Das innere Team, das innere Kind oder: Der innere Kindergarten (Gastbeitrag)

Gleich nochmal! Hier also schon der zweite Beitrag von Lican! Diesmal spricht sie über ihr ganz persönliches “inneres Team”. Zu diesem Thema ist in der Reihe “Was ist eigentlich” noch ein eigener Beitrag geplant, deshalb passt es auch ganz gut. Also, los geht’s!

In mir herrscht immer mal wieder ein völliges Durcheinander.

Eigentlich ist da immer recht viel los, aber es gibt Phasen, da kann ich mich selbst schon nicht mehr denken hören, so laut sind die Gedanken.

Ja, es ist so verwirrend, wie es klingt!

Als ich anfing in Therapien zu reflektieren, warum einige Situationen in meinem Alltag manchmal so gehörig schief laufen, kamen wir schnell an den Punkt, dass ich in vielen davon plötzlich in ein kindliches Fühlen, Denken und Handeln zurück falle.

Lag oder liegt dann meist daran, dass irgendetwas passiert, dass mich so sehr an schmerzhafte Erfahrungen in meiner Kindheit erinnert, dass ich “Damals“ und “Heute“ nicht mehr voneinander unterscheiden kann.

Das kann dann auf andere Menschen durchaus etwas befremdlich wirken.

Hunger haben und gerade kein Essen parat haben und daraufhin plötzlich in Tränen auszubrechen – Als Baby normal, mit Mitte 20 eher nicht so.

Und auch auf Kritik vom Chef mit Panik und Erstarren zu reagieren ist eher unpraktisch, besonders wenn die Kritik unberechtigt ist.

Nun, irgendwann kam nun eine Therapeutin auf die Idee, man könne sich mit diesem inneren Kind, das da manchmal plötzlich „Hier“ schreit ja mal sprechen. Sie bat mich, mal auf die Suche zu gehen, erklärte mir, dass es bei jedem Menschen verschiedene innere Anteile gibt, und gab mir die Aufgabe mit, diese mal aufzuschreiben.

Interessante Idee, es gibt auch viele Theorien, die sich damit beschäftigen und ganze Therapieformen, die darauf aufbauen.

Im Nachhinein glaube ich, dass meine Therapeutin damals nicht genug über das Thema wusste, und die Wirkung auf mich völlig unterschätzt hat.

Ich habe nämlich gesucht und geschrieben und eine ziemliche Menge an Leuten gefunden, die da in mir um Beachtung wetteifern. Ich habe mich in dieser Theorie verloren, und mich immer mehr in den Gedanken verrannt, dass ich aus so vielen Anteilen bestehe, die Alle ihre Berechtigung haben, dass ich mich immer weniger wie ein „Ich“ gefühlt hab.

Mittlerweile habe ich das genug reflektiert, um zu erkennen, dass ich eins bin, innere Anteile habe, wie jeder andere Mensch auch, unterschiedlich reagiere, je nachdem, wie ich mich gerade fühle und trotzdem all das Ich bin.

Das Bild der Anteile nutze ich trotzdem weiterhin für mich.
Ich habe dort unten in meinem Kellerbewusstsein eine ganze Wohnung für sie eingerichtet.

Jeder der Anteile hat ein eigenes Zimmer und viele davon sind Kinderzimmer. Ich weiß nicht ob das so “normal” ist oder was auch immer, aber bei meiner Suche, habe ich am meisten kindliche Anteile gefunden.

Die meiste Zeit funktioniert das soweit ganz friedlich vor sich hin. Ich versuche meinen Alltag zu bestreiten und so zu reagieren, wie es im Hier und Jetzt passend ist, der Rest guckt zu und springt ab und zu mal ein paar Seifenblasen hinterher.

Ich spreche immer wieder mit mir, wenn es gerade Entscheidungen zu treffen gibt, ich gerade überfordert bin oder auch sonst, wenn ich gerade allein zuhause bin.

Ich rede doch sehr viel mit mir und oft sind das dann Dialoge, die ich den einzelnen Anteilen zuordnen kann. Wenn es darum geht, was ich esse, ob ich mir jetzt wirklich noch das hundertste Kuscheltier kaufe, wenn ich aufräumen muss und so gar nicht weiß wie…

Oft hilft es, mir das so bewusst zu machen und zu sehen, wer da spricht.

Vor Allem hilft es mir oft, wenn ich erkenne, dass da gerade ein Kind die komplette Führung übernommen hat und das was ich fühle gar nicht mehr so real ist. Es gab einmal Situationen, die sehr real waren, in denen diese Gefühle absolut passend waren, doch jetzt sind sie es nicht, und ich habe mich schon von so manchem Fußboden wieder in die Welt überredet, indem ich mir ganz ruhig und liebevoll gesagt habe, dass ich jetzt schon groß bin und mir niemand mehr etwas tun kann.

Es funktioniert. Mal besser, mal schlechter, mal macht es mir riesigen Spaß, mich ganz und gar in das kindliche Fühlen fallen zu lassen und mich über Blumen und Käfer und Schaukeln so sehr zu freuen, wie es Kinder so gut können.
So lange ich im Kontakt zu mir stehe und mich gut um mich kümmere, ist das ein ziemlich friedliches Gemeinschafts-Ich.

Nur wenn es um mich hektisch wird, zu viele Aufgaben mich überfluten und ich mir selbst nicht mehr zuhöre, wenn ich anfange schlecht zu mir zu sein, oder lange vor mir selbst weg laufe, dann wird es unruhig.

Diese Unruhe hat mich erst dazu gebracht, diesen Text zu schreiben, denn auf alle anderen Themen, kann ich mich kaum konzentrieren.

Ich habe vergessen hin zu hören, eigene Grenzen übersehen, und nun ist es laut. Nun reden sie alle durcheinander, schimpfen mit mir und wollen so sehr gehört werden.

Da fühlt es sich an, als wäre ich die einzige Erzieherin in einer KiTa voller vernachlässigter Kinder, die alle schlecht geschlafen haben.

Doch auch diesen Zustand habe ich mittlerweile zu schätzen gelernt, denn er macht mich auf meine Grenzen aufmerksam und zwingt mich inne zu halten und mich mit mir und meinen Bedürfnissen zu beschäftigen.

Das ist sehr viel Wert, auch wenn es unendlich anstrengend sein kann.

Lican

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