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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

“Ich ‘aff das alleeeeine!”

…verkündete der Filou lautstark und behauptete dabei, er würde sich eine Schleife binden. Davor seine Hose selbst anziehen. Davor sein T-Shirt. Da stand es nun, mein zerknittertes nöliges Kleinkind, mit rotgeweinten Wangen, triefender Nase und dem Zettel mit den Waschanweisungen seines T-Shirts unter seinem Kinn.

Auf links und verkehrt herum, das ist auf jeden Fall auch eine Kunst, dachte ich. Kunst kommt vom Können.

Ist auch egal, wir können auch so los. Und irgendwann kommen wir an. Haben im Moment nicht so viel Zeitdruck.

“Is mötte Schotolade, bitte – eintaufen dehen” – ist schon schwieriger. Schokolade gab’s eh zu viel in letzter Zeit und Einkäufe außer der Reihe sind nicht drin.

Rabäh-wäh. Mama Arm!

Ich trage, ich streichle, ich erkläre.

Ich schimpfe, setze Grenzen, zwinge.

Ich fordere, fördere, nehme Abstand.

Ich denke, ich mache alles immer so verständnisvoll wie möglich, als Inkonsequenz in Person.

Keine Ahnung ob mein Kind schon als schlecht erzogen gilt, weil er in Läden vor mir wegläuft oder mich in Wutanfälle immer noch manchmal haut.

Man sollte meinen ich hätte mehr Gefühl für Erziehung und richtig oder falsch nach so viel berufsbedingter Arbeit mit Kindern, aber nein, überhaupt nicht. Das Einzige was ich dabei gelernt zu haben scheine ist, wie ich es nicht machen will und das jedes Kind anders ist und eine andere Behandlung braucht.

Ich habe ja ein paar Rechtfertigungen parat, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich die überhaupt auspacken muss.

Diese ganze Mutter-sein-Geschichte überfordert mich ein Bisschen.

Meine Vorbilder kommen aus dem Internet und klugen Büchern. Ein Bisschen aus dem Umfeld und aus Gesprächen mit meiner Mutter.

Vieles, was bei mir damals schief lief, habe ich im ersten Impuls übernommen – schnell wütend werden, Überforderung nicht einsehen wollen, sowas.

Hat eine Weile gedauert bis ich mir eingestehen konnte, überfordert zu sein, ohne mich gleichzeitig zu einer schlechten Mutter zu degradieren.

Ich hab mich voll mitreißen lassen in den Strudel der “mach-es-richtig”-Mom’s im Netz. Hab immer große Angst davor beim Filou irreparable Schäden anzurichten weil mein Nein einmal zu oft zum Ja wurde oder meine Aufmerksamkeit einmal zu oft vom Smartphone abgelenkt.

Läuft nicht alles Bombe, aber “Du bist auch ein Mensch”, sagt Lican, wenn ich mit ihr rede.

Ich hänge zwischen “ich relativiere unsere Probleme zu sehr, arbeite nicht genug an mir” und “ich überdramatisiere unsere Probleme zu sehr und denke zu viel darüber nach” und bin bei all der Reflexion irgendwann an der subjektiven Bewertung und dem zu viel an Reflexion hängen geblieben.

Mein Kind spricht, es klettert, es diskutiert und isst, es interessiert sich für die Welt. Er sagt “is hab di au lljieb” und kuschelt nach jedem Tobsuchtanfall mit mir.

Es meckert und nölt, so wie ich das auch tue. Wir stecken beide in so Persönlichkeitsentwicklungen fest, auf die eine oder andere Weise. Da kommt es dann manchmal auch zu Krach.

Klar, das ist meine Verantwortung und noch nicht die des Filou’s, Gefühle zu regulieren.

Ich muss mich definitiv besser beherrschen können als er. Kann ich auch meistens.

Es ist schon richtig, dass er nicht unbedingt als “braves Kerlchen” durch geht. Eher so als temperamentvoller Wirbelwind in Daueraction. Finde ich okay so.

Am Ende bin ich noch nie besonders geduldig gewesen, für den Filou musste ich da viel lernen. Ich bin ja nicht mal zu mir selber konsequent.

Wir, also der Filou und ich, grooven uns da schon so rein. Er findet meine Grenzen und ich verarbeite mit ihm zusammen dann Eskalationen so kindgerecht wie möglich.

Kein Streit bleibt im Raum. Wir entsorgen gemeinsam die Wut, ich entschuldige mich bei ihm (und wenn er will, tut er das auch). Manchmal sehen wir uns ein tolles Bilderbuch über wütende Tiere an.

Manchmal muss ich ein Bisschen weinen, weil ich weiß, das ich falsch reagiert habe.

Ich bin ein Mensch. Mit großen und kleinen Fehlern. Der Filou ist mein Sohn.

Auch er wird große und kleine Fehler haben. Bei einigen werde ich irgendwann denken “Autsch, das hat er von dir” oder “Das kommt von den Umzügen” oder auch “Da hat ihm sein Vater gefehlt”.

Ich werde sicher noch oft in die Verlegenheit kommen, mich rechtfertigen zu wollen.

Aber unsere Beziehung ist unsere Beziehung. Wir arbeiten daran. Der Filou lernt. Ich auch.

Und zumindest weiß der Filou und ich bin sicher, dass er das weiß: Wir haben uns immer lieb. Ich find ihn immer toll.

Auch mit Fehlern.

Ein Bisschen Abstand vom inneren Kritiker tut vielleicht ganz gut. Perfekt geht nicht. Den einen oder anderen Kratzer kriegt das Kind schon ab. Steckt er bis jetzt aer gut weg.

Es ist sicher für alle gut, sich gelegentlich doch daran zu erinnern, das alle Kinder irgendwie groß werden. Und das auch eine nicht völlig perfekte Mutter-Kind-Beziehung ausreichen kann, so lang die Verantwortung für alles, was schief läuft, da bleibt wo sie hingehört. Bei den Eltern, nämlich.

Mit Liebe

Kaddi

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