“Hallo du, hilf mir mal beim Regulieren” – Die ewige Pubertät

“Das hab ich so überhaupt nicht gesagt!” “Aber die Lisa hat gesagt du bist irre oberflächlich und…” “oaaar! Hauptsache die lästert über mich!”

Jugendliche in der Pubertät interpretieren Gesichter stimmungsabhängig falsch. In Versuchsreihen haben sie ein eindeutig fröhliches Gesicht mitunter als abweisend oder ein trauriges zum Beispiel als wütend empfunden.

Nicht umsonst sind Jugendliche oft mal als zickig oder bockig bezeichnet, lästern viel und oft und verkrachen sich in der Clique: Hormone und Neuverknüpfungen der Synapsen sorgen für ‘Stimmung’.

Die Pubertierenden sprechen miteinander über das Erlebte und viele subjektive Wahrnehmungen prallen auf ein enges Geflecht aus Beziehungen. Es gibt Klinsch und das nicht nur im Freundeskreis.

Plötzlich ist Lisa oberflächlich und Tina eine Zicke, Tim steht auf Anna obwohl er mit Lisa zusammen ist:

Und nur die Hälfte von Allem ist wahr, obwohl seines Wissens jeder ehrlich war.

Jeder hat nur das erzählt, was er selbst so wahrgenommen und empfunden hat, nur hat jeder eine eigene (pubertätsbedingt) gestörte Wahrnehmung.

“Die ewige Pubertät”:

Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung

Menschen mit der Borderline-Persönlichkeitstörung haben dieses Problem mitunter sogar ihr ganzes Leben lang. Auf entsprechende Erfahrungen können sie nicht zurückgreifen und die Pubertät zieht sich zumindest noch durch die Adoleszenzphase.

Sie haben im Kleinkindalter oft Lücken in der psychologischen Entwicklung, so fehlen zum Beispiel das Fundament zum Erlernen der Gefühlsregulation oder des Interpretierens von Gesichtsausdrücken und Stimmungen.

In meinem Alltag bin ich mir oft nicht sicher, ob ich angemessen reagiere. Fühlt sich mein Gegenüber wohl in seiner Haut oder sagt er das nur so? Kann ich meiner Wahrnehmung gerade trauen oder spielen mir meine Erfahrungen einen Streich?

Es kommt vor, dass ich das Gefühl habe meine Mitmenschen zu nerven, obwohl sie sich in meiner Umgebung sehr wohl fühlen. Entspannte, ruhige Menschen empfinde ich als angespannt, nachdenklich oder traurig.

Manchmal fällt es mir irrsinnig schwer, Ironie oder Sarkasmus zu erkennen und witzige Sticheleien empfinde ich als echten Angriff.

Im Alltag und gerade beim Kennenlernen von Menschen kann das sehr anstrengend sein. Natürlich weiß ich um meine Schwächen und lache dann eben einmal öfter auch über mich selbst.

Aber viele Situationen nehme ich schließlich doch mit nach Hause und grüble noch einmal darüber nach: Mag der mich jetzt oder denkt er, ich hätte sie nicht mehr alle? Habe ich mich richtig verhalten?

“Es gibt kein richtig und falsch, du musst nur mehr Selbstvertrauen aufbauen!”

Dieser Satz kotzt mich ziemlich an.

Wie soll man denn mehr Selbstvertrauen aufbauen, wenn man sich selbst eben nicht vertrauen kann oder manchmal sogar nicht darf?

Es nervt ja auch, sein Gegenüber dauernd zu fragen, wie er Dieses und Jenes gerade meinte oder jedes Mal auszusprechen, wenn man etwas als verletzend empfunden hat, vor Allem eben wenn das dauernd passiert.

Ein Therapeut sagte mal zu mir, ich solle in solchen Situationen Freunde anrufen und sagen “Ja, hey du, kannst du mir mal beim Regulieren helfen?”

Eine Weile habe ich das scherzhaft sogar genau so gemacht. Vor Allem und am Liebsten mit Lican. Nach einer Weile wurde aus dem überspitzt betonten Scherz eine ehrliche Bitte!

Denn es hilft tatsächlich. Ihr möglichst sachlich zu beschreiben, was passiert ist und wie ich mich dabei gefühlt habe, hilft mir dabei die Situationen einzuordnen und herauszufinden, ob meine Wahrnehmung da nicht mal richtig lag.

Natürlich bringt mir das sehr wenig für die Situationen selbst: Da hilft nur eine dickere Haut und etwas Mut, das Mantra “am Ende ist egal, was sie von dir denken”.

Ich weiß nicht mal genau, ob sich das irgendwann ändert, ob ich das Potenzial habe eine ‘funktionierende” Wahrnehmung aufzubauen, der ich dann auch trauen kann.

Nur bei all dem, was ich im Leben noch erreichen möchte, sind eine Hand voll Strategien für den Alltag sicher nicht verkehrt.

Wie ist das bei euch? Hattet ihr Situationen, in denen ihr an eurer eigenen Wahrnehmung wirklich gezweifelt habt, oder ist es für euch selbstverständlich richtig, was ihr seht und hört und fühlt?

Mit Liebe

Kaddi

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