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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Gefühlswelten – überbehütet

Als ich schwanger wurde, war mir klar: Dieses Kind wird in Geborgenheit groß. Ich musste keine Erziehungsratgeber lesen um zu wissen, wie ich es nicht machen will.

Und mit der Geburt des Kindes habe ich mich eingelesen und festgefahren: Du darfst das Kind nicht, niemals schreien lassen.

Aber das Kind schrie, so wie Kinder es nun mal tun. Bei jedem Mucks war ich da. Musste das Kind Traurigkeit aushalten, hielt ich sie aus. Musste es wütend sein, war ich mit wütend. Hatte es Angst, wollte ich es beschützen.

Jetzt ist der Filou 3. Und er schreit immer noch. Und zwar viel. Ich schreie mit.

Er schreit, weil er sich nicht ausziehen will. Weil die Schildkröte auf meinem Schoß sitzt, weil er wach geworden ist, weil er kein Baby ist, weil er nicht zur Kita will, weil er auf den Spielplatz will, weil er auf der Couch essen will, weil er nicht Zähne putzen will. Er ist frustriert, wenn ich nicht da bin, wenn ich weggehen will, wenn etwas nicht so klappt, wie er es sich vorstellt.

Und das darf er. Aber ich muss dann gar nicht frustriert sein.

Meine Familienhilfe kommt zu mir und beobachtet. Sie hat beobachtet, das ich viele Tricks kenne, um Frustration zu vermeiden. Das ich sehr gut weiß, wie ich ihn aus seinem Frust rausholen soll. Das ich ihn gut vor seinen Gefühlen beschützen kann.

Und hier wird es knifflig: Wenn das Kind gefährlich klettert, wenn er ausprobiert, wie weit er sich von mir wegtraut und alleine durch eine andere Straßenbahntür gehen will, wenn er barfuß läuft im Oktober oder über Spielplätze, auf denen Scherben liegen, wenn er Gurke mit dem Messer schneiden oder das Laufrad die Treppen allein runterträgt und andere mich ängstlich ansehen, dann händle ich das sehr souverän. “Dann tut er sich weh. Er wird es überleben.”

Warum nicht, wenn er fühlt? Warum denke ich, das er seine eigenen Gefühle nicht aushalten kann, warum lasse ich ihn nicht lernen, damit umzugehen?

Mein Herzensmensch spricht dieses Thema schon lang an und ist dabei sehr vorsichtig. Natürlich weiß sie, wie schnell ich hier zu mache, wie schnell ich mich in Rage rechtfertige und nur die Kritik höre. Wie schnell ich sage “Aber er ist doch noch klein!”

Das ich jetzt zuhöre hat verschiedene Gründe: Zum Einen bin ich am Ende meiner Kräfte. Ich kann inzwischen so schlecht aushalten, das der Filou manchmal die volle Breitseite meiner Frustration abbekommt. Zum Anderen ist da die Familienhilfe, die professionell reflektiert. Und dazu kommt der neue Freundeskreis aus Müttern mit Kindern im selben Alter, die mir zeigen: Wir sind alle nur Menschen, wir alle machen Fehler.

Ich weiß, wie ich nicht sein will. Ich möchte nicht dicht machen, weil ich gerade keinen Kopf hab. Ich möchte nicht, das der Filou sich verloren fühlt. Und wenn er weint, dann fühle ich mit. Potenziert. Der Filou weint, weil ich eine Pause mache und ich fühle mich als würde ich ihn im Stich lassen. Das ist unverhältnismäßig.

Das ist, als ob ich ihn nicht klettern lasse. Als ob ich ihm sage, es sei zu gefährlich, allein in die Bahn einzusteigen. Er lernt es nicht – er lernt, ich vertraue ihm nicht – er lernt, eine Gefühle kann er gar nicht aushalten, muss er auch nicht, ich mach das. Er muss nicht gucken, ob da noch Leute aussteigen, ich stehe ja direkt daneben und pass auf, das ihn keiner umrennt.

Also sind wir auf dem Weg. Auf dem Weg, Gefühle auszuhalten.

Und er weint weiter. Er weint, weil er seine Schuhe nicht anziehen will, weil die Schildkröte auf meinem Schoß sitzt, weil er keinen Kinderriegel darf und weil ich eine Pause mache. Er weint, wenn ich weggehe und er schreit, wenn ich “Stopp” sage und es so meine. Er weint, wenn er den heißen Herd nicht anfassen darf und wenn wir es nicht mehr zum Spielplatz schaffen.

Aber ich halte das nicht für ihn aus. Ich sage “Du kannst herkommen, ich tröste dich.” Und entweder er kommt, oder er kommt nicht. Ich nehme mir meine Pause trotzdem und die Schildkröte bleibt auf meinem Schoß.

Und an guten Tagen mit viel Struktur, an Tagen an denen wir nicht müde sind und sowieso schon frustriert, an solchen Tagen klappt das. Dann werde ich nicht wütend, und ich weine nicht mit, ich muss ihn dann nicht beschützen sondern ich kann ihm zeigen: Das was du da fühlst, das ist normal. Kann dich ärgern. Aber das hältst du aus.

Und er hält es aus. Er hält es aus und geht nicht verloren. Vielleicht fühlt er, das es nicht so schlimm ist. Etwas, das ich immer und immer wieder vergesse ist, das er sehr viel mehr Puffer hat als ich. Er hat mich. Und auch wenn ich viele, viele Fehler mache und wenn ich oft, sehr oft nicht die souveräne Mutter bin, die alles im Griff hat, so sehe ich meine Kinder doch beinahe in jedem Zeitpunkt. Ich sehe was sie tun, ich sehe wie sie sind und ich nehme sie an.

Mit dieser Erkenntnis gehe ich nun bald in die Tagesklinik und versuche anzunehmen, wie sie helfen können.

 

Mit Liebe und Lächeln

(und einem Danke im Herzen für den Herzensmensch)
Kaddi

 

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