wahnsinnundwir

Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Der Wunsch danach, dass jemand käme und sich die Verantwortung nimmt: Turbulentes Innenleben

Die meisten Menschen kennen ja diese “innere Stimme”, die so Sachen sagt wie

“Biste bekloppt? Kannste jetzt nicht machen”

oder

“Naja, ein Stück Schokolade vorm Schlafen gehen wird doch noch drin sein?”

Weniger Menschen wissen darum dass wir alle ein Team aus “inneren Stimmen” haben. So zumindest nach dem guten Herrn Friedemann Schulz von Thun. Sein Modell hängt wohl auch irgendwie zusammen mit dem Instanzenmodell von Freud.

Kurz gefasst (sehr kurz) gibt es im Unbewussten also viele verschiedene Stimmen mit verschiedenen Aufgaben. Auch bei ‘gesunden’ Menschen. Also quasi ein Kritiker, ein Anführer, das “innere Kind”. Google gibt Kurse dazu und in einer guten, ruhigen Minute geb’ ich auch eins zwei Literaturempfehlungen oder Quellen raus.

Aber das ist alles Halbwissen und ich schreibe das hier gerade mit dem weinerlichen Kind auf dem Arm und ohne Recherche zum gleich nachschlagen, deshalb gibt’s jetzt weniger Fachwisseninput als viel mehr mein emotionales Dilemma im Moment.

Mein inneres Team jedenfalls ist kunterbunt und nicht immer so gut angeführt, wie es sollte sein. Es gibt wohl mehr Kinder als Erwachsene, in Krisenzeiten reibt der Anführer sich Sand in die Augen und weint, weil er nichts sehen kann, Kritiker gibt es gleich mit zwölf verschiedenen Meinungen und mindestens eins der Kinder ist so eins, das kein Erzieher in seiner Gruppe haben will, der fehlenden Emotionsregulation wegen.

Es gibt Beschützer, die es einfach zu gut meinen und Abenteurer, denen die Grundbedürfnisse meiner Person vollkommen egal sind.

Mein inneres Team ist kein Team. Oder nur manchmal.

Ich merke das, wenn einige meiner Bedürfnisse länger brach liegen. Schlaf, Ruhe, Soziales, Liebe. Hunger, der auch. Die fehlende Zigarette hat mich bis vor Kurzem auch noch immer sehr durcheinander gebracht.

In diesen Phasen fange ich an, Dinge zu tun, die nicht besonders klug sind.

Beziehungen “sabotieren”, also mich nicht so reflektiert verhalten, wie ich könnte. Impulsiv bockig sein. Betrügen. Sowas.

Mehr Geld ausgeben als ich sollte, Schulden und Rückbuchungen riskieren.

Nicht gut auf mich achten – Zu viel, zu wenig essen, ein Glas Sekt zu viel, mehr rauchen – vielleicht ist Vieles davon jetzt schon länger her.

Aber all diese Dinge, inklusive der Wutausbrüche und nervlichen Aussetzer, die jetzt auch leicht auf Hormone zu schieben wären, sind eigentlich nur der Wunsch danach, die Verantwortung nicht tragen zu müssen.

Der kommt aus dem Früher.

Meine Mam wollte ja eigentlich genau das verhindern. In einem Brief schrieb sie mal “Ich wollte dich immer vor Allem Übel der Welt beschützen (es ist mir selten gelungen…)”

Aber am Ende musste ich viel zu oft Verantwortung übernehmen an Stellen, an denen ich lieber Kind gewesen wäre.

Wenn jetzt alles zu viel wird, lege ich also ein Bisschen Verantwortung einfach in den Raum, in der Hoffnung, jemand anders nimmt sie sich.

Ist natürlich Unsinn. Mittlerweile ist es ja meine. Für gewöhnlich muss ich sie dann später aufheben.

Und ich hab das Gefühl, aufgeschobene Verantwortung wiegt sehr viel mehr als direkt wahrgenommene.

Ich versuche es mit Humor zu nehmen, wenn der innere Kindergarten mal wieder eine Bande blindwütiger Brüllaffen ist.

Und meine Verantwortung so oft wie möglich selbst zu tragen.

Ich übe mich aber auch in Nachsicht, wenn das nicht klappt. Shit happens. Beim nächsten Mal wieder.

Niemand ist perfekt. Warum ausgerechnet ich?

Damit fahre ich ganz gut.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2019 wahnsinnundwir

Thema von Anders Norén