Prioritäten im Lebenswandel

Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich zur Osterfeier in der Schule mal hohes Fieber.

Wir hatten davor Osterkörbchen gebastelt und ich hatte mich irrsinnig auf diese Ostereiersuche in der Schule gefreut!

Ich erinnere mich noch daran, furchtbar geweint und geschimpft zu haben, weil ich zu diesem einen besonderen Tag nicht in die Schule durfte.

Für mein kindliches Selbst war es die allergrößte Katastrophe, nicht dorthin gehen zu dürfen.

Als ich dann so etwa fünfzehn war, begann ich heftig mit meiner Mutter zu streiten, weil ich nicht bei meinem damaligen Freund schlafen durfte. Ich habe es als größten Vertrauensbruch und persönliche Strafe empfunden, nicht dort übernachten zu dürfen.

Obwohl es in dieser Zeit viele für mich wichtige Dinge gab, habe ich doch am heftigsten darüber gestritten, ob ich alt genug war bei einem Jungen zu übernachten oder eben nicht.

Anstatt, wie die anderen, zu versuchen möglichst gut reinzupassen, wollte ich zeigen, dass ich anders bin. Neonfarbener Tütü, Chucks, toupierte Haare und blümchenhaarreifen. Farblich dazu passende Zahnspange.

Mit zwanzig Jahren dann war der Junge längst Geschichte. Plötzlich wurden andere Dinge relevant. Ich wollte plötzlich wissen, wer ich eigentlich sein konnte. Die Haare wurden bunter und kürzer, ich wurde dicker und dünner, die Grenzen des Alkoholkonsums abgesteckt.

Ich habe verschiedene Werte “ausprobiert”. Herausgefunden, wie wichtig mir eigentlich Ehrlichkeit ist. Festgestellt, das Geld mir tatsächlich nicht wichtig ist, sobald meine Grundbedürfnisse gedeckt sind.

Meine Familie wurde mir wieder wichtiger. Ich wollte wissen, auf wen ich mich verlassen kann.

Es wurde wichtig, was ich erreichen kann. Wie belastbar bin ich? Warum bin ich anders als die Menschen, die ich kenne, woher kommen meine Ängste? Die Ausbildung in Angriff genommen. Therapien gemacht. So viel Reflexion!

Ich wollte nicht sein wie “alle”, aber ich wollte die Leute finden, zu denen ich passe.

Ein Jahr später wurde ich schwanger.

All das war nicht mehr wichtig. Mir wurde wichtig, ein warmes zu Hause zu haben und Nerven aus Stahl. Ich fand plötzlich interessant, welche Ressourcen unsere Erde noch hergibt und wie das Leben meines Kindes aussehen würde.

Was Andere denken wurde wichtiger. Bin ich eine gute Mutter? Was kann ich besser machen? Wie wirken wir auf Andere?

Inzwischen ist das Kind über zwei. Es ist nicht mehr wichtig, was die Anderen denken oder was in den Ratgebern steht. Es ist nicht wichtig, ob ich alles richtig mache.

Es ist nicht wichtig, wer ich sein will. Wichtig ist, wer ich bin.

Die Leute zu denen ich passe, die kenne ich seit mehr als zehn Jahren. Die Wichtigen. Ein paar mehr sind dazu gekommen, aus verschiedenen Städten.

Wichtig ist, dass es mir immer gut genug geht, um auf meinen Filou Acht zu geben. Es ist wichtig, dass ich die Sonnenseite sehe.

An gestern denken, das hab ich gestern schon gemacht. Morgen bin ich sicher, wird auch ein schöner Tag.

Die Prioritäten verschieben sich. Heute geht es mir gut.

Und dem Filou auch!

Wir wachsen beide. Ich liebe das.

Kaddi

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