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Vom Werden und Wünschen

Warum hab ich so eine Tochter!?”

Papa, wenn du das hier liest, dann hab’ kein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich weißt du schon gar nicht mehr, dass du das gesagt hast und es war ein blöder Spaß.

Meine Eltern lesen hier manchmal mit. Alle vier. Deshalb habe ich eine Weile überlegt ob und wie ich diesen Beitrag schreiben möchte.

Ich hab’ sie nämlich gern. Alle vier. Und ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen und zu viel darüber nachdenken, was in meinem Kopf passiert.

Aber dieser Satz, den mein Papa da gesagt hat, der hallt nach in meinem Kopf. Er sprach von meiner Ungeduld, von meiner Unumsichtigkeit. Ich bin erst in eine Wasserpfütze und ihm danach auf die Hose getreten, sodass er schimpfend aus dem Raum ging: “Warum hab ich so eine Tochter?”

Papa, die Sache ist: Du hast so eine Tochter, weil damals etwas schief lief. Damit hast du etwa genauso viel zu tun wie Mama auch. Damals gingen Sachen schief und ich habe ein paar Dinge nicht so gelernt, wie es fein für Kinder wäre.

Aber und das meine ich so: Das ist nicht schlimm. In meinem Kopf laufen ein paar Dinge anders.

Ich kann mich nicht so konzentrieren wie andere: Die Reize meiner Umwelt prasseln auf mich ein und wenn ich das Kind in der Küche lachen höre, dann vergesse ich, dass wir gerade noch über die Pfütze sprachen.

Ich bin so und nicht anders, weil mein Leben so war, wie es war. Darüber kannst du meckern, darauf kannst du stolz sein, es kann dich traurig oder ratlos machen und dir ein mulmiges Gefühl geben, weil deine Freunde sich vielleicht fragen, warum du so eine Tochter hast.

Vielleicht tun sie das auch nicht. Vielleicht ist das nur mein wirrer Kopf und meine Angst, nicht gut genug zu sein.

Die kommt immer wieder. Eine Weile klappt alles gut, mit Ausbildung und Kind oder Job und Haushalt und Freunden und Beziehung und dann ist plötzlich wieder alles kompliziert.

Da gibt es biologische Erklärungen für. Hormone und Botenstoffe und Synapsenverbindungen, lauter Zeug für das man sich interessieren muss, damit man es versteht. Theorie.

Da muss ich gegen kämpfen, wie gegen Windmühlen. Mich Mantraartig daran erinnern, was ich gut kann, dass meine Eltern stolz auf mich sind, das meine Freunde mich gut finden, dass ich wertvoll bin.

Ich bin eben ein Bisschen verrückt. Deshalb heißt das hier ja auch “WahnsinnundWir”.

Aber ehrlich. Die Welt ist ohnehin verrückt. Und wenn ich ein Bisschen anders bin als der Rest der Welt, ist das doch wahrscheinlich gar nicht schlimm.

Guck, Papa: Ich hab ungefähr so viel Leben hinter mir:

________.

Und guck, Papa:

______________________________________.

Etwa so viel kommt noch, wenn alles gut geht. Und ich hab noch so viel Zeit, lange Phasen zu haben, in denen alles gut läuft. In denen ich Reize sortieren kann und nicht in Pfützen trete.

Guck, Papa: Ich habe eine Krankheit. Und die geht nicht einfach weg. Die drückt immer mal wieder. Die ist entstanden, als ich noch sehr klein war, wie ein Tumor den man nicht sieht. Ja, diese Krankheit kann sogar tötlich sein, für Manche.

Es gibt Menschen, die schaffen das nicht so, wie ich das schaffe. Es gibt welche, die geben auf.

Ich gehör aber zu denen, die das nicht tun. Ich steh auf und steh auf und steh auf. Ich fall leider auch immer mal wieder um, oder trete in Pfützen.

Ich bin stolz auf mich, für all den Kleinkram jeden Tag. Ich find’ mich gut genug. Das ist nämlich ganz schön harte Arbeit, auch wenn das von Außen nicht immer so aussieht.

Das zu erklären ist nicht so einfach. Da musst du mir mal vertrauen: Es geht wirr zu, in meinem Oberstübchen, aber daran kann ich so einfach und mit der puren Gedanken kraft nichts ausrichten, obwohl ich das manchmal möchte.

Ich möchte unkompliziert und anders sein. Ich möchte einfach so eine Ausbildung zu Ende machen und mir einfach so einen Job suchen. Ich möchte einfach so sein wie alle Anderen sein und nicht andauernd aus der Reihe fallen.

Ich möchte dass du einen blöden Witz machen kannst, aus dem Raum gehen und fragen kannst “Warum habe ich so eine Tochter?”, ohne dass ich tagelang darüber nachdenken muss, ob du dich das öfter fragst.

Aber das geht nicht einfach so. Und das müssen alle verstehen, die mich gern haben. Dass es nicht einfach ist, sondern dass ich jetzt schon ziemlich viel erreicht habe. Dass ich stolz auf alles sein kann, was ich geschafft habe, dass es nicht schlimm ist, dass ich noch nicht meine äußersten Ziele erreicht habe.

Vor Allem muss ich das selber mal verstehen und dann einfach weiter gehen.

Weißt du Papa, warum du so eine Tochter hast?

Ich würde das Glück nennen.

Mit Liebe

Kaddi

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