Ganz normaler Wahnsinn

Mütter Burnout oder: Wie kommen eigentlich Väter damit klar?

Auf einem Blog, den ich bereits eine Weile verfolge, habe ich heute morgen einen Post gelesen. Ein anonymer Vater schimpfte. Er schimpfte aufs Familienleben, auf Pflichten und zu wenig Zeit für sich selbst. Er sprach am Ende sogar davon, “die Reißleine zu ziehen” wenn es nicht mehr ginge.

Während ich den Text so las, überkam mich ein sehr tiefes Mitgefühl für diesen Mann, der da anonym schrieb. Gerade heute Nacht, und der Filou ist fast zwei, bin ich drei Mal aufgestanden, mit ihm durch die Wohnung gewandert, habe ihm gut zugeredet, eine Windel gewechselt, mit ihm einen Joghurt geteilt, habe seine Wasserflasche hundert mal diversen Trotzanfällen entgegen vom Boden aufgehoben und bin zurück mit ihm ins Bett gegangen, um dann erneut von einem schrillen Schrei aus dem (lang ersehnten) Tiefschlaf gerissen zu werden.

Wir hangeln uns gerade von Erkältung zu Magen-Darm zu den letzten Zähnen, entlang an unendlich andauernder Übermüdung an allen Enden: Ich bin völlig kraftlos, so viel kann ich sagen. 

Als ich vor ein paar Wochen vor Angst weinen musste, weil der Druck der Ausbildung so groß wurde und ich einfach nicht mehr einen Funken Euphorie fürs Lernen übrig hatte, da war mir klar was ich tun müsste:
Ich würde zum Arzt gehen. Ich würde dem Arzt sagen “Ich kann nicht mehr”, mich krank schreiben lassen, die Ausbildung an den Nagel hängen und neue Wege suchen.
Natürlich mit meiner kleinen Familie.
Dann würde ich eine Mutter-Kind-Kur besuchen und eine Therapie beginnen – damit ich lange Nächte mit dem Filou wieder aushalten kann.

Seitdem schöpfe ich wieder Kraft. In meinen Texten auf diesem Blog steckt eine Menge von dem Gefühl, für das im Alltag kein Platz ist. Und der Filou geht gerade noch zur Kita, wenn er nicht krank ist, damit ich auftanken kann. Ich sitze den halben Tag im Pyjama in meiner Wohnung und verstecke mich hinter der gesellschaftlich mehr oder weniger anerkannten Meinung, das Mutter-Sein sehr anstrengend ist und man mal Pause machend darf. Oder sogar muss.

Das ist anstrengend und voller Zweifel, für mich aber das Richtige. 

Und alle, mit denen ich darüber rede, bestätigen mir das.
“Wenn du nicht mehr kannst, mach Pause. Orientiere dich um. Das ist ein Burnout! Du hattest eine Wochenbettdepression! Hol dir Hilfe! Lass dein Kind bei der Familie und mach mal Urlaub!”
Das und andere ermutigende Worte finde ich im World Wide Web und meinem persönlichen Bekanntenkreis.

Aber was, wäre ich ein Mann?
Dann wäre das nicht gesellschaftlich anerkannt. Oder noch weniger. Dann wäre dieser Text so verstanden worden, wie ihn leider auch viele (Wirklich nicht alle, in der Community des Blogs ist meist ein so wunderwarmer Umgangston dass ich dort wirklich gern lese) Kommentatoren verstehen:
“Ich kann nicht mehr, ich bin der Nabel der Welt, ich will wieder mehr Sex.”
Wenn ein Mann seine Entscheidungen bereut, keine Kraft mehr hat seine Bedürfnisse zurückzustellen, einen kurzen Hilferuf ins Internet setzt, eine Pause braucht und Schwierigkeiten hat eine Bindung zu seinem Kind aufzubauen oder sagen wir lieber etwas Gutes über den Nachwuchs zu sagen, schimpfen wir Eltern. Wie kann er nur?

Wir implizieren scheinbar irgendwie das Bild des Mannes, der sich so halb beteiligt und sich nicht in seine Frau hineinversetzen kann. Der, wenn er von “die Reißleine ziehen” spricht, davon spricht, seine Familie zu verlassen. Wir implizieren, dass er egoistisch ist.

Vielleicht redet er nur davon, dass er einen Urlaub braucht. Dass er sich gesehen fühlen will, vielleicht davon, dass er sich Hilfe suchen muss (Tut er ja auch irgendwie, wenn er das in die Welt heraus schreibt.)

Oder vielleicht meint er sogar wirklich dass er sich dann trennen möchte. Weil er nicht mehr kann. Nicht ein noch aus weiß, nicht mehr glücklich sein kann und sich nicht anders zu helfen weiß.

Aber vielleicht liegt das dann daran, dass es gesellschaftlich anerkannter ist als die Tatsache, das auch Väter sowas wie Wochenbettdepressionen haben können.

Das auch Väter sich darüber erschrecken dürfen, das mit Baby wirklich alles anders ist. Das auch Väter Hilfsangebote und Zuspruch brauchen, wenn sie mit den Nerven runter sind und kein positives Gefühl über den lang ersehnten Nachwuchs aufkommen will. Zuspruch. Keine Unterstellungen.

Ist es nicht so, dass wir alle geschlossen mehr Gleichberechtigung fordern? Sind wir nicht schon so weit zu wissen, dass Gleichberechtigung auch heißen muss, an der Rolle des Mannes, des Vaters zu arbeiten? Und heißt das nicht auch, das Männer so wie Frauen mal jammern dürfen müssen, wenn alles zu viel wird? Das sie vom “Reißleine ziehen” sprechen dürfen müssen ohne das eine Schar besorgter Eltern ihm unterstellt, ein Egoist zu sein?

Ehrlich, wenn die Leute mir nicht gesagt hätten “So ist das, da muss man durch als Mama, aber nimm dir mal ne Pause”, sondern “Und deshalb willst du jetzt deine Familie verlassen oder was!?”, also alle eigentlich schon erwarten, dass ich jetzt gehe – und es irgendwie okay gewesen wäre – ich weiß nicht, ob ich dann geblieben wäre.

Liebe Väter da draußen:
Wie werdet ihr damit fertig? Mit schreienden Babys, Veränderungen der Partnerschaft?
Wer hat euch Mut gemacht, als ihr schon fünf Tage in Folge nicht durchschlafen konntet und alles hinschmeißen wolltet? Habt ihr das Gefühl, ihr dürft auch mal am Ende sein – darf euch der Familienalltag zu viel werden, oder seid ihr dann schon in der “Typisch Mann!”-Falle drin?

Und, liebe Mütter – wie machen das die Väter eurer Kinder? Habt ihr das Gefühl, sie dürfen auch mal “gerade gut genug” sein, dürfen sie mal sagen, wenn sie die Schnauze voll haben?

 

 

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