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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

“Tempo” und die Zeit, als das für mich mehr war als ein Taschentuch

Bevor es den Filou gab und bevor ich den Filoupapa kennenlernte, habe ich in Hamburg gelebt.
Ich bin aus Schwerin dort hingezogen, weil meine Heimatstadt mir nichts mehr gab. Ich musste von dort weg. Ich war 18 als ich nach Hamburg zog. Mit meinem damaligen Freund im Gepäck: Und die Großstadt hat mich sehr schnell gepackt.

Ich habe es geliebt, mich jeden Tag neu zu erfinden. Rote, Blaue, Grüne Haare, Kurz und lang, rumlaufen wie ein Punk, ein Bisschen Goth, ein Bisschen Schicki-Micki. Heute verantwortungsbewusst, morgen destruktiv. Vormittags FSJ in einer Sprachheilschule. Nachmittags wartet das Bier im Stadtpark. Wildfremde Leute in der U-Bahn zu mir nach Hause einladen, für ein paar Tage nicht nach Hause kommen, einfach weil ich’s kann; (Entschuldige, Silly, meine liebe Katze. Genau deshalb wohnst du jetzt bei verantwortungsbewussten Leuten.) Wochenlang bei niemandem melden, dann wieder von Stadt zu Stadt, Konzerte, Geburtstage, Festivals und überhaupt: Nie mehr Schlafen, bloß kein Slow-down, ich brauch Action und Farben!

Es ging alles schief, was schief gehen konnte. Unter Drogen und dem einen oder anderen Klinik-Aufenthalt, kurzen Affären und vorrübergehender Obdachlosigkeit ging die erste Beziehung schnell in die Brüche und die Nächste auch.

Ich habe verlernt, durchzuatmen. Ich hatte Angst vor dem Stehen bleiben. Ein Bisschen Halt gab mir meine Ausbildung, klar. Ich hatte Freunde, die sich um mich sorgten und hätte meine Familie etwas von alldem geahnt, hätten sie wohl mit mir oder für mich die Bremse gezogen.

Aber ich war – bin – ein Lebenskünstler. Ich bin zwischendurch halsbrecherisch in Schluchten gesprungen, aber nie unten angekommen. Ich kann rückblickend gar nicht mehr sagen, wie ich das verhindert habe. Ob hier wohl die guten Freunde die entscheidende Rolle spielten?

Ich dachte, ich mach das ein paar Jahre, nebenbei irgendwie die Ausbildung fertig und dann noch studieren – irgendwann dann mein Traumjob und dann arbeiten mit Menschen: Das wäre’ Action genug.
Soweit kam es aber nicht.

Es ist leider so, dass nicht jeder Mensch für Großstädte gemacht ist. Ich bin einer von denen. Ich bin untergegangen in meinem Rausch der Extreme, ich habe ein Bisschen das Gespür für mich verloren. Wenn ich allein war, drehte ich schier durch, ich hatte Panikattacken, habe wirklich viel mit mir selbst gesprochen und das Vertrauen in mich und die Menschen, die ich liebe verloren.

Ich hatte das Gefühl, mir entgleitet alles: Als wäre ich sehr viel schneller gealtert als normale Menschen das tun. Als wäre das letzte Jahr wesentlich mehr als 365 Tage entfernt.

Wenn ich das jetzt aufschreibe, dann ist das wie ein anderes Leben.
Als mir die Schwester an der Rezeption erklärte, dass auf dem prophylaktisch durchgeführten Schwangerschaftsstest etwas zu erkennen sei, stand ich unter Schock.

Ich hatte gerade einen zehnwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt hinter mir, in dem ich einen Typen kennengerlernt hatte. Wir hatten ein paar Mal was miteinander und ich fand ihn ganz nett – ja – und das wars auch schon. Ich wohnte in einer WG mit einem unheimlichen älteren Mann. Er hatte soziale Ängste und hoffte, mit den jungen Mädchen an die er die zwei Zimmer seiner Wohnung vermietete, Freundschaft zu schließen. Ich steckte in einer Ausbildung, von der ich noch nicht wusste wie sie weiter geht, weil mein unsteter Lebensstil mir viele Fehlzeiten eingeheimst hatte. Ich war immer pleite! Es kostete mich schon viel Kraft, mir morgens Frühstück zu machen und ich führte viele Kriege mit mir selbst.

Jetzt ein Kind? Wow! Ich haderte mit uns. Erzählte dem Filoupapa davon. Er drängte mich nicht, aber er machte mir klar, dass er eine Abtreibung schon bevorzugen würde.

Was soll ich sagen? Ich ging zu den Beratungsterminen. Und die taten, was ihr Job war – sie berieten mich. Hin- und Hergerissen suchte ich Rat bei Familie und Freunden. Ich setzte mich an die Elbe und fragte den Fluss, ob ich abtreiben sollte. “Das Elb-Orakel” riet mir dazu, den Filou zu behalten.
Aber konnte ich das? War es nicht ausweglos? Würde ich nicht untergehen und den Filou mit mir reißen?

Als ich mich meine Entscheidung getroffen hatte, ging ich ein letztes Mal zu einem Beratungsgespräch.
Wenn ich bis dahin noch mit mir haderte, dann wischte die (sonst sehr zurückhaltende) Frau mit ihren Worten die letzten Zweifel fort:

“Hätte ich gewusst, dass die Schwangerschaft sie so sehr zum Strahlen bringen kann, dass sie so für sich einstehen können – dann hätte ich auf meinen Auftrag gepfiffen und Ihnen gesagt, dass sie es behalten sollen. Sie sehen fantastisch aus!”

Aber danach ging die Hektik richtig los. Habt ihr schon mal versucht, in einer Großstadt eine Wohnung zu finden?
Mit einem Schufaeintrag, einem Partner der beim Parkservice arbeitet und mit einem Baby im Bauch während einer unbezahlten Ausbildung könnt ihr das vergessen.

Ich war verzweifelt, als ich mit meinem Vater sprach und das (keinesfalls drängende) Angebot annahm, zu ihm in die Kleinstadt zu ziehen. Dort würde er mir eine Wohnung besorgen, meine Ausbildung könne ich dort weiter machen.
Als alles geregelt war und ich dort in die Wohnung zog, war ich bereits im fortgeschrittenen 6. Monat schwanger.
Mit Schwangerschaftsdiabetis, leicht geöffnetem Muttermund und furchtbaren Krämpfen, die immer wieder kamen. Viele Kilos hatte ich zugenommen, unter Frust und Existenzangst und unstrukturiertem Tagesrhythmus. Fühlte mich hässlich, und mein Frauenarzt in Hamburg hatte dieses Grundgefühl mit den Worten “Hören Sie auf zu fressen, das werden sie nie wieder los!” nicht besser gemacht.

Die Geburt, die gerade so in den Rahmen einer Termingeburt fiel (27+0) war heftig, die Hebammenbetreuung war dank Personalmangel und überfüllten Kreissälen spärlich.
Die erste Woche auf der Intensivstation riss mir den Boden unter den Füßen weg.

Die ganze Hölle, durch die ich gegangen war, all der Stress, die Angst, der Lebenswandel. Alles hinter mir lassen. Gedanken über Diagnosen und Klinikaufenthalte, das Gefühl von Wertlosigkeit und die Angst nagten an mir. Die Angst, das der Filou wirklich krank war, weil niemand etwas erzählte, alle nur so halbgare Aussagen über den Entlassungstermin machten. “Sowas passiert öfter”, war zwar wahr – aber für eine frische Muddi nur sehr wenig beruhigend, wenn das bedeutet, eine Woche lang auf der Intensivstation stundenlang neben dem verkabelten Kind sitzen und den Geräten lauschen zu müssen und nur so wenig kuscheln zu dürfen.

Natürlich startete ich in unser gemeinsames Leben mit Wochenbettdepressionen. Die Beziehung zum Filoupapa wollte sich nicht entwickeln. Die Angst, mit dem Kleinen allein zu sein, die Schlaflosigkeit, die Unzulänglichkeitsgefühle.

Und doch: Ich wurde entschleunigt. Ich beruhigte mich langsam. Ich kam an. Ich begann zu sehen, was ich alles geschafft und erreicht hatte. Wie weit ich mich entwickelt hatte.

Der Filou wuchs, wir stillten, wir schliefen im Familienbett, ich wuchs. Ich nahm wieder ab. Ich aß regelmäßig, setzte mich durch, wurde zur Löwenmama. Begann die Ausbildung und nahm alles mit!

Die Wohnung war schön, es war ruhig. Langsam meldete ich mich wieder bei alten Freunden. Besuchte meine Mama. Versuchte mit dem Filoupapa gemeinsame Sachen zu machen, bis mir schmerzhaft klar wurde, dass das nicht ging. Trennte mich von ihm, wechselte noch einmal die Stadt: Zog in die Straße gegenüber meiner Ausbilungsschule. Mit einer hervorragenden Kita – und einem hervorragendem Mann. Einem, der mich sieht, der mich hält und mich liebt. Einem, mit dem die Beziehung an den Herausforderungen wächst.
Plötzlich war auch der Filoupapa da – Plötzlich konnte ich sehen, das Filoupapa und Filou sich lieben. Ohne schlechtes Gewissen kann der Filou mit seinen nicht-ganz-zwei-Jahren dort übernachten. Und ich hier sitzen. Runterkommen. Schreiben, malen, lieben.

Ich habe damals nach den Extremen gesucht, um mich lebendig zu fühlen. Ich habe mir selbst wehgetan. Ich habe immer, immer mehr Gas gegeben, es war nie genug! Beinahe hätte ich daran geglaubt, dass für mich kein anderes Leben infrage kommt.

Und der ganze Kitsch. All der Kitsch! Kinder sind das Wertvollste im Leben. Du weißt erst, was du auf der Welt suchst, wenn du dein eigenes Kind im Arm hast. All diese Dinge, die ich abgewunken habe als verzweifelter Versuch, mit weniger zufrieden zu sein – und doch: Ich bin jetzt im Leben angekommen.

Und jedes Mal, wirklich jedes Mal wenn ich dem Filou die Nase schnäuze, bin ich froh, das Tempo nur noch das ist. Eine Packung Taschentücher.

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