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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Kaffee, Cannabis, Vodka und Nikotin

Wusstet ihr eigentlich, das meine Eltern hier mitlesen? Es gibt ja Sachen, die man nicht so frei heraus erzählt. Oder, die ich nicht so frei heraus erzähle.

Aber ich hatte ja vor, diese Reihe hier irgendwann zu Ende zu bringen.

Die, die auf ziemlich persönlicher Ebene erklärt, was Borderline eigentlich ist.

Es gibt ein Kriterium, dass für jeden Betroffenen sehr anders aussehen kann. Es wird so zusammengefasst:

4. Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstbeschädigenden Bereichen

Geldausgeben kann so ein Bereich sein. Im Einkaufszentrum stehen, oder durch Amazon scrollen, und Kaufverträge eingehen, obwohl das Konto nicht ausreichend gedeckt ist, oder obwohl man weiß, dass man dann den Rest des Monats nichts zu essen hat. Ohne Verhütung mit Fremden schlafen, jedes Wochenende. Autofahrer fahren riskant, legen es drauf an, dass ihnen etwas passiert.

Einige hören auf zu essen, hungern. Oder tun das Gegenteil und stopfen alles in sich hinein, was sie finden können. (Oder machen beides, so wie ich, abwechselnd.)

Alkohol, Drogenkonsum, eiskalter Schlafentzug und zu viel Kaffee.

Die meisten Menschen haben mal so eine Phase, in der sie solche Dinge tun. Vielleicht in der Quarterlifecrisis. Oder der Midlifecrisis. Oder als Teenager aus dem Drang heraus, sich abzugrenzen.

Menschen mit der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung neigen ihr Leben lang zu solch impulsiven Ausbrüchen. Sie entstehen aus dem klebrigen Gefühl der Leere, der Angst vor der Bedeutungslosigkeit.

Sie entstehen aus dem tief in der Seele sitzenden Wunsch nach mehr, nach Wahrhaftigerem. Sie dienen als Ausweg aus dem Nichts, der Depression und der Langeweile.

Mich packt häufig eine fiese Unruhe. Dann sitze ich zu Hause, möchte jemanden treffen, mit jemandem sprechen. Ich krieg’ nen Rappel, mir fällt “die Decke auf den Kopf”.

Also fange ich an zu malen. Ich singe, tanze, bis ich erschöpft bin. Treibe sport, lenke mich ab.

Aber das Gefühl bleibt. Eine Unruhe die die Gedanken aufscheucht, wenn sie sich gerade legen wollen. Ich denke dann “Heute Abend ein Glas Sekt wäre nett.” Und dann trinke ich vier.

Das war aber nicht immer so: Als ich noch nicht die Verantwortung für den Filou hatte, folgte der Unruhe direkt ein Impuls.

Haare abschneiden. Joint rauchen. Den Rum von neulich leeren, shoppen gehen. Abends ein Konzert besuchen, mit zu irgendeinem Typen gehen, oder ihn mit nach hause nehmen.

Autsch! Am nächsten Tag blieb davon nur Scham und Wut auf mich selbst. Schon wieder nachgegeben. Impulskontrolle 6, setzen.

Heute weiß ich: das Verhalten ist der Nachhall traumatischer Erfahrungen. Gute wie schlechte Gefühle werden verdrängt, zurück bleibt Leere.

Der Impuls ist gut, es ist Energie, die mich aus der Depression, aus der Leere schubst. Also muss ich diese Energie umlenken.

Herausfinden, wo der Trigger liegt: An was erinnert mich das Gefühl? Warum fühle ich mich heute so? Schlecht geträumt, ein doofes Gespräch gehabt, Bilder angesehen, die mir nicht gut tun?

Und dann eine Beschäftigung finden, die damit arbeitet.

Versteckt sich Trauer hinter der Unruhe? Ich male ein Bild. Wut? Ich gehe laufen. Angst? Ich telefoniere mit einer Freundin.

Das klappt nicht immer. Aber immer besser.

Manchmal finde ich nicht heraus, woher es kommt. Bin unzufrieden. Mecker mehr, tanze schnell und zu lauten Liedern, aber so richtig will das nicht helfen.

Was dann? Dann unterdrücke ich Impulse. Weil ich weiß, ich würde sie bereuen. Lieber liege ich regungslos auf der Couch und zwinge mich, nichts zu tun, als einem Impuls einfach nachzugeben.

Meistens kommt er irgendwann. Der Moment, in dem sich die Unruhe wegatmen lässt. Haaaa-püüüüüh.

Und jetzt wieder zurück ins Leben.

Es ist möglich! Aber viel schwerer, als es in diesem Text klingt.

Mit Unruhe und Liebe im Bauch

Kaddi

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