Ganz normaler Wahnsinn

Toxoplasmose.

Wirst du schwanger, gibt es eine Reihe Basisuntersuchungen, die zum Teil von der Krankenkasse bezahlt werden und zum Teil eben auch nicht.

Eine von den Selbstzahlerleistungen musste ich gerade kennenlernen!

Der Test auf Toxoplasmose wird hierzulande nicht gezahlt. Warum das so ist, konnte mir bisher niemand sagen.

Es wäre doch sehr naheliegend, sie zu den Standarduntersuchungen hinzuzufügen, denn obwohl sie keine Gefahr mehr darstellt sobald jemand sich irgendwann in seinem Leben schon einmal infiziert hat – ist aber gleichzeitig für schwere Fehlbildungen beim Ungeborenen verantwortlich, kann zum Hydrocephalus, zur Meningitis und eben auch zur Fehlgeburt führen, sollte man sich in der Frühschwangerschaft damit infizieren.

Und nun, ich habe mich infiziert. Und musste (muss immer noch) schlimme Unsicherheiten durchstehen.

Toxoplasmen sind sozusagen kleine Parasiten. Ihr Endwirt, also das angestrebte Ziel, sind Katzen. Sind sie in einem Wirt, der keine Katze ist, gehen sie auf das Nervensystem ihrer Beute. Ihr Ziel ist es, den Körper lahm zu legen, damit er schließlich von einer Katze gefressen wird.

Bei einer Maus zum Beispiel verschluckt die Toxoplasmose den Fluchtreflex – steht eine infizierte Maus vor einer Katze, läuft sie einfach nicht weg.

Klingt erst Mal furchtbar und ist es auch, für den Menschen aber erst Mal ungefährlich. Denn sein Nervensystem ist geschützt. Er ist in der Lage, Antikörper zu bilden.

Nur in der Schwangerschaft kann es gefährlich werden – dem ungeschützten, sich entwickelnden Nervensystem im Bauch der Frau.

So eine Infektion kann zu schlimmen Fehlbildungen des Ungeborenen führen. Das war meine erste Information bei der Frauenärztin.

Sie sprach von Hirnschäden und Organschäden, vom Zweifel an der Lebebsfähigkeit.

Ich saß vor ihr auf einem Stuhl und schluckte schwer. Automatisiertes Lächeln und Nicken. Am Rande nahm ich Worte wie Antibiose, Fruchtwasserpunktion und Genetiker wahr.

Die nächsten Tage, ich war gerade in der elften Schwangerschaftswoche, waren geprägt von Fingertippen in das Googlesuchfeld, von halbherzigen Versuchen mich auf mein lebendes, gesundes Kind zu konzentrieren und vom Warten auf den Termin zur frühen Feinsonografie.

Ich haderte mit mir selbst und mit der Ungerechtigkeit der Dinge. Hatte ich mir nicht in der ersten Schwangerschaft geschworen, bei einem hypothetischem zweiten Kind das Wort “Abtreibung” nicht mal zu denken?

Egal unter welchen Umständen, hatte ich behauptet- werde ich nochmal schwanger, freue ich mich auf das Kind.

Und nun? Ein Kind mit schweren Behinderungen? Kann ich das? Werde ich dann überhaupt noch irgendeinem Bereich meines Lebens gerecht?

Innerlich verabschiedete ich mich schon ein wenig von dem Gefühl, schwanger zu sein. Von der romantischen Vorstellung einer kleinen Schwester für den Filou.

Verstand den Papa nicht, der sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen ließ und erst Mal den Termin abwarten wollte.

Und dann?

Erst bei dem Termin erfuhr ich von der Nestschranke. Das, bei einer Toxo-infektion im frühen Stadium zwar die Wahrscheinlichkeit für ein schweres Handicap am Größten ist – jedoch nur bei einer feststellbaren Infektion im Fruchtwasser. Und das diese Infektion des Ungeborenen vor der 16. Woche sehr unwahrscheinlich ist.

Das mein Baby vermutlich aufgrund der zeitigen Behandlung mit Antibiotika von der Infektion gar nichts mitbekommt.

Man würde mir empfehlen, eine nicht völlig ungefährliche Fruchtwasserpunktion zu machen. Für die Sicherheit.

Und der Genetiker erklärte mir dann, dass es dafür ein Zeitfenster gibt.

Ideal sei die 17. Woche. Nach Beginn der Behandlung durch Antibiotika – aber nur das Einfachpräparat. Nicht die Kombipackung.

Nun, hätte das mal jemand meiner Frauenärztin gesagt. Ich nahm die Kombipackung seit zwei Wochen.

Also keine Gewissheit. Ich hätte zwar erfahren können, ob das Kind infiziert ist. Aber nur wenn es aktuell infiziert ist – nachweisbar – ein beruhigendes also negatives Testergebnis wäre aufgrund der breiten Behandlung nicht aussagekräftig. Könnte irreführend beruhigend, falsch negativ sein.

Bekäme ich das Kind,könne ich vermutlich erst etwa ein Jahr nach der Geburt sicher sein, dass es nie mit den Parasiten in Kontakt gekommen war.

Die Fruchtwasserpunktion wäre also nur noch für mich selbst. Ich könne mit einem positiven, also schlechtem Ergebnis, einen Abbruch in Erwägung ziehen.

Nur auf den Verdacht eines hypothetischen Handicap? Never. Ich nicht.

Alle Organe sehen fit aus, das Hirnwasser ist da wo es hingehört. Nicht ausschließbar bleiben Hör- oder Sehfehler. Zitterpartie?

Die Frauenärztin schien überhaupt nicht begeistert von meiner Entscheidung.

Aber ich bin froh über mein Recht auf Nichtwissen, wenngleich ich nun zwei bis drei Mal die Woche zum Arzt muss. In vier Wochen gibt es für mich schon die dritte Feinsonografie!

Aber bisher geht es meinem Sohn gut. Er bewegt sich. Mein Bauch wächst.

Ich freue mich von Tag zu Tag ein Bisschen mehr.

Aber der Ärger über zu viel und gleichzeitig zu wenig Panik, also über unverhältnismäßig große Panik durch mangelnde Aufklärung, der bleibt.

Ich bin für Toxotests als Kassenleistung. Der Einwand des Genetikers dazu, dass diese Tests in Österreich und der Schweiz sogar verpflichtend wären, sei dazu am Rande erwähnt.

Meine Hoffnung auf ein blumigere Schwangerschaft wurde jedenfalls enttäuscht.

Ich bin sehr froh über diese zweite Kugelhälfte in der ich meinen Bauch auch einfach anfassen kann, um mich zu beruhigen, und nicht panisch auf den nächsten Ultraschall warten muss um zu sehen, dass das kleine Herz noch schlägt.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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