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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Tausendsassa – Warum Struktur für mich nicht funktioniert

Mich selbst als Tausendsassa zu bezeichnen finde ich schon arg grenzwertig. “In vielen Dingen begabt sein” klingt auch nicht ganz nach dem, was ich eigentlich sagen möchte.

Und doch: Ich zeichne, ich schreibe, ich lese vor. Ich erfinde Geschichten, ich bastele, ich tanze, ich singe. Alles mit Leidenschaft und am Liebsten alles gleichzeitig.

Ich bin zur Zeit arbeitslos, das heißt “ich hab den ganzen Tag nichts zu tun” – außer meine Zweizimmerwohnung irgendwie bewohnbar zu halten, das Kind zu bewirten, zur Kita zu bringen und abzuholen, meine eigenen Launen zu regulieren, mir einen Job zu suchen und vor dem Jobcenter einen Seelenstriptease hinzulegen (Ja, da schwingt etwas Frustration mit, aber darum soll es hier überhaupt nicht gehen)

Den ganzen Tag Zeit, mich diesen unendlichen Möglichkeiten von Inspiration und Motivation zu ergeben, mich in meiner Kreativität zu baden.

“Sei weiter genau so voller Gefühl, lege dich ins Zeug, gib auch mal weniger als 150% und um Himmels Willen: Steh dir nicht selbst im Weg!”
[Mentorin Praktikum Jugendpsychiatrie]

“Pure Nützlichkeit schadet der Seele!” [Deutschlehrerin Klasse 11]

“Auch intelligente Menschen stolpern über Legosteine und brechen sich das Genick.”
[Klassenlehrerin Klasse 5]

“Ordnung ist das halbe Leben!”
[Mein Stiefvater]

Ja, man! Ich weiß! Ich konterte dann “Nur das Genie beherrscht das Chaos” oder “Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen.”
Heute sage ich: “Dafür ist meine Kreativität zu dominant.”
Der Spruch ist natürlich auch geklaut, danke Finnja!

Klar war mir auf jeden Fall: So richtig ehrlich an meiner Struktur arbeiten würde ich dann doch nicht. Also, klar. Saubere Wäsche muss drin sein, das hab ich inzwischen gelernt. Der Abwasch darf auch nicht länger als einen Tag stehen, sonst stinkts. Das nervt, muss aber sein. 

Aber die allerbesten Ideen für eigentlich alles kommen mir, während ich in meinem Chaos sitze und das Aufräumen prokrastiniere. Und spontan eine Collage basteln, einen Blogbeitrag verfassen oder ein Lied schreiben ziehe ich dann dem Zettel sortieren auf jeden Fall vor!

Nur zieht sich das dann leider durch alle Lebensbereiche. Ich habe vorhin zum Beispiel mit dem Filou eine Collage begonnen, die ich heute Abend weiter machen wollte. So mit Klammern für Fotos und bunten Schriftzügen, weil ich seit meinem Geburtstag wieder so viel emotionales Gedöns herum liegen habe, dass ich gern an meiner Wand hätte. Aber dann hat eine Freundin von den Fühlstern gesprochen und mir fiel ein, dass ja noch zwei davon fehlen und ich außerdem für meinen Roman doch heute eine wirklich tolle Idee hatte, die verarbeitet werden will!

Wir ihr seht, arbeite ich akut aber nicht an meiner Collage. Ich schreibe auch nicht an meinem Buch und den Fühlster bekommt ihr auch erst morgen zu Gesicht, denn ich schreibe ja jetzt erst Mal diesen Text über Struktur (oder die Abwesenheit ebendieser), den ich auch schon seit etwa vier Wochen mal bringen wollte.

Vielleicht brauche ich also doch mehr Struktur? Vielleicht macht sie das Leben leichter?

Denkste! Ein einzelnes Projekt oder fest vorgeschriebene Arbeitszeiten werden mir schnell sehr langweilig. 

Wenn ich mir fest vornehme, morgen nach dem Frühstück den Fühlster zu malen und zu posten, werde ich es nicht tun. Es macht mir dann einfach keinen Spaß. Lieber nehme ich mir eine “Kreativ-Zeit” von 8-12, in der ich irgendwas angehen muss. Entweder ein paar Seiten des Romans. Oder der Feinschliff des Bilderbuches. Oder ein Blogbeitrag. Oder, oder, oder.

Am Ende mache ich so jeden Tag etwas Anderes und alles ist für mich von gleichem Wert. 

Wer hat sich das überhaupt ausgedacht? Ordnung ist das halbe Leben? Wenn ich auf meinem Sterbebett liege denke ich ganz sicher nicht “Ach, hätte ich bloooß mehr aufgeräumt!”

Sicher hab ich da jetzt Quatsch reininterpretiert.
Aber all zu feste Abläufe, all zu viel Struktur pfuscht mir wirklich oft ins Handwerk (wenn ich es denn mal versuche.)

Im Praktikum zum Beispiel: Ich kann wirklich gut mit Menschen um. Ich hab ein gutes Gespür für Situationen und Interessen. Als ich mein Angebot veranstalten musste, war eine ewig viele Seiten lange Planung gefragt. Mit Handlungsmethoden, Lernzielen und so weiter. Schreiben konnte ich die super. Die Lehrerin hatte kaum was daran auszusetzen!

Aber in der Umsetzung bin ich davon andauernd abgewichen, ich meine: Deutlich abgewichen. Ich habe einfach dabei gemerkt, dass einige Handlungsziele war grundsätzlich wertvoll und auch angemessen sind – in dieser Situation aber einfach nicht angebracht. Es war so, dass die Patienten allesamt einen weniger guten Tag hatten. Anstatt sie nun “zum Lernen zu zwingen” dachte ich, machen wir einfach etwas Quatsch aus der Situation. Wir haben viel gelacht, es war großartig!

Aber ihre Ziele haben sie nicht erreicht. Für die Patienten war es goldrichtig – die Planung war aber hinüber und die Hospitation wurde eine 3. Macht nichts, dachte ich bei mir. So lang es nur an der Planung scheitert und nicht daran, was ich kann. Die Lernziele habe ich dann in anderen Angeboten erreicht, übrigens. In spontanen.
Die Welt ist bunt! Verschiedene Normen, verschiedene Werte.
Auch Chaos kann eine Variante sein – wenn es denn funktioniert. 

Also nieder mit den aufgeräumten Bildern auf Instagram! Bei mir werdet ihr chaotische Küchen, Schuhe auf dem Wohnzimmerboden und unaufgeräumte Schreibtische sehen, denn sonst würde dieser Blog und mein ganzes Leben nicht laufen.

 

Mit guter Laune und viel Liebe
Kaddi

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