Literacy

Literacy – Was ist das?

Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen, und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berührung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat.
Helen Hayes

Liebt das Buch. Es wird euch freundschaftlich helfen, sich im stürmischen Wirrwarr der Gedanke, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden.
Maxim Gorki

“Bildung, Belesenheit und Lese- und Schreibkompetenz”
Tenta, H (2013) Literacy in der Kita, Spiele und Ideen rund
um Sprache & Schrift. München, Don Bosco


Sprache und Schrift spielen im Leben eines jeden Menschen eine große Rolle.
Wir nutzen sie zur Verständigung über Alltägliches, über Bewegendes, über Entscheidendes und eben auch darüber, was es zum Mittag geben soll.
Sie ist der Schlüssel zur Welt, pflegte meine Grundschullehrerin zu sagen: Davon, wie wir mit ihr umzugehen wissen kann der Verlauf unseres gesamten Lebens abhängen. Wenn wir das Land, in dem wir aufgewachsen sind und dessen Sprache wir zu sprechen gelernt haben verlassen, bekommen wir und alle Menschen, auf die wir treffen, das besonders zu spüren. Die Sprachbarriere ist schwer zu überwinden, vor Allem, wenn Vorurteile, Angst und Unsicherheit vorherrschen und von Generation zu Generation weitergereicht werden.

In Zeiten wie diesen, in denen diese Ängste durch alltägliche Berichte und soziale Netzwerke noch verstärkt werden, ist Aufklärungsarbeit und Vermittlung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen eine sehr bedeutsame Aufgabe, der wir uns in unserem alltäglichen Leben annähern können. Es gibt schon viele gute Ansätze auf diesem Weg und die Akzeptanz und Toleranz der Menschen in unserer Gesellschaft wächst stetig. In vielen Städten ist das Miteinander verschiedener Kulturen bereits alltäglich. Trotzdem ist es wichtig, im Gespräch und in Aktion zu bleiben.

In der Rolle eines Multiplikators, wie der eines Lehrers oder Erziehers bietet es sich an, sich mit dem Thema zu beschäftigen, deshalb habe ich mich während meiner Ausbildung schon häufiger mit diesem Themenkomplex beschäftigt. Ich möchte meine Arbeit daran allerdings gern fortsetzen. Zum Einen, weil ich einen Sohn zu Hause habe, der überhaupt gar kein Interesse an Büchern hat und euch gern daran teilhaben lassen möchte, was ich mir so für knifflige Manöver einfallen lasse um das zu ändern 😉

Zum Andern, weil mich das ganze enorm interessiert. Nicht umsonst habe ich meine Facharbeit zum Ausbildungsabschluss dazu geschrieben – und weil mir das alles so am Herzen liegt und ich dem so viel Bedeutung beimesse, werde ich mich hier auf dieser Plattform, für euch frei zugänglich, auch damit befassen. Ihr werdet sehen – großes Thema, viele Worte – aber zu Hause so einfach umzusetzen – mit so viel Wirkung! Vieles davon werdet ihr schon jetzt, von ganz allein, jeden Tag nutzen und anwenden, dann lest ihr hier vielleicht Dinge, die ihr schon wisst. Lasst euch nicht davon irritieren, dass ich in dieser Einleitung viel von Kita und Erzieher spreche – das ist der Kontext, in dem ich mich bisher damit beschäftigte. Lässt sich super auf den Alltag in der Familie ummünzen…

Für den englischen Begriff Literacy gibt es leider kein deutsches Pendant, aber laut Tenta’s „Literacy in der Kita“ bedeutet es frei übersetzt so viel wie „Bildung, Belesenheit und Lese- und Schreibkompetenz“
Allerdings bedeutet der Begriff viel mehr als das! Michaela Ulich, eine wissenschaftliche Referentin am Staatsinstitut für Frühpädagogik, schrieb in einem ihrer Artikel zum Beispiel, das Kompetenzen wie Textverständnis und Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Lesefreude, Vertrautheit mit Büchern, die Fähigkeit sich schriftlich auszudrücken, Vertrautheit mit Schriftsprache oder mit literarischer Sprache und sogar Medienkompetenz sich unter dem Begriff Literacy zusammenfassen ließen. Der Gedanke hinter der Literacy-Erziehung ist es, einem Kind schon in seiner frühen Kindheit möglichst positive Erfahrungen mit Sprache und Schrift zu ermöglichen, um ihm den Zugang in die Welt der Zeichen und Symbole zu erleichtern.

Solche Erfahrungen sammeln Kinder natürlich auch schon in ihrem Alltag: Zu-Bett-geh-Rituale wie ein Schlaflied oder eine gute Nacht-Geschichte sind ebenso Begriff von Literacy wie der Einkaufszettel am Kühlschrank oder die Gelegenheit Eltern und Geschwister beim Lesen auf der Couch zu beobachten. Im Ansatz der Literacy-Erziehung werden mehr solcher Erfahrungen geschaffen. Der regelmäßige Umgang mit Büchern und Sprache verhilft Kindern zu einer Verbesserung der Sprachkompetenz, da der Wortschatz erweitert und die Sprechfreude durch die gemeinsame Beschäftigung und Verwendung gefordert wird. Nach Wendlandt’s Modell zur Sprachentwicklung lernen Kinder sprechen durch den täglichen Sprachgebrauch und der Nachahmung von dem Vorbild ihrer Eltern: Das Verhältnis der erwachsenen Bezugspersonen des Kindes zu Schrift und Sprache spielt also eine wesentliche Rolle in seinem Spracherwerb.Um den Zugang zur Sprache zu finden benötigen Kinder außerdem ein liebendes, warmes Umfeld, denn zu sprechen bedeutet immer auch in Beziehung gehen. Die Literacy-Erziehung schafft Raum für diese Ansätze indem sie Gelegenheit bietet sich ohne Druck und Erwartungen ins Gespräch zu begeben. Sie schafft kleine Inseln der Vertrautheit und Intimität, die Sprache ermöglichen und von ihr leben.

Ganze Themenkomplexe können mit Literacy-Elementen kindgerecht erklärt und dargestellt werden. Der Umgang mit Büchern kann zum Beziehungsaufbau, zur Bewältigung von Konflikt- und Alltagssituationen und zum besseren Weltverständnis der Kinder beitragen, wenn sie angemessen genutzt werden. Ein klassisches Beispiel für die Literacy-Erziehung, wie sie in den Kindertagesstätten (und Wohnzimmern!) täglich Anwendung findet, ist das dialogische Lesen. Es gibt eine Vielzahl von Bilderbüchern die verschiedensten Bereiche des Lebens beschreiben: Scheidung, Asyl und Flucht, Freundschaft, Kita- oder Schuleinstieg, Tod und psychische Erkrankungen sind nur einige der Themen. Dialogisch lesen bedeutet nichts Anderes als die gemeinsame (Bilder-)Buchbetrachtung in einem vertrauten Raum. Erzieher und Kind befinden sich im Idealfall dicht nebeneinander in der Leseecke, auf der Couch oder einfach in einem Raum, der nicht durch dauernde Unterbrechungen ‚geplagt‘ ist, sodass es beiden durch die „selbstverständlich[e] […] beiläufig[e] Nähe […]“ leichter fällt, sich aufeinander einzulassen und „eine Bindung aufzubauen“.
Erfahrungsgemäß ergibt sich der Dialog in dieser Situation von selbst. Das Kind stellt Fragen zu dem Gesehenen, der Erzieher (oder das Elternteil, der große Bruder, die Freundin) versucht sie gemeinsam mit dem Kind zu erörtern und zu beantworten. Nun kann der Erzieher das Kind dazu animieren, die Geschichte weiterzuspinnen.
Wie könnte sie ausgehen? Was könnte nach dem Ende passieren? Hat das Kind eine solche Situation schon einmal erlebt, kennt es Vergleichbares? Das Besondere an dieser Form des „Vorlesens“ ist, dass das Kind nicht ermahnt wird, ruhig zu sein und zuzuhören oder gar sich zu konzentrieren und keine Fehler machen kann, die ihm ein schlechtes Gefühl geben. Im Gegenteil: Das dialogische Lesen lebt vom Gespräch. Es soll das Kind dazu animieren zu sprechen, zu denken und in den Fokus der Aufmerksamkeit des Erziehers zu treten. Erzieher und Kind blättern noch einmal zurück: „Wie war das, welche Farbe hatte der Ballon?“ sehen sich alles ganz genau an, erfinden eigene Geschichten, reden über Erlebnisse des Kindes und den Charakter der Protagonisten, sehen sich die gleiche Seite stundenlang an und beachten die nächste gar nicht, erweitern spielerisch den Wortschatz und das Sprachverständnis des Kindes und vertiefen die Beziehung zueinander. Durch die körperliche Nähe fühlt das Kind sich aufgehoben, gesehen und akzeptiert: Ein Erlebnis der puren Lesefreude.

Wenn das Kind dann in seinen Gruppenraum zurückkommt, erkennt es vielleicht den Buchstaben „E“ an der Buchstabentafel, die an der Wand hängt. Es freut sich und spricht mit einem Freund darüber. Ein weiteres Literacy-Erlebnis: Die Raumgestaltung. Gibt es einen Kalender, den die Kinder selbst einstellen können? Eine Wochentags-Tafel? In vielen Kindertagesstätten gibt es Bibliotheken und Leseecken, Buchstabentafeln, Maltafeln und selbstverständlich Stifte und Blätter, auf denen die Kleinen beginnen, ihre Namen zu schreiben und unbeholfen „Für Mama“ auf ein selbstgemaltes Bild zu pinseln oder die Geschichten, über die sie gerade gesprochen, die sie mit Verkleidungen und Spielzeugen nachgespielt haben, aufzumalen.

Aber es gibt noch viel mehr Facetten der Literacy-Erziehung: Bewegungsspiele, die durch Sprechreime und Lieder begleitet werden. Sie werden vielfach und selbstverständlich im Sportunterricht und Bewegungsangeboten gespielt oder zu Hause und auf dem Spielplatz und gesungen und fördern dabei ganz nebenbei spielerisch die Sprach- und Sprechfähigkeit durch lustvolles Mitsingen oder Sprechen. Ganz von allein wiederholen die Kinder die Spiele zu Hause, im Bus und im Spiel mit Freunden und freuen sich über ihre Erfolge. Einfache Fingerspiele wie „Das ist der Daumen“ oder „Zehn kleine Zappelmänner“ lassen sich leicht in viele verschiedene Alltagssituationen in der Kita einbauen. Und der Morgenkreis oder die zehn Minuten nach den Angeboten bis der Mittagstisch gedeckt ist, sind wunderbare Gelegenheiten für Klassiker wie den „Bi-Ba-Butzemann“. Oder gibt es ein Lied zu dem Lieblingsbuch, das zurzeit wieder und wieder gelesen werden soll? Kann man ein Puppenspiel dazu inszenieren? Bewegungen dazu ausführen? Ein neues Spiel ist geboren. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.

Auf diesem Blog hier werde ich nach und nach meine Erfahrungen mit Literacy teilen. Sowohl die aus meinem Beruf als auch das, was ich zu Hause beobachte.

Viel Spaß beim Mitverfolgen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.