Inklusion und Hau drauf: Warum die “gesonderte” Pädagogik (noch) nicht abgeschafft gehört

Mein erster Tag ist geschafft. Tolle Kita. Tolles Kind.

Mein Auftrag? Integration des Mädchens in die Gruppe. Meine Unterstützung: Fünfzehn Kinder, ein gut ausgebildetes Erzieherteam und eine Kollegin, die das vor mir bereits versucht hat.

Mein Fazit nach dem ersten Tag: Unmöglich!

Inklusion bedeutet, Menschen mit Beeinträchtigung die größtmögliche oder besser gesagt vollständige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Es bedeutet, dass Sonderschulen und Sonderkindergärten abgeschafft werden sollen. Regelschulen und -kita’s sollen dazu in der Lage sein, auch Kinder mit größeren Entwicklungsverzögerungen aufzunehmen und ihnen so gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Traumhafte Vorstellung, in der Theorie, denn was die Leute sehen, macht ihnen keine Angst mehr.

Konfrontation ist der einzige Weg, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und die Welt so zu sehen, wie sie ist: Voller Vielfalt.

In der Realität sehe ich mich mit einem Kind konfrontiert, dass im Grunde mehr als ein Jahr älter ist als mein zweijähriger Sohn, ihm real aber in wesentlichen Dingen hinterherhinkt.

Dieses Bild wurde mir aber nicht beschrieben. Und der Rahmen, in dem ich arbeite, wurde mir auch anders vorgestellt.

Es hieß, ich hätte Zeit und Raum das Kind zu fordern und zu fördern, Auszeiten mit ihm zu nehmen und individuell auf das Kind einzugehen.

Real gibt es fünfzehn Kinder und zwei Erzieher. Fünfzehn Kinder die laut und leise, traurig und bockig und wütend und ängstlich sind.

Fünfzehn Kinder mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, die es furchtbar blöd finden, dass sie geschlagen und gebissen werden von dem völlig überreizten Mädchen. Dem völlig überreizten Mädchen, das einfach nicht weiß, wie es anders kommunizieren soll und nicht dazu in der Lage ist, dieselben Spiele zu spielen wie ihre “gleichaltrigen” Kita”freunde”.

Ich sehe Eltern, die sich hinter dem Wort “Wahrnehmungsstörung” regelrecht verstecken

Eltern, die ihrem Kind die Chance auf eine individuelle Förderung verwehren, weil sie den (abgesegneten!) Platz in einer Kita für körperlich oder geistig beeinträchtigte Kinder nicht annehmen wollen.

Weil sie Angst davor haben, das Kind könne den Stempel “Behindert” aufgedrückt bekommen.
Ich sehe wie das Kind 30 Minuten lang still sitzen soll um zu essen, wie es völlig überreizt von Spielzeug zu Spielzeug geht und von Allem so überfordert ist, dass es wirklich sofort wieder das Interesse verliert.

Ich sehe ein Kind, das herzlich lacht und sich selbst weh tut, um sich zu spüren.

Ein Kind, dass mit Wenn-dann-Verknüpfungen für sehr auffälliges Verhalten bestraft wird, obwohl es derartige Kausalzusammenhänge überhaupt nicht fassen und verarbeiten kann.

Ich sehe gut ausgebildete Erzieher, die überhaupt nicht wissen, wo sie anfangen sollen und deshalb versuchen, es zum Trocken werden zu bewegen, während das Kind nicht einmal den Unterschied zwischen einer trockenen und einer nassen Hose erspüren kann. Ich sehe Erzieher, die nicht wissen, wo die Defizite aufhören und die Ressourcen beginnen.

Ich sehe Erzieher die denken, ein Kind mit Entwicklungsverzögerungen müsse an den Angeboten teilnehmen, die den gleichaltrigen Kindern Freude bereiten, obwohl jeder Lerneffekt ausbleibt.

Erzieher die mich ermahnen, meine Grenzen lautstark zu setzen, weil das Kind es nicht anders verstehen könne. Und ein Kind, das lacht, wenn es angeschrien wird. Das jede Situation so weit ausreizt, bis es angeschrien wird: Ein Kind, das Negativ-Bestätigung sucht und erhält.

Maximale Teilhabe endet hier mit den unfreiwillig eingenommenen gemeinsamen Mahlzeiten. Teilhabe bedeutet hier, durch Schlagen und Treten zu kommunizieren und bei Spielen missverstanden werden.

Vielleicht sind es “nur” eine Reihe verschiedener Wahrnehmungsstörungen, die sich per Defintion nicht als geistige Behinderung klassifizieren lassen.

Geistige Behinderung beschreibt nämlich einen Zustand anhaltender kognitiver Einschränkungen und ob die Entwicklungsrückstände des Kindes zu diesem Zeitpunkt noch aufholbar sind, lässt sich tatsächlich nicht mit vollständiger, absoluter Sicherheit sagen.

Tatsache ist jedoch, dass die notwendige Förderung in dieser Regelkita nicht gegeben ist.

Nicht durch mich als Integrationshelfer, nicht durch Ergotherapie und auch nicht durch Termine zur Frühförderung.

Der durchgetaktete Tagesablauf von morgens um sieben bis nachmittags um vier zusammen mit vierzehn anderen Kindern, ohne entwicklungsstand-gerechte Spielmöglichkeiten und entsprechende Rückzugsräume, ohne entsprechende Weiterbildungen für alle Kollegen und Kolleginnen, bleibt dieses Kind auf der Strecke.

Ich gehe soweit zu behaupten, dass es nicht allen, aber sehr vielen Kindern so geht, die mit solchen Rückständen gezwungen werden, Regelschulen und -Kitas zu besuchen. Egal ob sie von den Eltern oder den Behörden genötigt werden, sie zu besuchen.

Viele Eltern machen sich Sorgen, ob ihre Kinder den Schuleinstieg schaffen. Viele Eltern glauben, das ihre gesunden und entwicklungsgerechten Kinder von der Menge an Kindern und den erhöhten Anforderungen in unserem Bildungssystem überfordert sind.

Warum wird dann von Kindern, die tatsächlich zwingend individuelle Förderung benötigen, erwartet sich diesem zweifelhaftem System einzupassen?

Wie kommt man bei diesem Stand von Geldern und Personalschlüsseln im Bildungssystem auf die Idee, gesonderte Schulen und Einrichtungen mit Ablaufdatum schließen zu wollen?

Das Ziel ist wichtig und wertvoll. Jede Schule und Kita, alle Kinder und Eltern, alle Erzieher und Menschen sollten begreifen, dass anders sein etwas Normales ist.

Eltern sollten sich nicht rechtfertigen oder gar schämen müssen für eine Behinderung, eine Wahrnehmungsstörung oder Entwicklungsverzögerung ihres Kindes.

Es sollte normal sein. Ist es aber nicht. Presst die Kinder nicht in Regelkitas. Nicht in Regelschulen.

Mutet ihnen keine schlecht qualifizierten Eingliederungshelfer auf Befristung und mit wenig Bezahlung zu. Die Frustration wird schnell groß sein und zwar bei wirklich allen Beteiligten.

Guckt hin! Die Kinder sind gut wie sie sind, das System muss sich verändern!

Ich wünsche mir, dass die Eltern den Sprung schaffen. Die Angst vor Stigmatisierungen überwinden und die Veränderung werden.

Vor Allem wünsche ich mir aber, dass dieses Thema nicht idealisiert und schön geredet wird. Inklusion bedeutet nicht, das Kind in bestehende Systeme zu pressen.

Es bedeutet ein System zu entwickeln, dass für alle Beteiligten klappt. Das müssen wir alle tun, es passiert nicht von selbst. So lang, wie das dauert, benötigen wir Blasen. “Sonder”-schulen. Entsprechende Kita’s.

Mit Liebe

Kaddi

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