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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Das soll ja auch weh tun, verdammt! – Von Selbstschädigung und Akzeptanz

“Borderliner sind doch die, die sich ritzen, oder?” Diese Aussage begleitest du im besten Fall noch dadurch, dass du den linken Arm hebst und mit der rechten Hand so tust, als würdest du mit einer Rasierklinge daran herumratschen.

In meiner Ausbildung haben wir schlecht geschriebene Beobachtungen berichtigen müssen. Wir sollten markieren und begründen, was an dem Satz falsch ist und unsere verbesserte Version aufschreiben. Hier hab ich das mal versucht.

Versuche es mal so. “Stimmt es, dass Menschen mit der emotional – instabilen Persönlichkeitsstörung sich selbst verletzen?”
Oder, wenn du dich wirklich gar nicht auskennst:
“Stimmt es, dass Borderline-Betroffene sich selbst verletzen?”

Sonst steht da zum Einen die Sache mit der negativ Behaftung im Weg. Nein, du sollst das Verhalten nicht schön reden. Aber die Hemmschwelle für Betroffene, den Bezug zu sich zu finden, darüber zu sprechen, ist ziemlich hoch wenn du so plump das “sich ritzende Emo Bild” verwendest, das im Sprachgebrauch eben doch heftig gelitten hat.
Aber der sensible Sprachgebrauch hat einen eigenen Beitrag verdient. Hier geht es um die Sache.

Viel wichtiger an dieser Formulierungsfrage ist: Kann Selbstverletzung nicht auch was Anderes sein? Ist sie “Pflicht” für die Diagnose?

5. Wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen, –versuche oder selbstschädigendes Verhalten

“Diese dramatischen, selbstzerstörerischen Verhaltensweisen und Drohungen kann man auf unterschiedliche Weise erklären. Der selbstbeigebrachte Schmerz kann das Bedürfnis des Borderline-Patienten wiederspiegeln, etwas fühlen zu wollen, um eine einkapselnden Taubheit zu entgehen (…) [Er] kann auch zur Ablenkung von anderen Leidensformen dienen (…) selbstzerstörerisches Verhalten kann dazu dienen, Handlungen einzuschränken, bei denen der Betroffene das Gefühl hat, daß [sic!] sie gefährlich außer Kontrolle geraten sind. (…) Impulsive (…) Handlungen (oder Drohungen) können aus dem Wunsch resultieren, einen anderen Menschen zu bestrafen (…) Schließlich kann selbstzerstörerisches Verhalten auch dem manipulativen Wunsch nach Mitleid oder Rettung entspringen.”

J. Kreisman, Hal Straus “Ich hasse dich – Verlass mich nicht” (15. Auflage 2004

Selbstverletzendes oder selbstschädigendes Verhalten kann nicht nur völlig verschiedene Ursachen haben, es kann auch noch sehr verschieden aussehen.

Bevor ich von meinen eigenen Erfahrungen mit diesem Kriterium berichte, möchte ich euch etwas mit auf den Weg geben:

Tagelang, wochenlang nicht essen, dich dazu zwingen, etwas zu essen oder zu trinken, dass dir die Galle hochjagt. Gegen Wände schlagen, bis die Haut von den Knöcheln platzt oder die Hand weh tut, zu Orten gehen, an denen du dich sehr unwohl fühlst, dir die Haut aufkratzen, den Kopf gegen Wände schlagen, die Zähne sehr fest aufeinander pressen, auf den Wangen oder den Lippen herumkauen, Fingernägel bis zum Nagelbett kürzen.

Die Liste ist lang und eigentlich noch viel länger!

Das Unverständnis diesem Verhalten gegenüber ist groß und nachvollziehbar. Warum tut man sich so etwas an?

Wusstest du, dass der zweite Kaffee am Tag bereits nicht mehr die pushende, konzentrationsfördernde Wirkung hat, wegen der du ihn trinkst? Er schränkt deine Konzentration dann ein. Er schadet dir.

Wahrscheinlich wusstest du das. Oder du weißt es jetzt und hebst die dritte Tasse Kaffee beim Lesen an deine Lippen.

Und ich möchte dich nicht an den Pranger stellen und belehren, noch möchte ich “krankhafte” Selbstverletzung klein reden und die zweite Tasse Kaffee am Tag auch nicht überdramatisieren oder pathologisieren.

Aber das Eis brechen: Es gibt Methoden, mit Alltagsstress umzugehen und Arten, sich selbst Schaden zuzufügen, die gesellschaftlich sehr anerkannt sind.

Die meisten Menschen finden Tätowierungen sehr in Ordnung. Das der Name meiner verstorbenen Freundin in schwarzer Tinte auf meinem Handgelenk steht, empfinden die Wenigsten als verstörend. Kaum einer denkt dabei an “Selbstschädigung”.

Hätte ich mir dieselbe Zeichnung per Branding verpasst oder sie mir in den Arm geritzt, sähe das anders aus.

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Und wo ist der Unterschied?

Es gab eine Zeit und ich leugne sie bis heute sehr gern, in der ich mich bewusst, klassisch, selbst verletzt habe. Ich habe mir mit dem Fingernagel oder spitzen Gegenständen Verletzungen an meinen Armen und Händen zugefügt.

Das fing an mit kleinen, aufgekratzten Stellen. Ein nervöser Tick. Es setzte sich irgendwann fort durch dünne Linien auf dem Arm. Ritzen. Lächerlich, dachte ich. Wer macht sowas? Ich hab mich dafür geschämt und eine Weile niemandem davon erzählt.

Ich habe die Wunden dann meistens so gut es eben ging versteckt. Und warum genau ich dem Impuls nachgegeben habe, konnte ich mir selbst nicht gut erklären.

Ich habe mich danach meistens schuldig gefühlt, dachte, ich hätte jetzt alle enttäuscht. Trotzdem hab ich es wiederholt: In einem “ausweglosen” Moment. Man könnte sagen ich habe so viel gefühlt, dass ich nichts mehr gefühlt habe und dann einen destruktiven Weg gefunden, damit umzugehen. Ich habe die Stellen danach selbst versorgt. Desinfiziert, verbunden, nicht mehr angerührt.

Wenn ich mich nicht auf so direkte Art verletzt habe, habe ich zu wenig oder zu viel gegessen. Zu viel Alkohol getrunken. Zu viel oder zu wenig geschlafen.

Das habe ich aber damals in keine Relation zueinander gebracht. Sind ja verschiedene Dinge. Aus verschiedenen Gründen!

Irgendwann habe ich das “mich schneiden” einfach sein lassen. Es war leichter, als ich dachte! Ich habe dann eben nur noch zu wenig gegessen. Fremde Männer nach Hause gebracht. Zu oft Alkohol getrunken.

“Selbstschädigendes Verhalten? Nee, darüber bin ich weg.”

Nö. War ich nicht. Ich bin auf gesellschaftlich anerkanntere Varianten umgestiegen.

Was ich lernen musste war, das Gefühl zu erkennen, dass da hinter steht. In meinem speziellen Fall steckt(e) dahinter eine Schuld- Wut -Schleife.

Ich war wütend. Auf die Welt, im Grunde, aber in mir hat sich das Ganze gedreht. Ich war wütend auf mich selbst. Heute noch kann ich mit Wut sehr schlecht umgehen!

Damals habe ich das Gefühl kaum ertragen. Mein Kopf hat abgeschaltet. Das Gefühl ausgestellt und mich gefangen genommen in der Leere.

Die Formulierung “selbstverletzen um etwas zu fühlen” finde ich blöd.

So war es nicht. Ich habe das nicht zu einem bestimmten Zweck getan, ich habe es einfach getan. So wie man eine Tasse fängt, wenn sie vom Tisch fällt. Der Impuls war da und ich hatte ihm nichts entgegenzusetzen.

Denn was für Gründe hätte es gegeben, es nicht zu tun? Ich musste ja irgendwo hin mit dem Gefühl, das kein Gefühl mehr war.

Danach habe ich mich schuldig gefühlt. Sowas macht man nicht! Das ist manipulativ! Die Anderen sind traurig deshalb! Wer das sieht, denkt ich tue das für Aufmerksamkeit!

Also habe ich nicht darüber gesprochen oder nur sehr ungern. Um mir selbst zu beweisen, dass ich das nicht deshalb tue. Nicht um jemanden zu beeinflussen.

Dabei hätte Reden sicher dabei geholfen, es schneller zu verstehen.

Ich musste lernen, diese Gefühle zu ertragen. In erster Linie zu benennen. Begreifen, wo es herkommt und was ich damit tun kann.

Dieser Lernprozess dauert an. Achtsamkeit. Selbstfürsorge. Raum für Gefühle lassen. Ventile finden.

Mich immer wieder daran erinnern, dass ich sein darf, wie ich bin. Selbst wenn das bedeutet, dass ich manchmal immer noch einen falschen Weg gehe. Schuld erzeugt Wut und Wut erzeugt Schuld.

Der Ausbruch aus einer Schleife gelingt immer nur durch Akzeptanz. Durch mich selbst, aber auch durch mein Umfeld!

Mit Liebe

Kaddi

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