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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Echt? Hätte ich von dir gar nicht gedacht…

Ich bin tough, zäh, passe relativ gut auf mich auf und gehe achtsam mit meinem Leben um.

Aber das hab ich gelernt, das konnte ich nicht schon immer.

Und ich fühl mich auch nicht immer so. Ich sage manchmal und lache dabei “ich hab halt Angst vor Menschen”, aber so viel Scherz ist das nicht.

Die unausgesprochenen Nähe-Distanz-Regeln, das Wissen, wann man ‘nur’ höflich zueinander ist und ab wann man sich wirklich mag, wie lang man sich die Hand gibt, ab wann man sich drückt, das sind alles so Sachen, die weiß ich nicht von selbst.

Ich mach das souverän und liege oft richtig, aber an manchen Tagen weiß ich schon morgens, dass ich besser vor jedem Gespräch flüchte, weil ich ziemlich weit in meiner eigenen Welt sitze.

Und das jemanden zu erzählen ist gar nicht so leicht. Natürlich wissen das die Meisten meiner Lieblingsleute, aber so wie jetzt, da mal ein paar neue dazu kommen, kommt das Thema doch wieder auf den Tisch.

“Wie, du suchst dir Hilfe? Du wirkst gar nicht so!”

“Ja, echt? Aber du wirkst doch immer so tough!”

Klar wirke ich tough. Ist ja mein Leben, wenn ich das nicht souverän lebe, wer sollte es sonst tun?

Trotzdem werde ich mich heute Abend fragen, ob ich was Blödes gesagt habe, mich sozial daneben benommen habe. Und bis ich mich völlig selbstverständlich verhalte, müssen da schon viele ehrliche Gespräche her.

Fünf Absagen heißen hier nicht “Ich mag dich nicht” sondern vielleicht eher “ich bin unsicher” oder “vermisse gerade meine Integrität”.

Ich weiß natürlich, Vieles davon gehört in meine Diagnosenkiste, hängt mit der Isolation der letzten Jahre zusammen, dem Zerdenken von absolut Allem. Ich konnte das mal intuitiver. Konfrontation und Unterstützung, der beste Weg, da rauszukommen.

Aber ich schätze ein Bisschen normal ist das auch.

Wir präsentieren uns von unserer besten Seite in den social media, aber auch in der Welt “da draußen” geben wir in der Regel nur gut ausgesuchte Schwächen von uns preis. Die, die wir argumentativ untermauern können, die man nicht gegen uns verwenden kann. “Ja, manchmal darf mein Kind eine Serie sehen, so zwanzig Minuten am Tablet.” Ehrlich, an wirklich schlechten Tagen hängt mein Großer permanent vor der Glotze und guckt sich singende Busse an, weil ihn das glücklich macht und ich nur schimpfen würde. Das erzähl ich aber natürlich nicht jedem.

Würde ja verletzlich machen. Ein Bisschen was von dem Panzer nehmen, den wir ja doch alle brauchen, um uns nicht von Fremden verletzen zu lassen. Immerhin bekommt man auch für durchdachte und wertvolle Erziehungskonzepte harsche Kritik von völlig Fremden auf der Straße!

Nur, wie lässt man diesen Panzer fallen, wenn man Leute doch eigentlich gern echt und wirklich, mit allen Schwächen, kennen und mögen lernen will?

Ist es nicht doch so, dass man sich am Ende viel mehr Leute wünscht die in die Wohnung dürfen, ohne das man vorher einmal schnell aufräumen muss? Viel mehr Leute die man anrufen kann, ungeduscht und überfordert, “komm, hilf mir mal?”

Wenn ich tough bin, überrascht euch das vielleicht, weil ihr mir das nicht zugetraut hättet.

Aber ich bin manchmal auch echt schwach. Dann bin ich aber immer noch ich, immer noch liebenswert, immer noch eine großartige Freundin.

Ich lasse euch eben nur nah genug ran, auch Schaden anrichten zu können.

Schätze aber, nicht nur ich wirke tougher als ich mich fühle. Oder?

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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