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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Von Statik und Dynamik in Weltbildern

Bedürfnisorientiert. Ab wann beginne ich, den Filou in seiner Entwicklung einzuschränken – wie viel Selbstbestimmtheit erträgt ein nicht ganz Vierjähriger – wie viel “funktionieren” ist okay?

In der Tagesklinik habe ich begonnen mich mit der Erziehungsdynamik zwischen mir und dem Großen auseinanderzusetzen.

Bedürfnisorientiert.

Ich habe “bedürfnisorientiert” gelebt. Ich habe meinem Sohn immer nachgegeben – was nicht der Definition von bedürfnisorientiert entspricht. Aber dabei bin ich vor Allem meinem Bedürfnis nach Konfliktvermeidung nachgegangen.

Der Filou hatte unheimlich wenig Grenzen. Auf unserem Couchtisch klettern? Kein Problem. Selbst aussuchen, wann und wie viel er isst? Klar. Bespaßt werden? Gut. Barfuß laufen? Warum nicht?

Wann immer er auf gesellschaftliche Konventionen stieß entwaffnete ich die Anforderungen an feste Grenzen mit einem “warum nicht”? Und zog mich aus der Verantwortung.

Ja- Umgebung, Freiraum, Persönlichkeitsentwicklung. Ich könnte Bücher füllen mit Argumenten und Interpretationen, die meinen Erziehungsstil rechtfertigen. Ich könnte wunderbar weiter machen, weiter meiner Meinung sein. Ich könnte.

Aber des Filous Trotzanfälle wurden nicht weniger. Es wurden mehr. Und meine Kraft verschwand. Was blieb war Frustration und Wut. Bei ihm und bei mir.

Ich wusste, er braucht Grenzen. Er musste lernen, dass er eben nicht über alles bestimmen konnte. Denn alles war viel zu viel für ein Kind seines Alters.

Einige Konsequenzen kamen von selbst. In der Schwangerschaft, im Wochenbett, im Leben als großer Bruder, da gab es Grenzen. Am Anfang war es schlimm. Sehr schlimm, laut, voller Wut, voller Fronten. Dann kam die Klinik. Strukturierter Tagesablauf, klare Linien. Das geht, das geht nicht. Auszeiten zum Abreagieren, nicht allein, aber bestimmt. Du willst das Brötchen, das du dir ausgesucht hast, (jetzt) nicht mehr? Gut, dann stellen wir es in den Kühlschrank, wenn du Hunger hast, hol es dir, was anderes aber gibt es nicht.

Ziehst du deine Jacke jetzt nicht an, geht Mams die Treppen runter und wartet dort auf dich.

Entscheidung, Konsequenz. Er darf weinen und wüten und schreien. Er darf autonom sein, seine Entscheidung verteidigen. Die Konsequenz bleibt.

Er wird dabei in aller Konsequenz geliebt. Es gibt keine Ausnahme von der Liebe. Aber es gibt eben auch keine Ausnahme der Konsequenz.

Der Herzensmann. Der kam in unser Leben – und zeigte klare Grenzen. Straight, sagt er dazu. Der Filou weiß, woran er ist. Er nimmt den Mann so, wie er ist. “Bonuspapa” sagt er dazu. Der Filou nimmt diese Grenzen an. Manchmal mit Protest, manchmal ohne. Die Beiden Männer verstehen sich.

Ich bin dankbar, für sein klares Auftreten. Und dennoch irritiert. Ist das nicht das, wogegen ich mich so lang gewehrt habe? “Nein”, “Du mwchst”, “folge mir”?

Ja. Genau das habe ich vermieden. Weil ich mir zu keiner Sekunde zugetraut habe, zu wissen, was gut fürvmein Kindbist. Weil ich dachte, er weißves besser, weil er suf sich undvseine Wahrnehnung hört.

Und das ist auch alles irgendwie richtig – seine Intuition zerstören, das kann nicht der Plan sein. Nichtsdestotrotz braucht er mich, sicheren Hafen, festen Rahmen. Jemanden dervihm sagt, wo es lang geht. Ihm zeigt, auf welchen Wegen er gehen kann. Jemanden, der das Leben schon kennt, einen, der ihn beibringt, wie das geht.

Mit festen Grenzen und Struktur, die ich selbst so nicht hatte, die ich selbst nicht kannte, aber vielleicht auch gebraucht hätte. Verlässliches Fundament.

Ein verlässliches Fundament schränkt nicht ein. Es beflügelt.

Diesen Unterschied lernen, begreifen und umsetzen, das ist jetzt dran.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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