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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Isolation oder: Rückwärts schneller als vorwärts

Es gibt was, das hab ich die letzten drei oder sogar schon vier Jahre wirklich hassen gelernt.

Ich bin nicht wirklich die erste in meinem Umfeld, die ein Baby bekommt, aber unter den Leuten, mit denen ich irgendwann mal jeden Tag unterwegs bin, eben schon.

Das sind Leute die trinken nachmittags gern ein Bier, treffen sich wenn, dann um Geburtstage zu feiern oder rauchen im Sommer im Stadtpark zu lauter Musik.

Hab ich alles auch mal gern gemacht. Jetzt geh’ ich zu Tageszeiten über Spielplätze, an denen über die Kippenstummel meiner Jugend (zu Recht) geschimpft wird. Ich trinke ungefähr nie, im Moment erst Recht nicht weil dicker Bauch mit Baby drin, ich verlasse das Haus nicht ohne Taschentücher.

Meine Freunde leben aber noch ihr Leben, innerhalb der Jahre wurde ich mehr und mehr zum absoluten Randmitglied. Neue finden fiel mir schon immer eher schwer.

Und nicht nur das: Memes und Musik, Videos und Interessantes aus dem Job kommen bei mir zuletzt an. Berufsbedingt habe ich mich auch vorher gern und viel mit Kinderkram beschäftigt- aber da war eben noch Zeit und Platz für Anderes.

Jetzt nicht mehr. Schon wieder – in der ersten Schwangerschaft war das schon anstrengend, in der zweiten jetzt fühle ich wie die Elternbubble mich einreist und verschluckt, wie ich versuche mich an die Notwendigkeit von Mulltüchern zu erinnern und dabei die Namen der Verlage vergesse, an die ich mein Exposé schicken wollte.

Der Blog, der mich in Zeiten der Einsamkeit und Depression über Wasser hielt, wird im Moment nur genährt durch familienalltägliche Instagramposts und Träumereien, für viel mehr ist zwischen Bauch und Filou einfach kein Platz.

Die neue Wohnung ist eingerichtet und die Fühlster mehr benötigt denn je, aber Zeit das Buch zu überarbeiten ist nicht da.

Die Freunde hier sind nur noch Bus- und Bahnfahrten weit weg, aber ich versacke zwischen aufräumen und vorbereiten und versuchen bei aller Anstrengung die letzte Zeit mit dem Filou allein noch zu ‘genießen.’

Obwohl der Lieblingshandwerker und ich in einer Wohnung wohnen, ist da kein Raum für sinnstiftende Unterhaltungen oder Unternehmungen, es geht aktuell nur darum, sich gegenseitig irgendwie den Rücken freihalten, überleben bis die nächste, die “andere” Zeit kommt.

Jeder Versuch im “Moment zu leben” stolpert über schmerzende Bänder, Müdigkeit oder ein quengelndes Kleinkind.

Hormonbedingte, Schwangerschafts- und Lebebssituationabhängige Selbstzweifel und Gefühlsüberschwemmungen dann eben noch oben drauf.

Wie Leid mir das tut, wenn der Filou die Wut abbekommt! Wie genervt ich bin vom ewigen liebevoll begleiten und Grenzen setzen (und wie wenig die Grenzen vom Filou gesehen oder akzeptiert werden), wie mich an der Hand laufende Kleinkinder und genervte Blicke auf der Straße gerade ankotzen, wie wenig Lust ich noch auf Ärzte habe und auf Briefe in denen steht, das irgendwer Geld von mir möchte.

Wie wenig Ressourcen gerade da sind für die Dinge, die mir Mut machen und Kraft geben und wie wenig Lust ich habe, all den Leuten die mich gern haben die Ohren vollzulamentieren.

Und irgendwo in all den Nein’s und Das nervt’s schwimme irgendwo ich und fühl mich unfassbar allein und einsam.

Und ich weiß auch, das hat was mit dem Winter zu tun und dem Grad an schwanger sein.

Aber jetzt gerade wäre ich wirklich gern einfach irgendwo in einer Kneipe mit den ganzen lieben Leuten und würde sinnentleerte Diskussionen über Kommunismus und ideelle Welten führen, statt in meinem Sessel zu sitzen und euch von meiner erlebten Isolation zu erzählen.

Zum Glück bin ich so ein Mensch. Also, kein einsamer. Sondern einer der dabei aber nicht vergisst den Blick zu heben.

Immerhin seid ihr ja da draußen. Und der Sommer kommt.

Die Zeit vergeht vorwärts halt auch langsamer als rückwärts und all das Gejammer hier wird mir bald so surreal erscheinen wie jetzt schon die erste Schwangerschaft.

Durchhalten!

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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