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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Erwachsen werden ist langweilig, ich mach das nicht!

Ich wollte ein Leben voller Abenteuer.

Das klingt vielleicht verantwortungslos und ist es bestimmt auch, aber ich dachte schon mit fünfzehn, dass es voll meine Art wäre mit Anfang Zwanzig ein Kind von jemandem zu bekommen, den ich kaum kenne.

Ich dachte, ich würde dann super locker mit Kind auf dem Arm in die Welt laufen und eben “mein Ding machen” – Bücher schreiben, Psychologie studieren. Vielleicht reisen, obwohl dafür ja später auch noch Zeit wäre.

Ein Bisschen Großstadtflair, immer neue Leute kennenlernen, irgendwie aufregend sein.

Was soll ich sagen? Dinge kommen anders.

Ich meine, ich schreibe schon an meinen Büchern herum und das Kind ist auch da, obwohl ich den Filoupapa natürlich inzwischen etwas besser kenne.

Und es ist tatsächlich für alle Beteiligten das Beste, dass ich “alleinerziehend” bin, die Beiden sich immer dann sehen, wenn es eben gerade passt.

Aber ich wohne mit halbem Bein wieder in meiner Heimatstadt und auch das zweite ist weit weg vom Großstadtflair.

“Locker mein Ding machen” ist gar nicht so mein Ding, ich bin besorgt, den ganzen Tag. Isst das Kind genug? Reicht das Geld den Monat? Verkraftet er den Kita Wechsel?

Leute kennenlernen macht mir irgendwie ein Bisschen Angst weil ich mein “egal was andere denken” an der Kreissaltür wohl eingetauscht hab gegen endlose Liebe und aber auch weniger Schamgefühl.

Ich frage mich, wie ich wirke, welchen Eindruck ich mache. Ich möchte nicht, dass Leute meinen Sohn in eine Schublade stecken, in die ich gut passen könnte.

Ich möchte dass er sich “normal” fühlt, weil ich mich nie so richtig normal gefühlt habe.

Ein Bisschen als würde ich mich schämen, ich zu sein.

Ich wäre gerne die beste Version von mir, für den Filou.

Wie die aussieht, weiß ich nicht genau, aber offenbar hat sie keine blauen Haare, obwohl die mir helfen mich mehr wie ich selbst zu fühlen.

Ich bin grundsätzlich nämlich bunt und sehr offen.

Zwei-Kinder-Haus-Garten-Sommer-an-der-Ostsee war nie so mein Traum, lieber bunte-Haare-Regenbogen-Spielplatz-in-der-Grosstadt.

Und jetzt hab ich irgendwie nichts davon so richtig und nähere mich dem Gedanken an, dass ein Bisschen sichere Basis auch gar nicht so schlecht wäre. Dass auch ein Haus irgendwann mal so eingerichtet sein könnte das querbeet-Kaddi sich darin wohlfühlt und dass mir viel wichtiger ist, Menschen um mich zu haben die ich mag, als ständig welche kennenzulernen.

“Das nennt sich dann erwachsen werden” und irgendwie ein Bisschen langweilig. Ich könnte gut behaupten, “aber Kinder allein sind ein Abenteuer”!

Aber, obwohl alles mit dem Filou auf jeden Fall aufregend ist – gerade haben wir drei Wochen Kitafrei und kaum Freunde in der Nähe und doch, das ist ganz schön langweilig.

Trotzdem wünsche ich mir eigentlich nur ein paar Herzensmenschen in die Gegend, damit ich mehr Zeit dafür habe, weniger unsicher zu sein und “locker mein Ding zu machen” als große Abenteuer, bunte Haare und neue Leute.

Dann wäre “aufregend” vielleicht auch Abenteuer genug.

Verrückt ist einfach, dass ich sehr wohl wusste, wie sehr sich mein Leben mit Kind verändert.

Aber wie sehr ich meine eigenen Werte, meine Lebensphilosophie und zum Teil sogar die Auswahl meiner Freunde überdenken würde, wie sehr dieser Babybauch, diese Mini-Hände und die Autonomiephasen in Festivallautstärke zu Hause in meinem Bett an den Grundfesten meiner eigenen Persönlichkeit rütteln würden, wie unfertig ich mich wieder fühlen könnte und wie viel eigene Persönlichkeit ich noch entwickeln müsste, das war mir nicht bewusst.

Ich dachte “Kinder werden groß” und das obwohl ich in Kita’s gearbeitet und Bekannte mit Bauch und Kindern begleitet habe, obwohl meine Mutter mir davon erzählte und obwohl ich dachte, ich wäre schon einigermaßen erwachsen genug.

Aber nicht nur mein Leben ist ein Anderes, ich bin eine Andere.

Und ich weiß wirklich nicht immer, wie gut mir das gefällt.

Ich weiß nur, dass mir der Filou sehr gut gefällt, dass ich keine Ahnung von Liebe hatte und dass ich die letzten kitschigen Zeilen der meisten Artikel von Elternblogs mittlerweile nicht mehr lesen kann, ohne ein Tränchen zu verleugnen, dass sich aus meinem Augenwinkel drückt, obwohl mein Herz doch felsenfest eingemauert wurde von dem, was ich so erlebt habe, bis das kleine Herzklopfen auf dem Ultraschallgerät die Kammern geflutet und aufgebrochen hat.

So ist das. Man wird erwachsen. Wie langweilig. 😉

Mit Liebe

Kaddi

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