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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Dinge mit “F”, wie “Fernbeziehung” und “Faden verlieren” (Gastbeitrag)

Ich lasse an dieser Stelle einmal meine liebe Freundin Lican zu Wort kommen. Lican ist hier ein bewusst gewähltes Pseudonym – Sie kennt die Depressionen, sie kennt das Gefühlswirrwarr aus Glaubenssätzen und Retraumatisierungen, sie kennt eine ganze Menge von dem, was ich euch mithilfe des Blogs zu erklären versuche, aber für sie sieht das meistens ganz schön anders aus als für mich. Zum Beispiel erlebt sie die Sache mit der Objektkonstanz sehr viel kniffliger als ich: In einer Fernbeziehung ist es nicht so einfach, die Gefühle für den Partner im Herzen zu behalten, wenn das Gehirn sie vergisst, sobald er nicht mehr zu sehen ist. Vielleicht schreibt sie öfter mal was für uns – Ich würde mich sehr darüber freuen! Jetzt könnt ihr ihn aber erst mal lesen:

“Das ist wie in nem gut besuchten Café sitzen und versuchen dem eigenen Gesprächspartner zuzuhören.”

So hab ich gerade beschrieben, wie es in meinem Kopf aussieht, wenn ich danach frage, mit welchem Thema ich mich jetzt auseinander setzen sollte.
Eigentlich hatte ich vor, darüber zu schreiben, wie verdammt schwierig es sein kann, eine Fernbeziehung zu führen, wenn man das mit der Objektkonstanz einfach nicht so richtig hin bekommt.

Wenn man von 4 gemeinsamen Tagen 2 damit beschäftigt ist, sich an den Anderen zu erinnern und die nächsten 2 damit, denjenigen schon mal vorsorglich zu vermissen.

Wie man es schafft, Jemanden am meisten zu vermissen, während man ihn bei sich hat – wäre auf jeden Fall schon mal ein gutes Thema für einen Text. Das Hin und Her von Gedanken und Gefühlen, die ständigen assoziativen Entgleisungen, die vielen Träume von Dingen, die ich gerne schon als abgeschlossen betrachten würde, der ständige Druck, mir nun endlich wieder einen Job zu suchen und die Frage, wie man so mit nicht zufriedenstellenden Freundschaften umgeht auch.

Assoziation – Dissoziation wo ist der Unterschied?
Laut Definition wohl gegenteilig, gehen sie als Erleben fließend ineinander über. Ein Stichwort löst über Ecken Erinnerungen aus, die je nach Tagesform dann weiter und weiter Erinnerungen hervorrufen. Und ab wann nennt man dieses “Versunkensein“ in Erinnerungen dann Dissoziation?

Ich bin oft abgelenkt (zur Zeit noch öfter) von allen möglichen Dingen. Von äußeren Reizen, wie plötzlichen Geräuschen, Gerüchen, einer Fliege an der Wand…
Doch genau so von inneren “Reizen“.

Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen, plötzliche Emotionen, Verknüpfungen (die oft gar nicht so passend sind), Wahrnehmungen…

Alles hängt zusammen und gleichzeitig nicht. Dinge erinnern mich an etwas, das auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun hat, ich verliere den Faden, und das, was um mich herum geschieht, verliert den Zusammenhang und ergibt keinen Sinn mehr.

Verwirrend. Doch wo kommt das her? Und wie komme ich da wieder raus? Vielleicht muss ich nach und nach allen Themen und Stimmen Zeit einräumen und mich mit ihnen auseinandersetzen. Wie ich es bis dahin schaffe, nicht gegen eine Wand zu laufen, oder meine Freunde zu vergraulen, überlege ich mir unterwegs noch.

Aber, wo wollte ich hin mit meinen Worten? Wie man es schafft, jemanden am meisten zu vermissen, während man ihn bei sich hat.

Ich bin nun schon seit einigen Monaten mit einem Menschen zusammen, der in einer anderen Stadt wohnt. 3 Stunden Busfahrt, mindestens jedes 2. Wochenende gemeinsam bei mir verbringen, das ist doch kein Problem, könnte man meinen, aber leider ist es das für mich oft sehr.

Wir haben uns auf einem Festival kennen gelernt, das ganze schon als Fernbeziehung begonnen. Ich hatte bei unserem ersten Gespräch schon ein Gefühl von Vertrautheit, das sich sonst nicht so schnell entwickelt. Es war aufregend und doch eigentlich der völlig falsche Zeitpunkt. Das erste Wochenende, an dem er zu Besuch war, war für mich schön und furchtbar zugleich.

Ich steckte zu dem Zeitpunkt so tief in einer Depression, dass ich eigentlich gar nichts mehr gefühlt habe. Welch schlechter Start in eine Beziehung!

Und doch gab es da Momente, in denen er mich dazu gebracht hat doch etwas zu fühlen, für einen Moment, das war sehr besonders und beeindruckend für mich. Die nächsten Wochen liefen hin und her zwischen Freude, über diesen neuen Menschen in meinem Leben, der wirklich nur für mich immer wieder Stunden in einem ungemütlichen Bus verbrachte: Und den Gefühlen, Nicht-Gefühlen und Zweifeln der Depression.

Und so wenig ich das auch verstehen konnte (und manchmal immer noch nicht kann), er blieb.

Er blieb und war da für mich, blieb obwohl ich in Momenten, in denen es schön sein sollte weinend auf meinem Fußboden saß, er blieb als ich für mehrere Wochen in einer Tagesklinik war und mich nur mit mir beschäftigte, er blieb.
Meine Gefühle wechselten zwischen Dankbarkeit; Zuneigung, Misstrauen, Vermissen, Angst und endlosen Zweifeln hin und her. Zweifel, ob ich mich schon abhängig machte, weil es mir immer schlechter ging, wenn er nicht da war und er mir an den Wochenenden so viel von meinen Aufgaben abnahm, Zweifel daran, ob die Beziehung funktionieren kann, wenn er so weit weg ist, und eigentlich auch viel zu oft Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit, weil er sich ausgerechnet mich ausgesucht hat…

Viele von den anfänglichen Problemen haben sich mit der Zeit etwas gegeben, geblieben sind die üblichen Zweifel an mir und meiner Liebenswürdigkeit, die ich nicht sehe und die ständige Angst vor dem Ende.

Je länger wir uns am Stück sehen, desto ruhiger werde ich, je länger wir uns nicht sehen, desto schwieriger wird es beim nächsten Besuch. Ich bin schlecht in Abschieden. Sehr schlecht. Katastrophal…

Nun ja, lassen wir das! Aussage ist klar. Ich halte das Gefühl des Abschiedes kaum aus, weil ich einfach das nötige Vertrauen darauf, dass wir uns jemals wieder sehen nicht aufbringen kann. Ich versuche es sehr! Ich versuche zu vertrauen, zu glauben, aber ich kann das nicht fühlen.

So ist für mich jeder Abschied für immer und der Mensch danach weg. Ganz und vollständig weg. Das geht mir selbst in Freundschaften in etwa genauso. Telefonieren hilft, sich Nachrichten schreiben auch ein wenig, aber das Gefühl bleibt und das Vermissen ist so stark, dass mein Kopf es nach kürzester Zeit verdrängt.
Mein Überlaufventil, wie ich es nenne. Und mit dem Abschied beginne ich schon zu vergessen.

Ich mache das nicht mit Absicht, ich will ihn nicht vergessen, aber die Erinnerung an das Gefühl schwindet so schnell, dass ich es nicht greifen kann. Wie die Bilder, wenn man aus einem Traum aufwacht. Und so warte ich dann. Versuche mich trotzdem zu erinnern, vermisse, schreibe, vergesse, telefoniere, und versuche mich auf das nächste Treffen zu freuen, ohne mir zu viel zu erhoffen. Denn ich kenne mich mittlerweile.

Ich freue mich darauf, einen geliebten Menschen wieder zu sehen und dann steht er vor mir und ist mir fremd.

Es erschreckt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich auf eine vertraute Person treffe und sie kaum erkenne. Das ist gruselig und macht mir Angst und ist fürchterlich schwer zu erklären. Vor Allem, wenn es dem Gegenüber gar nicht so geht. Ich bin Grundsätzlich eher distanziert. Ich lasse zwischen mir und anderen immer mindestens eine Hand breit Platz und wenn diese Grenze überschritten wird ist mir das sehr, sehr unangenehm. Wenn man sich einander aber erst einmal vertraut gemacht hat, genieße ich es sehr, wenn mich jemand im Arm hält und es fühlt sich nach Geborgenheit an.

Nun steht da also ein Mensch vor mir, freut sich, nimmt mich wie gewohnt in den Arm, und ich bin erstarrt. Ich weiß schon, wer dieser Mensch ist, weiß, dass diese Nähe richtig ist, und doch fühle ich mich, als hätte sich gerade ein Fremder in der Bahn auf meinen Schoß gesetzt.

Ich habe Angst und schäme mich und habe im gleichen Moment schon ein unfassbar schlechtes Gewissen. Ich denke mir, da kommt jemand extra her, um mich zu sehen, hat bestimmt auch Erwartungen und Vorfreude und möchte mich dann in den Arm nehmen, wie gemein ist es, ihn dann ab zu weisen.

Schuld – mehr Druck – mehr Angst – mehr zurück weichen – mehr Schuld… Ein Teufelskreis.

So geht das dann mal eine halbe, mal mehrere Stunden, bis ich mich an den Menschen, an die Gefühle, an die Vertrautheit erinnern kann. Und manchmal bringen mich diese ganzen Gefühle so sehr durcheinander, dass ich die Zweifel das ganze Wochenende mit mir trage und mich gar nicht richtig auf das Schöne einlassen kann. Vor Allem, weil dann ja auch irgendwann das Ende in Aussicht ist, das die Angst zurück bringt und die Traurigkeit. Und so vermisse ich ihn dann während er noch neben mir sitzt, zweifle mir in meinem Chaoskopf die ganze Beziehung kaputt und vergesse dann wieder, sobald der Abschied hinter mir liegt.

Ich würde so gern mit einer positiven Wendung oder einer schönen Lösung für zwischendurch enden, aber das Einzige, was ich bisher tue, ist so viel wie möglich zu reflektieren, mich meinem Partner mitzuteilen und zu hoffen, dass wir irgendwann einmal mehr Zeit und Ruhe finden, damit auch ich in der Beziehung wirklich ankommen kann.

Denn trotz all dem Vergessen und Zweifeln, weiß ich doch eigentlich, dass ich da einen wundervollen, verständnisvollen und geduldigen Menschen gefunden habe, den ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte, dem ich so sehr vertraue, wie es mir nur möglich ist und der mir so viel bedeutet, dass ich die Worte „Ich liebe dich“ zumindest schon in Gebärdensprache zu ihm sagen konnte.

 

Lican

 

 

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