Allgemein,  Gastbeiträge und Kooperationen

Gastbeitrag: Ohne Diagnose: “Entweder ich bring mich um oder ich gehe durchs Feuer”

Ich habe diesen Blog als Ausdrucksmedium gewählt. Sozusagen als digitale Selbsttherapie, eine Möglichkeit der öffentlichen Reflexion. Darüber ergeben sich immer mal wieder Gespräche mit anderen Betroffenen, Schicksalen und Leidenswegen, denen ich hier gern auch Raum geben möchte.

Vor einigen Tagen erreichte mich die Geschichte einer Mutter, die ihren Weg lang ohne entsprechendes Netzwerk und ohne Diagnose meistern musste. Hier veröffentlicht sie lieber anonym.

Ihren Weg zur Therapie und wie ihr die späte Konfrontation mit ihrer Diagnose geholfen hat, aber auch was es ihrer Meinung nach benötigt um so ein Leben mit besonderen Herausforderungen zu meistern hat sie hier aufgeschrieben:

Ich hatte viele Jahre mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen. Massive Traumata, Depressionen. Allerdings ohne diese Diagnosen zu kennen, die erhielt ich erst viel später.

Zu meiner Zeit gab es die Traumatherapie, wie es sie heute gibt, noch nicht. Sie steckte noch in den Kinderschuhen.

Während junge Menschen heute zumindest theoretisch auf ein Hilfsnetzwerk zugreifen können, wurde ich mit meinen (begründeten!) Schwierigkeiten in ein Heim gesteckt. Dabei sei zu erwähnen das die Heime, von denen ich spreche, nichts zu tun haben mit den pädagogischen Einrichtungen wie man sie heute kennt.
Später wurde mir meine älteste Tochter weggenommen – um mich zum Arbeiten zu zwingen..
Heute ist so eine Willkür undenkbar.

So hatte ich eben keine Chance die Traumata aufzuarbeiten oder gar ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Irgendwann kam aber der Zeitpunkt, an dem ich mit meinem Leben und Erleben durch das Innen und Außen konfrontiert wurde.

Inzwischen waren meine Kinder “groß” und Vieles brannte nun auch in ihren Seelen.

Es gab viele Dramen …viele Tränen… viele Verletzungen… Enttäuschungen.

Schuld!

Fast ein Jahrzehnt Therapien.
Selbstreflektion: Schuldig…Selbstvorwürfe.. Erkenntnisse die mich fast in den Suizid trieben..

Immer wieder die Auseinandersetzungen mit meiner Urfamilie, die mich fast in den Wahnsinn trieben.
War doch genau dort die Wurzel vielen Übels!

Die Aufarbeitung aller Traumata!
Flashbacks und daran durchdrehen.

In die Klinik..Psychopharmaka. .

Dazu noch die Verurteilung durch meine Urfamilie, die meinte ich wäre geisteskrank.

So musste man sich selbst nicht mit dem eigenen Urschleim auseinander setzten.

Aber so gab es auch keine klärenden Gespräche.

Keine Unterstützung – einfach nichts.

Was blieb war die Verurteilung , bis heute…

Was ich damals für meine Kinder tun konnte, was mir blieb, war eine Art Schadensbegrenzung.

Im Laufe meiner Therapien auf Erziehungsprobleme achten… Lösungen suchen… und schließlich die Erkenntnis als Mutter versagt zu haben.

Sei es durch Krankheit geschehen oder nicht: Das war egal!

Eines Tages stand ich am “Scheideweg”:

Entweder ich bring mich um, oder ich gehe durchs Feuer.

Ich wählte das Feuer!

Diese Zeit war die schlimmste meines Lebens.
Retraumatisierungen durch Flashbacks. Erinnerungen waren hautnah, als wäre es “gestern” geschehen.

Mir war als zerbrach meine Seele in tausend Stücke.
Das kleine Mädchen in mir weinte die Tränen, die es damals nicht weinen konnte.

Ich hatte damals eine Psychlogin und einen christlichen Seelsorger. Beide arbeiteten mit mir und standen mir unablässig zur Seite.

Heute sehe ich das als Glücksfall! Sie ertrugen meine verwirrten Emotionen…Unter Anderem auch Panik, Angststörungen.

Sie halfen mir in der Bewältigung meiner lebensnahen Sorgen und Probleme.
Und die waren nicht ohne!

Rückblickend kann ich sagen, dass sich die Aufarbeitung meiner Vergangenheit, auch erst im Alter von 35 Jahren, gelohnt hat.

Die damaligen Lebensumstände auch als Grund für viele Misserfolge und daraus resultierenden Probleme zu erkennen …zu akzeptieren… war sehr schwer.

Den Kontakt zu meiner Herkunftsfamilie habe ich abgebrochen, Unehrlichkeit, gesponnene Intrigen…keine Schuld empfinden, da anscheinend keinerlei Gewissen, Heuchelei… Verdrängung. Nicht zuletzt um mich selbst zu schützen, ich hatte gute Gründe das zu tun.

Es kam immer wieder zur Kontaktaufnahme durch Sterbefälle. Selbst die endeten für mich verletzend.

Mein Fazit:
Jetzt, nach so vielen Jahren, kann ich persönlich einigermaßen ausgelassen durch mein Leben latschen.

Habe sporadisch mit Depressionen zu kämpfen…

Niederlagen zu ertragen und damit umzugehen… Trotz Allem immer wieder aufstehen.

Zu meinen Kindern habe ich eine gute Beziehung, so gut es eben geht.

Diese Beziehungen sind mehr oder weniger schwer belastet und doch machen wir das Beste draus. Krisen hatten wir viele und sind bemüht diese gemeinsam zu lösen.

Trotz der langen Therapien, in denen ich zum Teil wertvolle Erkenntnisse gewann, haben meine Erlebnisse aus der Vergangenheit bis heute mitunter starke Auswirkungen auf mich und mein Leben.

Man kann nichts ungeschehen machen!

Aber man muss Dinge, die man nicht ändern kann, als diese erkennen und akzeptieren.

Ich glaube Selbstliebe ist eines der wichtigsten Dinge in diesem Prozess. Indem man sich seine “Fehler” vergeben kann (das schwerste überhaupt), denn so bist du auch in der Lage anderen zu vergeben.

Dann erst kannst du abschließen und loslassen. Ansonsten fühlt sich das an, als ob du ewig auf dem gleichen alten zähen Stück Fleisch herum kaust..

Es ist wie es ist!
Halt verdammt schwer an sich selbst zu glauben mit all den großen Zweifeln die sich manchmal auftun, deretwegen man sich sooo klein fühlt.

Selbstmotivation! Schakka!

Klappt nicht immer, aber meist.
Vor allem helfen gute Freude , Menschen die dich verstehen, weil sie wissen wie du tickst.
Trotz Allem gibt es bei den sogenannten “Gesunden” auch Pleiten, Pech und Pannen.

Niemand ist perfekt!

Am Wichtigsten ist die Liebe , sie wird dich durch so Manches tragen.
Was mich am Muttersein von Anfang an sehr rührte war die bedingungslose Liebe, die das Kind dir entgegenbringt.

Lange sah ich nur das Ideal. Was wohl niemand erreichen kann. Ich sagte mir immer… weglaufen ist nicht, da musst du durch!

Viele Jahre quälte ich mich damit, mich selbst bei Herausforderungen und auftretenden Problemen ständig in Frage zu stellen.
So trat ich lange auf der Stelle, bis ich begriff: Manchmal muss man zwei Schritte zurück um wieder vorwärts gehen zu können.
Oft ganze Denkkonstukte wieder zerstören , auf Null schalten – neu beginnen.

Immer am Ball bleiben und doch aufpassen, dass man Orte hat um sich zurückzuziehen, sich zu ordnen.
Besonders als Mama kleiner Kinder!

Das alles geschieht nicht über Nacht – oder gar von allein. Nein es bedeutet harte Arbeit… offene, ehrliche Gespräche, aber vor Allem braucht es die Liebe!

Es ist, wie ich (Kaddi) finde, gut zu sehen, was es heute für Möglichkeiten gibt und es bleibt zu hoffen, dass das allgemeine Bild der Menschen von psychischen Erkrankungen realistischer und verständnisvoller wird, damit Personen, die Ähnliches erleben müssen wie diese Gastautorin, in Zukunft ohne Scham und Angst vor Verurteilungen Hilfen in Anspruch nehmen können, sich trauen, den eigenen Gefühlen und Gedanken so viel Platz zu geben, wie sie brauchen und einnehmen dürfen.

Vielen Dank an dich für deinen Mut und deine Offenheit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.