Grenzgänger,  Vom Anderssein

Von Gefühlen, Töpfen und Essgewohnheiten

Ich kann es nicht leiden, wenn Leute laut schmatzen. Wenn jemand neben mir sitzt und schmatzt, dann bin ich genervt. Nicht so mittelmäßig “Mach doch mal den Mund zu”- genervt. Sondern so richtig “Ich geh an die Decke und werf dich aus dem Fenster”-genervt.

Ich möchte den Schmatzer dann anschreien oder ihm das Essen aus der Hand schlagen, weil mich das so aufregt.

Aber ich tue es nicht. Stattdessen atme ich fünf Mal tief durch und bete mir vor, dass er ja nicht für immer essen kann. Ich veratme die Wut so vorbildlich wie Neumütter ihre imaginären Wehen im Geburtsvorbereitungskurs.

Es gibt ja Menschen, die haben sogar eine Phobie. Sie ekeln sich so stark vor Kaugeräuschen, oder haben gar Angst davor, sie zu hören, dass sie phobisch darauf reagieren. Die können im besten Fall darüber reden, denn Phobien sind ein weithin gesellschaftlich anerkanntes Phänomen.

Ich reagiere aber nicht phobisch. Ich bin wirklich wütend. Einfach nur wütend, weil der Mensch seinen Mund nicht zumacht, wenn er isst, oder seine Zunge nicht beherrschen kann. Es ist doch nicht schwer, nicht so laut zu essen! Und außerdem macht man das doch auch einfach nicht.

“Mund zu beim Kauen, sonst kannst du auf dem Balkon essen!”

So wurde mir das beigebracht. (Danke Mama! Du weißt, ich hab dich lieb.)

Heute, als Erwachsene, setze ich mich manchmal neben sie und schmatze extra laut, weil sie das besonders hasst. Wenn sie dann was sagt, gucke ich belustigt herüber und sage ihr “Leb damit, ich lauf ja nicht mehr unter deinem Tisch durch!”. Alles super easy.

Aber als Kind? Wie, ich schmatze? Hab ich gar nicht gemerkt. Wie geht schmatzen? [Schmatz, schmatz] Oh, ist ja lustig. So schmatz ich nicht. So schon. Oh lustig, das geht ja noch lauter!

Und dann ist Mama wütend. Warum eigentlich? Was hab ich falsch gemacht? Schmatzen ist etwas Schlimmes. Das darf ich nicht mehr machen, das macht man nicht.

Als Kind war ich natürlich auch ein Bisschen trotzig und wütend, weil ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum man das nicht darf. Hab mich natürlich trotzdem dran gehalten.

Zack. Gemerkt.

Den Trotz und die Wut hab ich in einen Topf gesteckt. Deckel drauf. Nie wieder angerührt.

Wirklich? Nie wieder? Oder springt der Deckel nicht jedes Mal ab, wenn jemand neben mir sitzt und laut isst?

Aha. Deshalb also! Ich bin wütend, weil ich nicht schmatzen durfte. Und weil das, was für mich gilt, ja auch für alle Anderen zu gelten hat. Die Wut gehört ins Früher.

Gefühlstopf ohne Überlaufventil.

Mein Wuttopf ist so voll, dass der Deckel abspringt, wenn jemand ihn anstubst. So, der Kollege in der Kantine zum Beispiel.

Nur, wie werd ich die ganze Wut los? Den Kollegen anschreien?

Lieber nicht. Wird ja nur mehr Wut, denn der Schmatzer wehrt sich bestimmt mit Geschrei gegen Geschrei. Im Besten Fall gibt er mir die Wut kommunikativ zurück indem er einen blöden Scherz macht oder mir sagt, dass er nun mal gern so isst.

Er kann ja nix dafür, dass seine Mutter ihm nicht beigebracht hat, dass man nicht schmatzt.

Ich schreibe lieber einen Beitrag drüber, erzähle von Gefühlstöpfen und Überlaufventilen.

Vielleicht drucke ich mir demnächst ein Foto von einem Schmatzer aus und klebe es auf ein Kissen, spiele eine Audiodatei mit Schmatzgeräuschen ab und schlage so lang auf das Schmatzerkissen ein, bis der Wuttopf leer ist.

Jedenfalls pack ich keinen Deckel mehr drauf. Es nervt ja, wenn irgendein Gefühl dauernd alle anderen überschwemmt, nur weil der Deckel abspringt.

Und was habt ihr so für Gefühlstöpfe?

Mit Liebe,

Kaddi

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