Vier Wochen “wirklich” alleinerziehend

Ich glaube, jetzt habe ich wirklich alle Formen von “alleinerziehend” durch.

Da war die erste Woche mit dem Filou auf der Intensivstation, als der Filoupapa vollkommen überfordert und dann auch noch Grippe krank war, sodass es nur mich, die Milchpumpe und das verkabelte Kind im überfüllten Krankenhaus mit Fachkräftemangel gab.

Dann folgte der Babyblues samt Wochenbettdepression, was dem Filoupapa nicht in den Kopf und aber vor Allem nicht ins Herz ging, sodass ich zwar einen funktionierenden Haushalt hatte und gelegentlich abgelöst wurde beim hin- und hertragen, emotional aber völlig allein da stand.

Es folgte die lange Zeit in der die Beziehung gut und schlecht und gut und schlecht lief, weil ein Haushalt mit drei Personen die ihre Gefühle nicht regulieren können eben einfach schwierig ist und schließlich die Trennung, die mich nun auf dem Papier engültig für alleinerziehend erklärte (Das gemeinsame Sorgerecht hatten wir nie).

Die Zeit, in der der Superheld dazu kam und mich tatkräftig unterstützte, die Zeit in der meine Rückenschmerzen verschwanden und ich sogar mal in Ruhe auf Toilette gehen durfte. Die Zeit der Erziehungsberatung unter Erwachsenen und des “sich gegenseitig regulierens”.

Die Zeit in der ich nachmittags lernen konnte, ohne Kind auf dem Schoß, weil es mit dem Superhelden draußen spazieren war.

Die Zeit allein unter der Dusche.

Sie gipfelte irgendwann in Streits und Überfordern, in einstudierte Rollen und In emotionalem Chaos. Die sechs Wochen Dauerspätschicht des Helden brachten mich zu “alleinerziehend durch häufige Männerabwesenheit”.

Jetzt ist der Superheld weg und ich bin es das erste Mal wirklich.

Alleinerziehend.

Seit dem Frühstück hatte ich keinen sozialen verbalen Kontakt mehr zu Menschen, bis auf “Hallo” und “Tschüss” mit Supermarktmitarbeitern und Erziehern in der Kita: Alles Weitere höchstens übers Telefon.

Klar, der Filou. Und das war schön.

Überhaupt, es ist schön, irgendwie.

Die Zeit am Nachmittag verbringen wir intensiver miteinander.

Multitasking kann ich nicht und es hätte eh keinen Sinn, das Kind möchte meist, vor Allem im Moment, meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Das Handy kam nur selten zum Einsatz, ich rauche weniger, ernähre mich gesünder. Den Filou auch zum Papa zu geben oder in die Kita fällt mir jetzt leichter – ihm auch, übrigens – und ich nutze die Zeit, die ich habe, effektiver.

Ich bin müde. Fast so müde wie zu Babyfilou Zeiten.

Chronisch erschöpft hangele ich mich von Morgen zu Abend und ich weiß nicht, wie es andere Mütter schaffen nebenbei arbeiten zu gehen oder ob der Filou tatsächlich übermäßig viel krank ist, denn ich habe das Gefühl einer von uns ist immer so krank, dass er zu hause bleiben muss.

Meine Gedanken jagen sich im Kreis und finden kein Ende, ich bin einsam und gleichzeitig befreit, leer und gleichzeitig überfüllt.

Es fühlt sich schrecklich an allein verantwortlich zu sein. Finanzen, Ernährung, saubere Wäsche, hab ich den Herd aus gemacht? Ist das Geschirr in der Maschine sauber oder dreckig?

Von wann ist die Windel, und wollten wir nicht trocken werden – wir müssen noch einkaufen, nein Kind, wir gehen nachher rutschen, ja gut: einmal! Aber die Taschen sind wirklich schwer…

Die Arme sind lang, die Füße tun weh und das Kind will die Treppen nicht allein hochgehen. Unter den Arm geklemmt. Muss ja, ich will doch nur nach Hause!

Das Kind ist im Bett.

Bloggen, Buch schreiben, durch die social media scrollen oder doch telefonieren? Was mache ich eigentlich am Wochenende? Erst mal rauchen – Druckabfall.

Eine Sekunde, ich fühle mich so erleichtert, ich könnte weinen.

Was steht morgen eigentlich an? Der Zettel für die Krankenkasse, den Dauerauftrage beenden, das Kind braucht Schuhe. Oh und der Boden klebt, du müsstest wischen.

Schade! Die Pflanze wollte ich pflegen, aber die erholt sich wohl nicht mehr.

Tschuldige, ich weiss ich melde mich zur Zeit nicht oft. Klar können wir mal reden, komm doch einfach am Wochenende vorbei! Oh Mist, da steht was an.

Ich möchte gern schreiben. Zur Pflegestation, Inklusion, Literacy, zum Wahnsinn mit Kind. Aber meine Gedanken lassen sich nicht in Worten zusammenfassen und im Grunde lohnt es sich ja auch nicht.

Meine Leser warten schließlich nicht gespannt, wann kommt das Nächste. Es ist ja mehr für mich selbst, was lohnt es da, sich Druck zu machen?

Ich lebe vom Morgen zur Nacht. Keine Ahnung, wie es jetzt eigentlich weiter geht.

Unglücklich bin ich nicht. Nur irgendwie müde, kraftlos, nicht so richtig motiviert.

Es ist anstrengend.

Aber so selbstbestimmt wie lang nicht mehr. Es wird zwar alles nur fast fertig, ich bin durcheinander, müde. Aber ich kann ganz allein entscheiden, für was sich viel Aufwand lohnt und wofür gerade nicht.

Ich bin irgendwie ausgeglichen, entspannt. Nur ich und der Filou

Es ist okay, wenn ich etwas nicht schaffe, wenn nicht jeder Bereich meines Lebens läuft, es ist eine Frage der Zeit.

Abwarten. Vom Morgen zum Abend.

Mit Liebe

Kaddi

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