Kommunikation als Ressource -Resilienzförderung bei Kindern psychisch kranker Eltern

Das Zauberwort in der Pädagogikliteratur. Der Schlüssel zur gelungenen Verhaltenstherapie, die Kehrseite der Opferrolle.

Ob ein traumatisiertes Kind ein “erfolgreiches” Leben führt oder nicht, das entscheiden viele Faktoren. Umwelt, Anlagen, freier Wille.

Aber das Zauberwort heißt: Resilienz.

Bindungsverhalten, emotionale Sicherheit, Strukturen im Tagesverlauf. Angemessen umfangreiche Eingewöhnung in die Kita Strukturen, langsame, individuelle Abnabelungsprozesse von den Eltern.

Kolumnen, Ratgeber, Pädagogikexperten, Psychologen, Lehrer, Erzieher. Die haben ganz wunderbare Tipps in diesen Bereichen.

Aber: Wie realitätsnah ist das?

In den meisten deutschen Bundesländern sind die großen Kitas inzwischen personell besser ausgestattet als die Kleinen. Fällt jemand aus, kann das aufgefangen werden. Dafür: Große Gruppen, Konzepte die am Alltag oft scheitern. “Individuell” ist ein Wort und mehr nicht.

Mindestens eine Erzieherin, der man sein Kind nicht an die Hand geben will, gibt es beinahe überall.

Die kleinen Kitas arbeiten beziehungsorientiert, manchmal. Tolle Leute. Tolles Konzept, vielleicht dafür voll. Mit Warteliste von drei Jahren, eventuell. Und wenn zwei Erzieher gleichzeitig krank sind, schließt die Kita für eine Woche. “Machen Sie doch Homeoffice!” Es sei denn, Sie sind Krankenschwester. Oder Bäckereifachverkäuferin. Oder Buchhändlerin. Oder Erzieherin. Oder….

Aber nicht nur das. “Schreien ist Gewalt. Schreien Sie ihr Kind nicht an.” Ich würde es lassen, wenn ich es so einfach entscheiden könnte. Sicher. “Seien Sie Vorbild” – Mich von Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen lassen. Lösungsorientiert denken.

In meinem Alltag sind viele dieser Dinge nicht gut umsetzbar. Manchmal frage ich mich, ob mein Kind nun prädestiniert ist für Depressionen, für seelisches Ungleichgewicht?

Ich denke, ich habe dem ganzen aber noch auf andere Art und Weise etwas entgegenzusetzen.

Sprache. Fantasie. Kommunikation.

Eine Person, die ihre Gefühle benennen kann, die sie zum Ausdruck bringen kann, hat die Möglichkeit, gehört und gesehen zu werden. Selbst wenn also der Filou durch meine manchmal fehlende Impulskontrolle Verletzungen an seiner Seele davon trägt: Wenn er weiß, wie und mit wem er darüber sprechen kann, wenn Worte sein Werkzeug werden können, hat er gute Chancen, diese Risse nicht auf ewig als gebranntes Kind mit sich herumzutragen.

Sagt euch der Begriff “Spaltung” etwas?

Oder das Erlernen von Objektkonstanz? Zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr lernen Kinder, dass Mama auch noch existiert, wenn sie nicht zu sehen ist.

Dass sie wieder zurückkommt, weil das unsichtbare Band (Bindung) bestehen bleibt. Manche Kinder nutzen zur Überbrückung dieser ersten Abnabelungsphase Schnuller oder Kuscheltiere, andere benötigen eine Weile lang (oder auch die vollen drei Jahre) besonders viel Nähe.

Traumatisierte Kinder, Kinder mit Eltern, die in ihren Gefühlen sehr ambivalent sind oder Kinder, die oft erleben, dass ein Elternteil nicht zurückkommt (Ferbermethode, Scheidung, Tod eines Elternteils) haben bei diesem Entwicklungsschritt häufig Schwierigkeiten.

An dieser Stelle sei erneut erwähnt, dass ich nur auf mein “Experte in eigener Sache” Wissen zurückgreifen kann, das ich mir im Laufe der Jahre in Therapien und Ausbildungen angeeignet habe und mir keine entsprechenden Studien vorliegen.

Auch die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung geht einher mit dieser fehlenden Objektkonstanz. So kann ich mir heute noch schlecht vorstellen, dass Freunde auch dann noch an mich denken, mich gern haben und meine Freunde sind, wenn ich sie selten sehe.

Vor Allem aber fürchte ich, dass ich diese Eigenschaft an den Filou weiter geben könnte. Gerade die frühe Trennung von seinem Vater und meine plötzlichen Stimmungsschwankungen könnte der Filou sich, aufgrund der fehlenden Objektkonstanz, mit dem Phänomen der Spaltung erklären.

Das hieße, er nähme mich als zwei Personen wahr. Gute Mama, böse Mama. Und durch die hohe Abhängigkeit von Kindern ihren Eltern gegenüber, würde er als Ursache einen Fehler von ihm in sein Herz, in seine Seele einspeichern. Er hätte also Angst vor der “bösen Mama” und würde versuchen, das Verhalten zu vermeiden, dass dafür verantwortlich war. “Ich darf nicht laut schreien, weil dann die böse Mama kommt.”

Er wüsste nicht, dass ich ihn auch lieb habe, wenn ich wütend bin.

Was aber, wenn genau hier, an der Stelle, Kommunikation die Brücke ist?

Es ist so, dass ich mein Verhalten reflektiere und daran arbeite, aber nicht aus meiner Haut kann. Ich kann nicht über Nacht Wut-frei werden, egal wie sehr ich mich nicht hinter der Erkrankung verstecken will: Am Ende sind mein Sohn, der Superheld und ich ihr immer wieder auf gewisse Weise ausgeliefert.

Ich setze diesem ausgeliefert sein also etwas entgegen, vielleicht ahnt ihr es schon:Wutundso

“Mama und die Fühlster”. Ich hoffe, mit den Fühlstern eine theoretische “dritte Ebene” in unseren Alltag einzubauen.

Aufgrund seines Entwicklungsstandes und der hohen Abhängigkeit von mir kann der Filou nicht wütend auf mich sein, wenn ich ihn erschrecke oder unfair bin. Aber kann ich ihm eine dritte, fantastische Möglichkeit geben, nämlich den Fühlster “Wut”, um zumindest nicht die Schuld auf sich selbst zu projezieren?

Ich erkläre ihm schon eine Weile lang, immer, wenn ich wütend war, dass da wieder “Wut” in meinem Bauch war und alles durcheinander gebracht hat. Dabei kann er Wut angucken, sieht auf einem Bild, wie er alles durcheinander bringt und wie ‘Mama’ sich dabei fühlt. Aber auch er selbst kann sich in einer einfachen Zeichnung wiederfinden und nochmal nachsehen, was er gefühlt hat!

Ich erhoffe mir also, dass ihm mein Projekt dabei hilft, selbst jetzt schon die richtigen Worte für das zu finden, was hier passiert. Ihm jetzt, in dieser wichtigen Zeit für ihn und sein kleines Gehirn voller Potenzial, das richtige Werkzeug mitzugeben, um mit der Situation, in die er ja nun mal hineingeboren wurde, umzugehen.

Manchmal denke ich, dass ich ja ganz schön viel von ihm erwarte. Aber dann sehe ich, dass es zumindest für den Moment funktioniert!

Ich kann keinen Knopf drücken, um gesund zu sein. Aber ich kann den Schaden eindämmen, den ich anrichte. Für den Filou, aber eben auch für mich selbst.

Es tut gut, etwas tun zu können!

Mit Liebe im Bauch und Tatendrang in den Händen

Kaddi

PS: Was hat das Bild damit zu tun? Diese Pflanze hat’s mir angetan. Die Schnecke hindert sie am Wachsen, also wächst sie einfach hinein und wieder heraus. Manchmal kann man seine Umstände nicht ändern. Aber aufgeben muss man deshalb ja wirklich nicht.

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