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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

“Du musst das nur wollen” und du solltest das schon merken.

Wenn ich eine Hitliste der Sätze erstellen müsste, die ich seit der wiederkehrenden Depression hassen gelernt habe, dann macht dieser hier den Anfang. Gleich danach kommt “Ja, bei dem Wetter hab ich auch immer schlechte Laune.”

Aber “Du musst das nur wollen” löst in mir den kaum unterdrückbaren Impuls aus, meinem Gegenüber einfach gepflegt seinen klugen Ratschlag in Stein gemeißelt zurück in den Rachen zu schieben.

“Kriegen deine Zähne den nicht klein? Du musst das nur wollen!

Dahin wo es weh tut, nich? Depressionen sind ja irgendwie das fernbleiben vom Wollen. Ich möchte nicht sagen, dass ich im Bett liegen und nichts tun will, aber im Grunde, doch, ist es das, was ich mir dann wünsche. Mehr geht halt auch nicht. Eigentlich. Ich muss ja trotzdem. Der Filou ist ja da, der braucht mich. Und auch mit halbem Elan aufstehen ist aufstehen.

Ich muss es also nicht wollen, ich muss es müssen. Rausgehen, aufstehen, Dinge erledigen, all das muss ich. Wollen muss ich gar nichts. Im besten Fall sollte ich leben wollen, weil Menschen die Depressionen haben und merken, dass sie das nicht müssen und nicht wollen, die haben ein Problem.

Ich meine, wenn du mir sagst “Du musst das schon wollen”, was genau möchtest du dann hören?

“Du hast Recht. Ich habe keine Lust auf Sport, ich glaube nicht an Vitamin D und die Tiefkühlpizza schmeckt einfach besser als mein Gekoche. Und wenn ich dem Therapeuten gesagt hätte, dass ich den Platz wirklich will dann hätte er bestimmt einem anderen Patienten die Termine gecancelt damit ich hingehen kann. Ich will das einfach nicht genug! Im Grunde bin ich ja auch gern unglücklich und emotionslos.”

Natürlich will ich. Ich will das der Alltag leichter wird. Ich will dass ich mich besser fühle. Ich will dass die Botenstoffe wieder das tun was sie sollen und mich an Kleinigkeiten erfreuen.

Und ja. Es erfordert oft eine ungeheure Disziplin, aus so einem Loch wieder herauszukommen.

Sport und Struktur und Tageslicht, gutes Essen ein geregelter Schlafrhythmus und soziale Kontakte helfen. Das weißt du und das weiß ich.

Aber was du vielleicht nicht weißt, ich aber schon: Ich kann diese Dinge sehr, sehr wollen und trotzdem scheitern. Meine Gedanken bremsen mich. Ein Korsett aus schlechten Gefühlen. Lähmende Grübelkreise.

Ich bin es nicht wert. Ich kann das nicht. Jemand anders muss das für mich tun. Ich schaffe das nicht allein. Es ist sinnlos.

Wenn du dich jetzt hier auftauchst und sagst DU MUSST DAS NUR WOLLEN

wo glaubst du, knüpfen diese Gedanken an?

Du willst gar nicht gesund sein. Du stellst dich nur an. Du bildest dir das ein. Andere schaffen es, weil sie es wirklich wollen, nur du. Du bist wertlos.

Sie lähmen mich noch mehr.

Ich muss das wollen. Aber du musst das nicht sagen.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

PS: Ich fühle mich gerade gar nicht so schlecht. Aber ich habe diesen Satz gelesen und musste schimpfen. Du musst das nur wollen. Pah.

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