Grenzgänger,  Vom Anderssein

Reihe: Was ist eigentlich… ein Trauma?

Ein wesentlicher Inhalt dieses ganzen Projektes ist Aufklärung. In einer Zeit, in der wir von fremder Leute Meinungen und Vorurteilen überschwemmt werden ist es ganz besonders wichtig, die Dinge zu beleuchten, über die jeder etwas aber niemand alles weiß. Immer noch hängt in einigen Köpfen das Bild vom psychisch Erkrankten als potenzieller Amokläufer oder ‘aufmerksamkeitsheischenden’ Idioten fest. Deshalb starte ich hier neben den sonstigen Projekten auch noch das:
Die Reihe “Was ist eigentlich…” wird wann immer mir danach ist den einen oder anderen Begriff der Psychologie näher erläutern.
Aber: Ich habe Psychologie nicht studiert, ich bin mehr “Experte in eigener Sache”. Fachlich fundierte Ausführungen findet ihr zu Hauf im Netz! Ich werde mich munter darauf beziehen, trotzdem sollte sich niemand selbst diagnostizieren oder verrückt machen. Dafür gibt es Ärzte und Psychologen, Selbsthilfegruppen und Anlaufstellen im Netz. Die darf man nutzen, ohne sich zu schämen.

Also, viel Spaß beim Lesen! Sagt mir doch hinterher, ob es zum besseren Verständnis beigetragen hat, indem ihr die Kommentarfunktion, die social Networks oder das Kontaktformular nutzt.

Was ist eigentlich ein Trauma? Und was hat es mit der posttraumatischen Belastungsstörung auf sich, warum kann die auch komplex sein?

Tra̱u̱·ma
Substantiv [das]
  1. 1.
    PSYCHOLOGIE
    eine starke seelische Erschütterung.
    “ein schweres Trauma haben”
  2. 2.
    MEDIZIN
    eine Verletzung durch einen starken Schlag oder Stoß gegen ein Körperteil.
    “ein Trauma im Bereich des Schädels”[Wikipedia “Trauma”]

Ein Schädelhirntrauma kann man also erleiden, wenn man einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommt. Als Folge können schwere Behinderungen oder gar der Tod eintreten. Mit einer (umgangssprachlich) Gehirnerschütterung lässt sich ein psychologisches Trauma nur auf einer Ebene vergleichen: Ein kurzes, erschreckendes Erlebnis kann unter Umständen dein ganzes Leben verändern.

Als ich (noch) jünger und unbefangener war, habe ich mit “traumatischen Erfahrungen” vor Allem sexuellen Missbrauch in Verbindung gebracht. Im Laufe meiner eigenen Therapieerfahrungen habe ich dann begriffen, dass der Begriff sehr viel weitläufiger ist.

Wusstet ihr zum Beispiel dass sich Traumata in ganze 3 Typen unterteilen lassen?
Unter Typ I-Trauma lassen sich zum Beispiel dauerhafte Trennungen der Eltern, Naturkatastrophen und einmalig einschneidende Erlebnisse zusammen fassen.

Typ II-Trauma beschreibt unter Anderem Erfahrungen von verbalem oder körperlichem Missbrauch und vorrübergehende Vernachlässigung der Eltern, während Typ III-Trauma ein generelles, dysfunktionales Umfeld in der Kindheit, das heißt chaotische Familienstrukturen mit viel Streit und wenig Regeln zusammenfasst. Hier hat das Kind dann also kaum Möglichkeiten, seine emotionalen oder körperlichen Bedürfnisse zu äußern.

Inzwischen weiß ich, die Welt der Traumata ist vielfältig. Das Trauma, das jemand mit sich herumschleppt, ist so individuell wie seine Persönlichkeit und seine Lebensgeschichte.

Aber was passiert da eigentlich im Gehirn?

Hier ein kurzer, stark herunter gebrochener Ex-Kurs in unsere Wahrnehmungsprozesse:

Wenn ein Reiz, also etwas dass wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen, auf die Sinnesorgane trifft, wird ein Impuls an unser Gehirn gesendet. Ein relativ komplexer Vorgang der was mit Botenstoffen, Synapsen und Nervenzellen zu tun hat. Dieser Reiz wird in Sekundenbruchteilen von einem “Bearbeitungszentrum” zum anderen geschickt, bis sich der zuständige Arbeiter verantwortlich fühlt, eine Reaktion auszulösen.

Bei diesem Vorgang wird also verglichen. Kenne ich den Reiz? Freue ich mich darüber? Habe ich Angst? Muss ich etwas tun?

Eine wichtige Rolle hierbei spielen die Amygdala und das Kontrollzentrum.

Der Einfachheit halber stelle ich sie hier als “Gefühl” und “Verstand” dar.

Die Amygdala löst in gefährlichen Situationen (lebenswichtige) Impulse aus: Sozusagen “Instinkte”. Also weglaufen, angreifen oder tot stellen im Extremfall.

Das Kontrollzentrum überprüft diese Impulse, es sorgt also dafür, dass wir während eines Referats nicht den Lehrer angreifen oder in Schockstarre verfallen!

Zwischen diesen beiden “Behörden” in unserem Hirn werden die Daten hin und hergeschoben, bis sie sich einig über die Reaktion sind.

Das geht allerdings sehr viel schneller als beim Jobcenter.

Wir reagieren also. Im Optimalfall auch noch angemessen.

Wenn es allerdings wirklich brenzlig wird, schüttet das Gehirn viel mehr Botenstoffe aus. Es klebt also “Dringend”-Sticker auf die Umschläge.

Die Amygdala bemerkt die gewöhnlich vor dem Kontrollzentrum und beschließt kurzerhand, die Sache allein in die Hand zu nehmen.

Sie kappt die Verbindung zum Kontrollzentrum und bestimmt allein und im Schnellverfahren darüber, wie wir zu reagieren haben.

Das Kontrollzentrum, dass für das Gedächtnis und das Filtern der Informationen zuständig ist, steht so lang im Dunkeln.

Das heißt, wir nehmen alle Reize wahr, die auf uns einprasseln, obwohl die Mitarbeiter der Amygdala keine Ahnung davon haben, was sie mit ihnen machen können.

Ist die Gefahrensituation dann vorbei, wird die Verbindung zum Kontrollzentrum zwar wieder hergestellt, aber auf die im emotionalen Gedächtnis, also in der Amygdala gespeicherten Erinnerungen, kann der Verstand nicht zugreifen. Wir können die Erfahrung also nicht angemessen verarbeiten. Man spricht hier bereits von einem Trauma Typ I.

Einige von euch kennen dieses Phänomen. Nach einem Autounfall oder einem wirklich heftigen Streit können wir uns an den genauen Vorgang manchmal nicht richtig erinnern. Es bleiben eher so schwammige Erinnerungen an Millisekunden, wir haben das Gefühl, etwas in Zeitlupe zu erleben oder nur ein mulmiges Ziepen in der Magengegend, wenn wir daran denken. Zwischendurch und aus heiterem Himmel durchleben wir einige Tage danach immer wieder Sekunden des Vorgangs.

Im Idealfall schafft das Kontrollzentrum jedoch nach und nach, die Erinnerungslücken zu schließen und die ganzen Reize zurück in die “richtigen Schubladen” zu stecken.

Schafft es das nicht, sprechen wir von einer posttraumatischen Belastungsstörung. (PTBS)

Die Situation hängt uns nach. Wenn wir einen Duft wahrnehmen, der in der traumatischen Situation in der Luft lag, schickt die Amygdala einen Fluchtimpuls an das Gehirn. Oder die Erlaubnis zum Angriff. Dasselbe bei Geräuschen, Bildern oder Abläufen, die uns daran erinnern.

Um so etwas aufzuarbeiten benötigen wir dann meist schon Hilfe von außen. Einen Therapeuten, unterstützende Angehörige.

Gelingt uns auch das nicht, oder wiederholt sich das traumatische Erlebnis wieder und wieder, kann sich aus dieser Störung eine komplexe PTBS entwickeln.

Das ist auch häufig der Fall, wenn solche Erlebnisse in wichtigen Entwicklungsphasen, zum Beispiel der frühen Kindheit oder der Pubertät, stattfinden.

Hierbei baut das Gehirn die Erfahrungen und Reaktionsimpulse sozusagen in die Persönlichkeit ein. Der Betroffene ist wütend, depressiv, gereizt, weil irgendetwas ihn an die traumatische Situation erinnert – ein Geruch zum Beispiel – aber er hat kaum noch eine Chance herauszufinden, warum das so ist! Denn die Erinnerungen sind nicht im Kontrollzentrum gespeichert. Er kann sie nicht abrufen – das emotionale Gehirn nutzt sie aber fortwährend, um über Reaktionsimpulse zu entscheiden.

Der Betroffene hat Schwierigkeiten, angemessen zu reagieren.

An dieser Stelle entscheidet dann der individuelle Leidensdruck, ob eine Therapie notwendig ist. Helfen können hier spezielle Traumatherapien, Verhaltenstherapien und (in Kombination) auch Medikamente.

Wichtig ist aber zu wissen, dass es das gibt und was es bedeutet. Der Betroffene kann im Regelfall nichts für sein Verhalten und versteht selbst nicht genau, warum er so fühlt. Er kann die Sache nicht “einfach mal gut sein lassen” oder “positiv denken”.

Denn sein Gehirn hat sein Persönlichkeitsfundament auf einer Zeitbombe gebaut, die jederzeit durch bestimmte Reize ausgelöst werden kann.

Wusstet ihr schon? Wisst ihr besser? Fachlich inkorrekt? Ich bitte um Feedback!

Mit Liebe

Kaddi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.