie viele psychische Erkrankungen, zum einen in den Erbanlagen eines Menschen und zum Anderen in seiner frühen Kindheit. Es heißt, 80% der Erkrankten hätten mindestens ein traumatisches Erlebnis – was sicher ist, ist eine zumeist unsicher-ambivalente Bindung an die Eltern.

Exkurs Bindungstheorien:
Es gibt vier (bekannte) Bindungstypen. Sicher-Gebunden, Unsicher ambivalent, Unsicher vermeidend und Desorientiert. Wie überall lassen sich die meisten Menschen nicht klar in einen Typ einordnen, sondern zeigen im Laufe ihrer Persönlichkeitsentwicklung Merkmale von Allen. Auch Erwachsene, die eine sehr gute Beziehung zu ihren Eltern haben, können unsicher-gebundene Kinder oder gar desorientiert gewesen sein. “Sicher gebunden” ist hierbei natürlich die ‘gesündeste’ Form der Bindung, die aus vielen verschiedenen Gründen allerdings nicht immer gegeben ist. Einen erweiterten Exkurs demnächst auch hier in der Rubrik “Vom Anders sein”, bis dahin hilft Google bestimmt gut weiter.
Zitat H. Horbach, Therapeut einer Klinik, in der ich mal Patientin war: “Unsicher-ambivalent gebunden zu sein heißt nicht, sie wären weniger wert oder ihre Eltern würden sie nicht lieben. Es heißt, als sie noch sehr klein waren, gab es Schwierigkeiten und sie haben Wege gefunden, trotzdem zu reifen.”

Vor dem vollendeten 18. Lebensjahr darf eine solche Diagnose nicht aufgestellt werden und das, wie ich finde, hat definitiv seine Berechtigung. Im Grunde, aber das ist nur meine Meinung, finde ich auch das noch zu früh. Denn um die Diagnose zu stellen, müssen fünf von den neun Kriterien nach dem ICD-10 erfüllt sein, die ich im Folgenden vorstelle.

Nur jemand mit der entsprechenden Ausbildung kann und darf tatsächlich eine Diagnose stellen!
Wer will, kann sich nämlich mit beinahe jeder psychischen Erkrankung identifizieren und sich selbst völlig kaputt pathologisieren: Solltest du also hier lesen und dich wiedererkennen, gehe gern zu deinem Arzt und lass dich mit deinen Sorgen beraten, aber versuche nicht auf eigene Faust zu viel herauszufinden. Das kann sehr ungesund enden!

Ich stelle hier tatsächlich nur die Kriterien vor und rede dann von meinen ganz persönlichen Erlebnissen des “Wie fühlt sich das an” – und freue mich, wenn jemand das Ganze durch seine eigenen Kenntnisse oder Erfahrungen ergänzen kann.

Neun Kriterien nach dem ICD-10:

  1. Verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.
  2. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen.
  3. Identitätsstörungen: Eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.
  4. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstbeschädigenden Bereichen (z.B. Geldausgeben, Sex, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essanfälle).
  5. Wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen, –versuche oder selbstschädigendes Verhalten.
  6. Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist (z.B. starke episodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst).
  7. Chronisches Gefühl der Leere.
  8. Unangemessen starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien).
  9. Vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

(Ich habe sie von hier übernommen, aber auch in jeder entsprechenden Literatur zu finden)

Das waren also jetzt die sehr nüchternen Eckdaten.
Zum besseren Verständnis werde ich die neun Kriterien nun also nach und nach aufdröseln und entsprechend verlinken: Wie fühlt sich welcher Punkt (für mich) an, wozu ist das da und wo kommt es her?

Diese Beiträge werden manchmal sehr persönlich, manchmal sehr sachlich, manchmal sehr gut recherchiert und manchmal sehr subjektiv sein: Das werde ich aber entsprechend kennzeichnen, damit niemand sich in meinem Gedankendschungel verirrt.

Aber fürs Erste grüß und winke ich!
Mit viel Liebe
Kaddi

15 Gedanken zu „Borderline. Und was ist das nun?

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