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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Dem “zu” die Tür zu machen – weit weg von perfekt

Das Kind hat einen Tic. Einen Kleinen. Seit etwa zwei Wochen zwinkert es, statt zu blinzeln. Wenn es müde ist, wenn es Stress hat.

Das ist erst Mal kein Wunder. Die Trennung vor einem halben Jahr, die Schwangerschaft, der anstehende Umzug. Mal kommt der Papa, mal kommt der Lieblingshandwerker. Zwischendurch noch der, nun, ihr kennt ihn noch als Superhelden und ehrlich, ist er ja trotzdem, aber das ist ein anderes Thema. Das Ende der Kita rückt näher und ich bin eigentlich auch ständig gestresst, fahre schneller aus der Haut.

Jedenfalls tickt er. Wie eine Uhr. Zwinker. Zwinker. Erst Mal nicht weiter beachten, sagt der Pädagoge in mir. Kleinkinder haben manchmal so Phasen, gerade wenn die Strukturen sich alle verändern. “Kinder merken mehr, als du glaubst”, höre ich den Volksmund sagen.

Auch dass er sich so schwer beruhigt, sich so schwer regulieren kann. Alles ganz normal.

Wir streiten viel im Moment, ich habe viel mit mir zu tun. Bin nicht so aufmerksam und geduldig, wie ich gern wäre.

Aber ist er nicht ein Bisschen zu sehr mit “Grenzen testen” beschäftigt? Ein Bisschen zu laut, zu eigensinnig?

Brauche ich schon Hilfe?

A er noch kleiner war, ist mir mal die “Hand ausgerutscht”. Ich hab ihm einen “Klaps” gegeben.

Ich bagatellisiere nicht, das war schlimm. Ich arbeite hart an mir, damit das nicht wieder passiert, aber auch das, ein anderes Thema, an anderer Stelle aufzuarbeiten.

Ich kenne aber also mein Nervenkostüm. So ein Kind braucht Geborgenheit.

Stimmt unsere Bindung noch? War ich zu launisch? Schaffe ich das mit der Integrität, bin ich in meinen Launen noch als eine Bindungsperson greifbar für das Kind?

Bin ich zu ungeduldig, hat das Kind zu viele kleine Macken, wird das pathologisch?

Ist mein Blick zu professionell?

Oder ist alles, so wie es ist? Darf das Leben so sein?

Ich habe bei Tollabea mal einen schönen Text über das Wörtchen zu gelesen. In etwa, das habe ich daraus im Langzeitgedächtnis behalten, dass wir dieses Wort in Sachen Kindererziehung lieber streichen sollten. Das Kind sei eben so, wie es ist.

Bestimmt ist sein zu viel Zwinkern tatsächlich eine Folge unseres stressigen Alltags. Bestimmt hat meine zu sehr präsente “Instabilität” ein paar Spuren hinterlassen (wie auch nicht, natürlich präge ich das Kind, es wäre auch seltsam, wenn es nicht so wäre).

Bestimmt kann man meinen Job als Mutter an manchen Stellen besser machen. Mehr Konsequenz an den Einen und weniger Konsequenz an den anderen Stellen. Eine große Portion mehr Gelassenheit.

Aber die Situation annehmen, wie sie ist. Ein Bisschen mehr vom positiven Blick.

Eine kluger Pfleger in meiner Therapie hat mal zu mir gesagt – vor der Veränderung kommt immer die bedingungslose Akzeptanz. Schuldgefühle ablegen. Reue fühlen. Dann damit aufhören. Es ist wie es ist und es darf verdammt nochmal so sein.

Die Situation zieht ihre Existenzberechtigung schlichtweg aus dem Umstand, dass sie schin existiert.

Also, Realitätsüberprüfung:

Der Haushalt läuft, wir kommen mit wenig Geld aus, wir haben eine neue Wohnung. Dem Baby geht es gut und das letzte was mein Kind und ich uns jeden Abend sagen ist “Ich hab dich lieb.” Das Bilderbuch ist so fertig wie möglich und der Filou und ich reden den halben Tag. Wir streiten auch viel. Er zwinkert. Ist grad so.

Akzeptanz.

Das Kind klammert viel? Refraimen. Es holt sich die Liebe, die ich von mir aus gerade nicht so leicht geben kann.

Er diskutiert wegen jedem Blödsinn? Nun ja, vor nicht so langer Zeit habe ich mir noch Sorgen um zu wenige Worte gemacht. Jetzt, da er sie kennt, nutzt er sie eben auch.

Er tanzt mir auf der Nase rum? Was soll ich sagen? Er reflektiert mich: Je weniger Aufmerksamkeit ich gebe, desto mehr reizt er sie aus.

Ich denke, so lang wir in Beziehung bleiben, steht auch der Prozess. Wir hangeln uns von Situation zu Situation durch die Umstände.

Socialmedia sind für mich am Ende auch einfach Segen und Fluch zugleich. Ich bin schon seit der Geburt des Filiou’s eher einsam. Vor Allem auch was andere Mütter angeht.

Es war für mich sehr wertvoll hier und überall auf andere Familien und fremde Gedanken zu alltäglichen Situationen zu finden.

Gleichzeitig setzt es mich – oder setze ich mich – aber auch unter Druck.

Klar schreiben dann und wann Mütter davon, oder auch Väter, dass es auch mal nicht so richtig rosig ist. Das mal Wäsche liegen bleibt, dass die Kinder schimpfig oder ständig krank sind.

Aber, so wie hier ja auch – am Ende ist da diese abmildernde Pointe. Die mich mit meinen überhaupt nicht abgemilderten Gefühlen vor meinem Smartphonescreen zurücklässt und mich an meinen Mutterfähigkeiten zweifeln lässt.

Wir wollen unseren Kindern das Beste, fördern, fördern, stützen, Kind sein lassen, authentisch sein aber ihnen nicht zu viel Verantwortung geben, ihnen gute Standards bieten. Sie sollen sich geliebt und wertgeschätzt fühlen und sich frei entfalten können und sie sollen sich manchmal auch benehmen können, wie das geht lernen sie am Besten dadurch, dass wir ihnen gute Vorbilder sind.

Mütter sollen gute von schlechter Pädagogik unterscheiden können, nicht zu viel belohnen, Strafen sind schon gar nicht gut, sondern eben Konsequenzen, die dann aber in einem kindgerechten Zusammenhang stehen müssen.

Pädagogisch fit sein, das wäre schon gut als Mutter, aber dabei lieber auf das Bauchgefühl hören als zu viele Ratgeber und Fachliteratur lesen.

Wenn das Bauchgefühl aber zum Schreien führt, wir aus der Haut fahren und zu viel erwarten, dann müssen wir reflektieren, ob wir in unserer Kindheit nicht falsch erzogen wurden und wir sollen das dann lieber unseren Kindern nicht mitgeben, damit sie sich selbst wertschätzen können. Also lieber doch nicht so viel Bauchgefühl?

Das müssen wir auch können. Auszeiten einfordern und unsere eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und uns selbst wertschätzen.

Ressourcen nutzen und schützen.

Das klingt alles schön und sinnvoll. Aber vielleicht manchmal ein Bisschen hoch gegriffen.

Kinderseelen sind zerbrechlich, denke ich, aber vielleicht nicht so sehr. Sie können schon viel wegstecken und viel kompensieren. Sie entwickeln eigene Mechanismen, um mit bestimmten Situationen umzugehen, sie sind Meister der Anpassung.

Ich sehe ein, dass es wichtig ist, sie zu schützen, sie zu lieben, den eigenen Frust nicht auf sie abzuwälzen sondern lieber selbst an sich zu arbeiten.

Aber das Kind und seine Persönlichkeit entwickelt sich, die Beziehung entwickelt sich und die Beziehung entwickelt auch uns.

Ein Bisschen mehr Vertrauen in die Signale des Kindes setzen, ein Bisschen mehr mitten im Prozess sein.

Das Kind sagt dir, was es braucht, was es fühlt. Und wenn du über deine Grenzen gehst, wirst du es merken.

Wenn etwas schief läuft und ihr einen falschen Weg einschlagt, findet ihr auch einen neuen.

Ich mache dem zu die Tür zu.

Mein Kind ist, wie es ist und ich bin, wie ich bin. Ich begleite den Filou, so gut ich kann, und morgen sind wir wieder jemand anders. Heute zwinkert er.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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