Ganz normaler Wahnsinn

Hört doch einfach auf, euch zu hassen!

Ich habe mal einen Mann in einer Großstadt kennengelernt. Er war Mitte 40, rheumakrank und hatte einen vierzehnjährigen Sohn.

Er lebte in Scheidung, weil seine Frau nicht mehr glücklich war und sein Sohn hatte sich entschieden, zu ihm zu ziehen, obwohl er in einer Einraumwohnung wohnte. Der Junge war einfach glücklicher bei ihm.

Damit der Junge in seiner Pubertät etwas Privatsphäre hatte, vertrieb der Mann sich am Hauptbahnhof die Zeit.

Leider konnte er seiner Erkrankung wegen nicht mehr arbeiten. Er lebte auf Kosten des Staates, bekam weniger Gelder als er benötigt hätte und konnte sich deshalb nicht so viele schöne Dinge leisten.

Er erzählte mir lachend, dass ich nicht so mitleidsvoll gucken solle. Er hätte tolle Freunde, die ihn unterstützen und er könne sie mir ja vorstellen.

Ich hatte damals Nichts vor, also schlenderten wir zusammen über den Bahnhof.

Da war ein Mann mit einem breiten Lächeln und strahlend weißen Zähnen hinter dem Tresen beim Bäcker, der uns einen blauen Sack voll Brote gab, kurz vor Schließzeit.

Da war eine Frau mit schönem, lockigem Haar am Kiosk, die uns für lau eine Sprite und Pommes über die Theke reichte.

Der Blumenmann am U-Bahnschacht reichte uns ein paar Tulpen, die schon so sehr blühten, dass er sie am nächsten Tag nicht mehr verkaufen konnte.

All diese Menschen hatten plötzlich ein Gesicht. Sie beschenkten mich weil ich mit einem Freund von ihnen daher kam. Weil ich sie anlächelte und mit ihnen sprach, freundlich, höflich, aber doch zurückhaltend.

Der rheumakranke Mann begleitete mich bis zu meiner Tür. Er fuhr U-Bahn mit mir und kaufte sich eine Fahrkarte, obwohl er kaum Geld besaß, weil er sich Sorgen machte, eine junge Frau Samstagabend allein durch die Großstadt fahren zu lassen.

Er machte mir keine zwielichtigen Angebote oder wollte eine Gegenleistung. Er lächelte einfach viel und plauderte mit mir.

Er hatte etwas mit dem Mann mit den strahlend weißen Zähnen und der Frau mit den Locken gemeinsam:

Sie alle kamen nicht aus Deutschland.

Und sie alle waren herrlich menschlich und weltoffen.

Der rheumakranke Mann hatte seit vielen Jahren eine Aufenthaltserlaubnis. Irgendwann endlich bekam er auch die deutsche Staatsbürgerschaft und die Arbeitserlaubnis. Nach einem Jahr in Arbeit und vielen Kämpfen mit Behörden, nach der Scheidung von seiner Frau und der langersehnten Arbeitsaufnahme wurde er krank.

Ihm bezahlt niemand eine teure Wohnung und sicher bekommt er nicht mehr als ein Hartz IV – Empfänger und er pöbelt nicht oder hasst irgendwen oder nervt die Menschen oder lungert herum.

Er ist nur eines: Sehr viel menschlicher als Viele, Viele die ich jeden Tag sehe. Er lächelt die Leute an und spricht mit ihnen. Er bittet die Leute um Hilfe, die helfen können. Er weiß, dass Brot, dass einen Tag lang im Bäckerstresen lag, immer noch schmeckt.

Er weiß dass auch ein deutsches Mädchen, dass traurig auf einer Bank liegt, manchmal nur jemanden braucht, der sie nach Hause bringt und ihr zuhört.

Ich habe an diesem Abend gelernt, dass es geht. Wir können uns gegenseitig helfen. Wir können uns alle in die Augen sehen und jeder kann jedem helfen, weil er vielleicht das kann, was der Andere nicht kann.

Dazu brauchen wir kein Geld und keine Wunder sondern nur offene Augen und offene Herzen und weniger Angst.

Als der Mann mich nämlich ansprach, dachte ich, er will mir so einen dummen Heiratsantrag machen. Ich dachte er ist einer von denen, die mich ansprechen weil ich aussehe wie eine, die ihn heiraten würde, damit er hierbleiben dürfte.

Ich schämte mich für den Gedanken, aber es war eben schon ein paar Mal vorgekommen und ich war nicht in der Stimmung, so ein Gespräch zu führen.

Ich bin dankbar dafür, dass ich ihm zugehört habe!

Ich sehe all das Leid überall. Hass und Angst und Wut und Unverständnis. Parolen und Hetze auf allen Seiten.

Hört doch einfach damit auf! Hört einfach auf, euch zu hassen. Es ist nicht so schwer.

Menschen sind verschieden. Manchen fehlt ein Bein, Andere mögen gern Alkohol. Einige kommen aus dem Krieg. Es gibt welche, die sind psychisch krank und welche, die sind reich. Einige mögen Gott und Andere finden Allah gut. Atheisten gibt es auch noch und so viele, die selbst gar nicht genau wissen, wer sie sein wollen!

Jeder hat eine Existenzberechtigung. Jeder ist Mensch.

Es gibt Nichts, was jemanden zu einem Menschen zweiter Klasse macht, es gibt keinen Grund, nicht auch dem Nazi zuzuhören.

Sogar mit rechten Menschen kann man reden: Man kann ihnen sagen, “wir werden uns da nicht einig, lass uns nicht über das Thema reden. Erzähl mir lieber von deinen Kindern oder von deinem Job. Sag mir, was deine Lieblingsfarbe ist und vielleicht mag ich die auch.”

Sucht doch nicht nach Unterschieden, findet die Gemeinsamkeiten! Seht nach, ob es welche gibt und fragt euch, ob die verschiedenen Werte wirklich ein Problem sind.

Die meisten Probleme, die wir haben, in dieser Welt, die allermeisten lassen sich lösen, mit weniger Hass und weniger Rücksichtslosigkeit.

Und an denen, die sich so nicht lösen lassen, bist vermutlich weder du noch dein ausländischer Nachbar Schuld.

Mit Liebe

Kaddi

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