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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Doch, du könntest das auch.

Seit ich alleinerziehend bin, sagen mir quasi fremde Leute, dass sie mich bewundern für das, was ich leiste. Dass sie das nicht schaffen würden.

Ich nicke meist freundlich aber hilflos und habe keine Lust, darüber zu sprechen. Mein eigenes Gedankenkarussel dreht sich währenddessen simultan in zwei Richtungen.

A) Doch. Könntest du. Weil du musst.

Egal, ob du dich dazu entschieden hast, dass es allein besser ist, dein Partner dich verlässt oder stirbt oder sonst etwas passiert: Du bist allein.

Nicht in jeder Sekunde, aber sicher beim Frühstück, beim Abendbrot, bei der Organisation von Holen und Bringen, bei nächtlichen Schreiattacken oder bei dem Geburtstag deiner besten Freundin, zu dem du nicht gehen kannst, vielleicht zum dritten Mal, weil sie der einzige potenzielle Babysitter ist.

Kannst du dir für dich nicht vorstellen? Jo, ich mir auch nicht. Ist jetzt aber so. Ich denke mindestens(!) einmal pro Woche, dass ich schon weit über meine eigenen Grenzen gegangen bin. Dass ich nicht mehr kann, Urlaub brauche, ich morgens nicht aufstehen will. Ich hab mich nachts schon sekundenlang taub gestellt in der Hoffnung, dass die Kinder von selbst wieder in den Schlaf finden, aber tun sie natürlich nicht.

Du könntest das, weil ich es auch kann. Weil jeder alleinerziehende Vater es kann. Und jede alleinerziehende Mutter. Weil sie müssen. Sie sind die beste Version von sich, zu jederzeit, weil sie die Wahl nicht haben. Und wenn einer es nicht kann, dann ist es halt meistens auch mit der Bewunderung vorbei und der Anerkennung, denn bei Allem Fürspruch, wie viel oder wie wenig Hilfe ich erwarten können, weiß ich zumeist ganz genau. Das ist kein Vorwurf, denn auch ich hatte mal ein volles Leben, mit Partner oder sogar ganz ohne Kinder, ich weiß, dass auch Nicht-Alleinerziehende keine Zeit haben.

Aber eine Wahl habe ich eben nicht. Und deshalb kann ich.

B) Nein, könntest du nicht. Genau so wenig wie ich.

Ich bin weit davon entfernt, die Mama zu sein, die ich sein will. Ich habe eine Stirnfalte, die davon kommt, wie oft ich genervt die Augenbrauen zusammenziehe. Ich habe mich an meinem großen Kind schon heiser geschrien und der Arme ist erst drei. Die Wohnung ist nie so sauber, dass ich ans Staubwischen denke und ich bestelle sooft Pizza das die Boten meinen Sohn mit Namen kennen.

Meine Rechnungen bezahle ich immer auf den letzten Drücker und auf die Infos, die in der Kita am schwarzen Brett hängen, müssen die Erzieher*innen mich immer persönlich hinweisen.

Trotzdem habe ich nie genug Zeit, um mit dem Großen intensiv zu spielen und für das Baby wollte ich schon seit über einer Woche in die Apotheke.

Ich kann das überhaupt nicht! Und oft denke ich, wenn du dich ehrlich für mich interessieren würdest, wüsstest du das. Ein Geheimnis mach ich daraus nämlich nicht, weil ich denke, das ist sehr normal.

Würde ich noch mehr Gas geben, müssten meine Kinder nämlich bald ganz anders betreut werden, während ich in der Klinik mit Therapeuten daran arbeite, wieder auf die Beine zu kommen.

Fakt ist: Man kann ein Kind nicht allein großziehen. Oder zwei, oder drei.

Ich habe Familie, auch hier in der Nähe und Väter, die sich sporadisch kümmern, bemüht sind.

Ich habe finanzielle Unterstützung und muss im Moment noch nicht arbeiten. Und weiter?

Mir fehlt es an Vielem, dabei stehe ich noch wirklich gut da. Mit Freunden und Freundinnen, die mir zuhören, mich mal in den Arm nehmen. Ohne Ex-Partner, der mir dauernd reinredet, versucht, mir die Kinder wegzunehmen oder mich für inkompetent hält.

Mit pädagogischem Vorwissen und der Möglichkeit, eine Familienhilfe zu beantragen.

“Ich könnte das nicht”, hilft überhaupt nicht. Natürlich nicht. Niemand kann das. Aber ich muss das können.

Wie ich das mache? Ich überlebe, bitte um Hilfe und überprüfe dann und wann, ob ich mir noch in die Augen sehen kann.

An guten Tagen beantworte ich die Frage dann mit “Ach du, wenn man muss, dann kann man” und hoffe, du verstehst, was ich meine.

Viel lieber wäre mir aber ein ernst gemeintes und interessiertes “Wie geht es dir? Brauchst du Kaffee?”

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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