Ganz normaler Wahnsinn,  Grenzgänger,  Vom Anderssein

Depressionen und Autonomiephase

Ich sitze gerade, mit einem wunderbaren Mischgetränk, Apfelstückchen und Käserollen vor dem PC.
Wir haben uns endlich einen Schreibtisch geleistet – hinter dem breit leuchtenden Bildschirm hängt meine bunte Gitarre, daneben kleben Entwürfe und Bilder an der Wand, die in den letzten Wochen entstanden sind.

Ich nehme mir bewusst die Zeit, hier zu schreiben.
Ich verdiene nichts an dem, was ich hier schreibe, ja, tatsächlich lesen sehr wenig Personen das, was ich hier so mit euch teile.
Ich habe an anderen Stellen schon davon berichtet, warum ich hier bin. Was ich so für Ambitionen habe, zu schreiben. Und wie ich dorthin gekommen bin, wo ich heute bin.

Es gibt diesen Blog schon seit über einem Jahr, mein Input aber hat erst vor Kurzem so richtig begonnen. Den entgültigen Anstoß, hier auch wirklich Arbeit zu investieren, hat am Ende ein anonymer Gastbeitrag gegeben, den ich einmal auf einer größeren Plattform verfasst habe, den ich hier aber lieber (noch) nicht verlinken möchte. Dort gab es Resonanz auf ein Thema, dass mich sehr beschäftigt: Die Angst davor, ein Monster zu sein.
Dort habe ich von ernsten Problemen geschrieben, die mir die Erziehung des Filous bereitet. Jede Mutter, jeder Vater weiß am Ende, dass das Eltern sein nie so ist, wie es in der Vorstellung bis zu letzt werden sollte. Kinder wollen Nähe, Kinder nehmen keine Rücksicht. Kinder wollen sich erleben, sie wollen herausfinden, wo ihre Grenzen sind, bevor sie das Wort “Konsequenzen” zu verstehen lernen.

Gern würde ich jetzt schreiben “Kinder sind das Schönste auf der Welt”, denn das sind sie, zweifelsohne, irgendwie. Aber oft genug fühlt es sich nicht so an. Vielleicht für Andere. Ich wünsche mir, dass es sich für Andere so anfühlt, dass ich nur zu jung bin, zu sehr mit mit beschäftigt, um das immer so zu sehen.

Ich bereue meine Mutterschaft nicht!

Aber ich bin oft, sehr oft, furchtbar überfordert.
Es gibt dafür gute Gründe. Ich erzähle sie euch. Das mache ich, weil es euch vielleicht interessiert, aber auch, weil ich mich rechtfertigen möchte. Weil ich so gern etwas Verständnis hätte.

Autobiografie-Arbeit ist harte Arbeit. Therapie ebenfalls. Ich habe viel Therapie gemacht.
Weil ich mir vor ein paar Jahren noch selbst weh getan habe. Weil ich Schwierigkeiten hatte, regelmäßig zu essen. Und weil es mir dann schwer fiel, mit dem Essen wieder aufzuhören. Weil ich mich, entschuldigt die Wortwahl, aber sie trifft es – bunt durch die Stadt gevögelt habe. Weil ich immer wieder reiß aus genommen habe, weil Angst mein Leben dominierte.

Weil mein Leben nach einem schlimmen Verlust entstanden ist – und weil es danach von schlimmen Verlusten geprägt war. Kennt ihr den Film “Alles steht Kopf”? Dort gibt es einen Leader, einen, der das Sagen hat. In Rylies Kopf ist das Freude. Bei mir wechseln sich Wut, Trauer, Angst und Freude in rasender Geschwindigkeit ab.

Bei mir mischen auch noch Schuld und Leere mit. Bei mir passiert sehr schnell sehr viel und das kann sehr, sehr anstrengend sein.

Als der Filou sich ankündigte, zog sich das durch die Schwangerschaft. Und es zog sich durch die ersten Jahre.

Ich weiß nicht, ob er hochsensibel oder doch nur ein “ganz normales” Baby war und ist. Ob er mehr fordert als Andere. Wenn er es tut, dann um aufzuholen, was ich ihm nicht einfach so geben konnte, da bin ich mir sicher.

Viel zu oft versinke ich in mir selbst. Viel zu oft bin ich viel zu wütend. Viel zu oft kann ich nicht verkraften, was stundenlanges Gebrüll in mir auslösen kann. Viel zu oft versinkt die Wohnung im Chaos, viel zu oft, viel zu oft. Viel zu oft bin ich viel zu streng mit mir.

Ich bin emotional-instabil.

Was das für ein Kind bedeutet! Bitte googlet niemals “Borderline und Kinder kriegen” – dort findet ihr die volle Breitseite von Stigmas, gegen die ich kämpfe. Tag für Tag, nicht, weil mein Umfeld mir nicht zutraut zu tun, was ich tue, sondern gegen mich und meine eigenen Glaubenssätze.
Das alles hier zu erklären funktioniert nicht in einem Blogbeitrag. Das Thema könnte Bücher füllen und ich habe auch vor, sie zu schreiben – die könnt ihr dann vielleicht lesen.

Sehr oft zeige ich – und merke dass er es weiß – meinem Filou wie wertvoll er ist. Für ihn habe ich am Ende mein Leben umgekrempelt – ich wurde für ihn zu einem anderen Menschen.
Alle Eltern tun das. Auf die eine oder andere Weise.

Jetzt gerade, jetzt und seit einigen Wochen, falle ich zurück.
Als Borderliner muss ich meine Grenzen kennen. Wenn mein Anspannungslevel steigt – ich habe in der Therapie gelernt, es in Prozentsätzen zu benennen – muss ich Wege finden, sie wieder zu senken.

Dabei kann manchmal ein Gespräch helfen. Manchmal hilft mir, ein Bild zu malen, zu töpfern. Manchmal kann ich ein ausgiebiges Bad nehmen oder laut Musik hören. Manchmal hilft nur schlafen, schlafen und hoffen, dass das Gefühl weg ist wenn ich aufstehe.

Aber wenn ich es nicht schaffe, die Anspannung zu senken, dann bin ich vielleicht so traurig wie ihr euch einen schwer-depressiven Menschen vorstellt – oder ich verliere das Gefühl für meine Sinne und spüre die Reize auf meiner Haut nicht mehr.

Oder ich bin so wütend, dass ich meine Impulskontrolle nur schwer oder auch gar nicht aufrecht halten kann. Oder ich fühle mich so allein, als gäbe es keinen Menschen auf der Welt, der mich liebt.

All das ist so schwer zu begreifen, wenn man es nicht selbst fühlt. Ich versuche immer und immer wieder es in Worte zu fassen, nur – wie findet man Worte, wenn die Gefühle alles betäuben, alles leer machen, als wäre gerade ein sehr nahe stehender Mensch verstorben? Genau. Gar nicht.

Alle rationalen Gedanken helfen nicht gegen diese Gefühle. Sie sind stärker als ich.
Auch das kann man erklären.
In unseren Gehirnen sitzt ein Emotions – und ein Kontrollzentrum. In gesunden Gehirnen arbeiten die beiden zusammen.

Ein gesundes Gehirn kann sich einen Joghurt für später aufheben, weil es weiß, dass später ein besserer Zeitunkt kommt, ihn zu essen – meines möchte den Joghurt – die Belohnung – sofort, manchmal sogar dann, wenn ich gar keinen Hunger habe – nur weil ich weiß, dass ich das Gefühl der Früchte auf der Zunge mag. Mein Kontrollzentrum schläft währenddessen.

Das sind wenige Facetten dieser Krankheit. Und sie sind mein Alltag.
Wer Kinder hat, der möge sich jetzt bitte vorstellen, einem zahnenden Kleinkind zu erklären, dass Mama jetzt ein Bad nehmen muss, um ihren Anspannungslevel zu senken.

Oder in Ruhe töpfern. Oder ein Bild malen.
Es ist unmöglich.

Hilfsangebote gibt es nicht viele – nicht hier, wo ich lebe, vor Allem keine niedrigschwelligen. Und keine, für die mein Krankheitsbild gravierend genug ist:

Denn ich schlage mein Kind nicht, es ist satt und sauber – ich gehe zu den U-Untersuchungen und bin nie völlig pleite.

Ich nehme ja nicht einmal Drogen – außer meinen Zigaretten und dem Mischgetränk, das gerade vor mir steht. Allerdings ist das hier heute eine Ausnahme.

Eine Ausnahme weil mein Sohn und ich jetzt seit über vier Wochen immer krank sind. Magen-Darm, Grippe, Zahnen. Alles nacheinander. Abwechselnd.

Eine Ausnahme, weil ich aufgrund einer Mischung meiner psychischen – und unserer physischen – Erkrankungen gerade meine Ausbildung verloren habe und in dem Ort hier sehr isoliert bin.

Weil mein Freund genau so überfordert ist, wie ich es gerade bin – und weil der Filou meine Gesellschaft der meines Freundes defintiv vorzieht. Weil Anziehen ein Kampf ist, weil Essen ein Kampf ist, weil mein Sohn überdies mitten in der Autonomiephase angekommen ist, weil ich mit seinem Vater noch immer einen seltsamen Kontakt habe, der meine Energie frisst.

Weil ich in einer “für Borderliner typischen” Umbruchphase, einer Lebenskrise stecke.

Eine Ausnahme im Ausnahmezustand und weil ich gerade keine Kraft mehr habe, vordergründig Mama zu sein. Und es deshalb heute Abend nicht bin.

Ein Leben mit dieser Erkrankung, ohne meinem Kind ernsthaft zu schaden, bedeutet eine Menge Reflexion. Den Mut, die Notbremse zu ziehen.

Vor Allem bedeutet es aber eine Menge Reflexion. Immer wieder muss ich meinen, mich liebenden Freund, mit meiner Bindungsangst konfrontieren. Und im Nächsten muss er mir meinen Kinderwunsch ausreden (aufschieben).

Es ist ein Leben zwischen den Extremen, zwischen den Stühlen und mein Sohn steckt mittendrin.

Strukturen, Kontinuität, emotionale Sicherheit – hat er das? Ich wünsche mir, dass es so ist. Ich bemühe mich.

Ich habe “Artgerecht” gelesen. Und “Das gewünschtete Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn”. Ich sauge auf, was gesunde Menschen vermutlich tun würden, um Bindung zu stärken.

Ich entwickle Strategien.

Ich habe ein eigenes Bilderbuch geschrieben, weil mir der Markt auf diesem Gebiet noch zu dünn erscheint – die Kernbotschaft? Mama hat dich immer lieb, mein Kind.

Mein Kind wächst mit Emotionsmonstern auf und mit einer Scheibe an der Tür, auf der ich einstelle, wie ich mich fühle, damit es für ihn immer transparent bleibt, damit er nicht meinen Stimmungsschwankungen erliegt.

Ich lese Beiträge anderer Frauen, Frauen mit körperlichen – mit sichtbaren Leiden – und ich beneide sie. Ich beneide sie, weil sie erklären können, wo das Problem ist. Weil niemand ihnen sagt “Jetzt reiß dich halt zusammen” oder “Dann musst du das Kind in eine Pflegefamilie geben”. Weil sie eine Chance erhalten und über ihre Schwierigkeiten sprechen dürfen.

Ich möchte auch über meine Schwierigkeiten sprechen dürfen. Das ist der Grund – am Ende.

Das ist der Grund für diesen Beitrag. Für diesen Blog.
Für den Wunsch, dass mehr Leute lesen, was ich hier schreibe, für die Arbeit, die ich investiere.

Ich kenne viele Frauen, die schwere Wege gehen. Ich möchte mir selbst glauben, wenn ich sage, ich bin eine davon. Und ich wünsche mir so sehr, dass die Menschen beginnen, das zu verstehen.

Mit Liebe, Zuversicht und etwas Angst im Bauch

Kaddi

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