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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Ressourcenorientiert: Wir bleiben Kinder!

Der Blick auf die Defizite ist Gift. Die Welt gibt uns viele Gelegenheiten, das zu lernen und zu verstehen. Mir jedenfalls! Das ist der Grundtenor meiner Ausbildungen. In der fünften Klasse war das der Kerngedanke von “Lernen lernen”. In der Therapie der O-Ton zur Besserung.

Und trotzdem.

“Ich bin nicht gut genug!” Oder “das kann ich nicht schaffen!” sind Sätze, die ich länger mit mir herumtrage als “Ich bin stolz auf mich” oder “Ich habe etwas erreicht”.

“Das kann ich gut” wird immer gefolgt von einem “Der kann es besser.”

Ich weiß, dass es beinahe allen Menschen die ich kenne ähnlich geht.

Aber warum ist das so? Hat sich immer noch nicht herumgesprochen, das Anders-sein etwas Normales ist?

Ich weiß nicht, ob sich das ganze Gerede von Vielfalt und Toleranz nur in meiner Filterblase abspielt. Ich weiß, dass es mindestens 13 Prozent der Deutschen noch nicht begriffen haben, aber die meisten müssten doch verinnerlicht haben, dass es mehr gibt als “passt” und “passt nicht”.

In der Erziehung schlägt sich die Menschheit mit “Attachement parenting” herum und achtet darauf, die Kinder nicht zu sehr zu fordern aber ausreichend zu fördern. Lob statt Bestrafung oder lieber gar keine Konditionierung sondern “Potenzial nicht einschränken”.

Klingt alles fabelhaft! Und wenn sie älter werden? Hört das dann auf?

Muss nicht auch in unserer Generation ein Umdenken stattfinden, müssen wir nicht auch selbst ressourcenorientiert denken?

In Werbeagenturen und anderen digitalen Firmen ist es längst angekommen: Wer sich wohl fühlt, arbeitet besser. Da gibt es Snackbars und Angestelltenverhältnisse per du, Rückzugsorte zur Entspannung, Mensch- sein und Ressourcen schaffen: Kann ich mich erholen, kann ich mich konzentrieren, kann ich was geben!

Aber längst nicht alle Menschen arbeiten da. Was ist mit Erziehern, Krankenschwestern, Handwerksberufen?

Warum gehen wir über unsere Grenzen und investieren unsere volle Energie um alle Schwächen auszugleichen, warum gehen wir an die Sache heran mit dem Gedanken “Ich bin nicht belastbar genug”, wenn wir doch eigentlich wissen, dass ressourcenorientiertes Denken besser funktioniert?

Wir sind alle Kinder. Wir sind in das Leben gestolpert und haben gemerkt, dass die Zeit irgendwann schneller vergeht. Bei dem Versuch, gut genug zu sein, haben wir irgendwann Verantwortung übernommen und sind erwachsen geworden, ohne zu begreifen, dass gut genug schon immer da war.

Ich muss kein defizitorientiertes Umfeld ertragen, wenn ich weiß, ich bin gut genug. Ressourcen stärken. Wenn ich weiß, was ich kann, verkaufe ich mich nicht unter Wert.

So weit die Theorie.

Personalmangel, hohe Krankenstände, zu wenig Geld zum Leben.

Die meisten sozialen Einrichtungen die ich kenne besitzen inzwischen einen Ruheraum, der zum glatten Hohn der Angestellten auch noch Snoezleraum heißt. Darin gibt es dann wahlweise ein Wasserbett und charmante Beleuchtung oder eine Matratze, Sitzsäcke und zugezogene Vorhänge.

Aber der bleibt leer. Und wenn sich doch jemand dorthin zurückzieht, weil er eine Pause braucht, wird er misstrauisch beäugt. “Na toll, wir zu dritt im Dienst und Frau XY verschwindet!”

Wir gönnen uns diese Pause nicht einmal gegenseitig. Wer nicht belastbar genug ist, hat im Job nichts verloren.

Frau XY verzichtet also in Zukunft auf die Pause. Obwohl sie mit dem Klienten Herrn ABC sonst sehr gut zurecht kommt, streiten die beiden heute, er will nicht so recht aufstehen, verkriecht sich im Bett und nörgelt, niemand würde ihn verstehen. Frau XY verlässt das Zimmer. Die nächsten Wochen hat sie dieses Problem immer häufiger, zunehmend auch mit anderen Klienten. Irgendwann fehlt ihr die Kraft selbst. Sie kommt schon mit Kopfschmerzen zur Arbeit. Irgendwann lässt sie sich krank schreiben, wochenlang.

Und jetzt einmal ressourcenorientiert:

Frau XY hat sehr viel Gefühl und kann sich besser als sonst jemand in die Patienten/Klienten/ Bewohner hineinversetzen. Das kostet sie viel Kraft. Eine Kollegin spricht sie an “Du, mach doch erst mal Pause, der Snoezleraum ist frei. Vielleicht könntest du danach ja zu Herr’n ABC gehen. Der hat einen schlechten Tag und kann so gut mit dir reden. Frau XY geht in den Raum, atmet durch, verarbeitet das aufwühlende Gespräch mit dem letzten Klienten, hat dann Zeit für Herrn ABC und der lässt sich in seinen Rollstuhl setzen. Gestärkt durch den Zuspruch der Kollegen, die nicht an ihn herankommen, bewältigt sie den Rest des Tages.

Als Resultat hat Frau XY keinen Burnout. Sie fällt nicht monatelang aus, kann ihre Kollegen langfristig entlasten.

Natürlich ist das sehr flach gedacht. Es scheitert an höheren, an anderen, an mehr Stellen. Was ich aber meine, was mich heute so wurmt, ist das wir so einfach nicht denken.

Das wir lieber so lang arbeiten, bis wir jeden Morgen Schmerztabletten benötigen, um überhaupt losgehen zu können, als einzusehen dass wir gut genug und mehr wert sind.

Ich kann nur für Pflegekräfte, für Erzieher und andere Berufe dieser Branche sprechen.

Aber im Moment sind wir Gold wert. Es gibt zu wenige, überall in Deutschland!

Behandelt euch doch auch so!

Du bist nicht schwach, wenn du nicht mehr kannst, du brauchst eine Auszeit und mehr Wertschätzung!

Wo bleibt die Lösung?

Tut mir Leid, die hab ich nicht. Ich hoffe nur, dass viel mehr Menschen begreifen, dass ressourcenorientiertes Denken bei dem Kollegen beginnt, der Pause machen will.

Mit mehr Fragen als Antworten aber ner Menge Liebe im Bauch

Kaddi

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