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Ohne Arbeit, Ohne Wert? (Reihe) Lican erzählt:

Ja, was mache ich den ganzen Tag? Wenn ich da mal ganz ehrlich bin, weiß ich das oft selbst nicht mehr.

Ich bin seit mittlerweile nem halben Jahr krankgeschrieben und habe immer wieder das Gefühl nichts zu tun und trotzdem keine Zeit zu haben.

Und dann immer wieder diese Fragen: „Hast du denn schon was Neues gefunden?“

„Willst du nicht langsam wirklich mal wieder was machen?“

Und ja, jede dieser Fragen trifft mich. Ich habe Angst davor, neue Menschen kennen zu lernen, weil in jedem ersten Gespräch die Frage gestellt wird, was man denn gerade beruflich macht. Ich habe Angst vor jedem Treffen mit meiner Familie und selbst vor Freunden manchmal.

Viele verstehen nicht, dass ich nicht nur krankgeschrieben bin, weil ich gerade keinen neuen Job hab, oder nur ein bisschen Angst mich darum zu kümmern. Viele verstehen nicht, was Depressionen sind und dass man die nicht einfach “weg-arbeiten“ kann. Zumindest ich nicht. Und noch weniger verstehen die Menschen, wie schlimm die Erfahrungen waren, die ich im letzten Job gemacht habe.

Wie sollten sie auch. Ich verstehe es ja selbst kaum. Ich verstehe, dass der sinnlose Druck, der dort immer mehr aufgebaut wurde, mich mitgenommen hat. Verstehe, dass die Umstände dort wirklich schlimm waren und der Chef gegen Jeden kämpft, der den Mund auf macht. Ich verstehe, dass ich am Ende mit einem Menschen zusammenarbeiten musste, die übergriffig war und dass all das in mir viel hervorgerufen hat, was eigentlich schon fast vergessen war.

Aber wenn ich diese Worte hier sehe, merke ich, dass ich immer noch nicht so ganz verstehe, denn ich denke immer noch, dass es klingt, als würde ich mich nur anstellen.

Doch ich habe Angst. Habe das Vertrauen in meine Fähigkeiten verloren, träume bis heute noch fast jede Nacht von dieser letzten Arbeitsstelle, wechsle zwischen unbändiger Wut auf die Menschen dort und Selbstvorwürfen hin und her.

Ich zweifle an Allem. An meiner Berufswahl, an mir, an der Gesellschaft.

Ich wechsle den Standpunkt von „Es ist in diesem System kaum möglich wirklich so mit Menschen zu arbeiten, wie sie es verdient haben und ich bin da auf wirklich ungeeignete Menschen getroffen.“ zu „und am Ende haben vielleicht Alle recht mit ihren Vorurteilen, das Ganze ist an mir gescheitert und ich bin einfach nicht belastbar und ungeeignet…“.

Und je länger ich zuhause bin, desto mehr und drängender werden die Fragen. Und mir schlägt immer mehr diese Meinung entgegen, dass es doch nicht gesund sein kann, den ganzen Tag nichts zu tun und dass man da ja irgendwie langsam mal raus kommen muss.

Am Ende übernehme ich mir gegenüber oft selbst schon die Ansicht, dass ich ja zurzeit wirklich nichts wert bin, weil ich ja nichts zur Gesellschaft beitrage, keinen Nutzen habe. Für niemand Anderen würde ich solche Bedingungen an seinen Wert oder die Berechtigung zu existieren knüpfen, doch für mich kann ich davon oft nicht abweichen.

Und dann denke ich, dass das ja dann anders wäre, wenn ich wieder arbeite. Dass sich das positiv auf meinen Selbstwert auswirken würde, wie man das therapeutisch nennt. Dann setze ich mich unter Druck, gerate in Panik und frage mich am Ende für wen ich das eigentlich Alles mache.

Wem will ich denn etwas beweisen, wenn ich anfange zu suchen, mich dem Arbeitsmarkt stelle? Möchte ich nur etwas tun, damit mir niemand mehr auf die Nerven gehen kann? Muss man denn wirklich arbeiten um für irgendwen etwas wert zu sein?

Ich weiß, dass ich auch Menschen um mich habe, die das anders sehen. Einige davon arbeiten, Andere sind ebenfalls krankgeschrieben. Doch alle von ihnen teilen das Verständnis für Zeiten und Umstände, die es einem unmöglich machen, sich „nun endlich mal aufzuraffen und was Neues zu suchen“.

Dieses Hin und Her aus Wollen und Müssen und Dürfen und sein Können oder eben nicht, das macht selbst das “nichts tun” sehr, sehr anstrengend.

Und in der Zeit, die mir bleibt? Da versuche ich mich mit mir und meinem Leben auseinander zu setzen, versuche den Alltag und den Pflichten, die man schon ganz ohne Job hat, gerecht zu werden.

Ich versuche mit meinen Gefühlen zurecht zu kommen und heraus zu finden, was ich wirklich will.

Daneben gehe ich raus und versuche zu leben, denn auch das kann ein Teil des Weges in die Arbeitsfähigkeit sein. Manchmal schleicht sich auch da ein schlechtes Gewissen ein, aber ich weiß eigentlich, dass das das Richtige ist.

Und eigentlich suche ich dabei nur nach einem Platz in dieser Welt, an dem ich so sein kann und darf, wie ich bin und sein will. Ein Ort, an dem ich zeigen kann, dass ich Fähigkeiten habe, von denen andere Menschen sogar profitieren können. Ein Ort, an dem ich das tun kann, was mich erfüllt. Nämlich Menschen darin unterstützen, genau das für sich zu finden.

Lican

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