Grenzgänger,  Vom Anderssein

Steh-auf-Männchen und manchmal ist es kompliziert

Ich war in Bulgarien. Mit dem Filou und seinem Papa, mit ein Bisschen Familie vom Papa in einem kleinen Dorf in einem märchenhaften und gleichzeitig ausbaufähigem Ferienhaus.

Wir waren am Meer und in Nessebar, wir waren gesund und nicht so gesund, wir haben was erlebt und das Kindlein spricht so viel wie nie zuvor.

Es war wundervoll und aufwühlend und anstrengend und entspannend und vor Allem hat es mich ein Bisschen geerdet.

Ich musste mich meiner Flugangst stellen, Sorgen um den Filou zurückstecken, meiner Krabbeltierphobie den Mittelfinger zeigen und ein paar soziale Ängste überwinden. Ich musste schon vor dem Aufstehen mutig sein und manchmal sogar fremde Sprachen sprechen.

Ich musste neues Essen essen und akzeptieren, dass ich keine Kontrolle habe.

Nur ins kalte Wasser musste ich nicht springen, denn das Meerwasser war wärmer als das in den heimischen Seen.

Ich bin jetzt also schon in vier von den sieben Weltmeeren geschwommen und habe beinahe keine Fotos gemacht – tatsächlich kaum eins, dass ich euch, meiner Privatsphäre und der meiner Reisebegleiter, zeigen kann, aber das ist auch nicht so wichtig.

Ich kann eine Portion Euphorie mit euch teilen und ein Bisschen Urvertrauen in das Leben.

“Glaubt man immer gar nicht”, hat der Filoupapa gesagt, “dass das Leben in anderen Ländern auch funktioniert. Man denkt immer es wäre das komplette Chaos, ohne Krankenversicherung und Bürokratie, oder?”

Darüber habe ich nie nachgedacht. Muss ja funktionieren, die Leute leben ja.

Und so viel Chaos habe ich nicht gesehen – außer auf den Straßen.

Ich bin meistens ja so sehr mit all dem beschäftigt, was sich in den Menschen abspielt, dass ich den Blick für das drum rum verliere:

Wirtschaft, Politik und Geografie sind eher so Randbereiche in meiner Allgemeinbildung.

Ich will nicht sagen, ich weiß nichts darüber, aber doch viel weniger als so manch Anderer, den ich klug daherreden höre.

Dafür habe ich viel Anderes zu sehen bekommen: Wertschätzende Gespräche zwischen alten Freunden, die sich nicht so oft sehen. Leute aus ganz verschiedenen Leben, die zwei Wochen lang unter einem Dach leben können, mal mehr und mal weniger gut.

Ich konnte mich selbst und meine Gefühlswelt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, selbst meine Beziehung zu dem Filou.

Ich konnte eine neue Seite vom Filoupapa kennenlernen und mir ein Bisschen klarer darüber werden, was ich will.

Und was ich nicht will.

Ich will nix mehr alleine schaffen. Also, klar! Aber nicht müssen. Ich will ein kunterbuntes Leben voller Leute, ich will vertrauen und ich selbst sein.

Ich will dem Filou vorleben, dass man dem Chaos vertrauen kann. Auch wenn man es manchmal eben nicht kann.

Versuch und Irrtum.

Ich möchte mich nicht länger isolieren, ich möchte sein.

Das Spannende daran ist, dass mir gar nicht so klar war, wie isoliert ich eigentlich gerade lebe.

Diese Erkenntnis tat weh. Es tat auch weh zu sehen, wie viele Ängste ich schon wieder den ganzen Tag schultere.

Ich hab den Schmerz jetzt mit nach Hause genommen. Werde hier was Gutes draus machen.

Ich habe die Wohnung blitzblank geputzt, ich habe den Bulgarienurlaub in Fotos an die Wand gebracht und begebe mich auf Wohnungssuche.

Ich vertraue mir. Ich mach das jetzt. Ich mach mein Leben wieder bunt. Es gehört mir.

Und ich bin so viel mehr als das hier.

Ich wünsche euch ein paar schöne Sommertage bis ich wieder von mir hören lasse

Mit Liebe

Kaddi

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