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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Von Urteilen, Meinungen und dem Muttersein.

Wie lang habt ihr so gebraucht, bis ihr wusstet, was für eine Mutter ihr seid und sein wollt?

Ich bin seit drei Jahren eine und weiß es wohl immer noch nicht.

Vor der Schwangerschaft wusste ich vor Allem, was für eine ich nicht sein will. Und natürlich bin ich manchmal genau die.

Ich weiß, mein Sohn steckt in einer Welt voller Magie und unerklärlicher Zusammenhänge. Er will sich spüren und herausfinden, wie die Welt so sein kann.

Er will sein Leben erobern und werden.

Ich weiß, meine Prioritäten sind nervig erwachsen geworden. Ich will eine saubere Wohnung und gesund essen. Ich möchte meine Pläne einhalten, genug schlafen und auch mal nichts tun. Ich möchte, dass auch sein kleiner Bruder weiß, wie es ist von allen bestaunt zu werden und wichtig zu sein.

Ich will saubere Wäsche und ab und zu auf ein Konzert. Ich will das Essen und den Kaffee warm, und vor allem selbst zu mir nehmen. Ich möchte, dass alle Familienmitglieder beim Stadtbummel eine Hose tragen.

Aber weißt ihr, was albern ist?
Vieles davon ist mir erst wichtig, seit ich ein Kind habe.

Früher war ich nämlich die, die bunt bemalt durch die Stadt gelaufen ist barfuß und durchaus auch mit Übergewicht, aber in sehr knapper Hose und Top. Alle haben geguckt, einige waren nicht begeistert, aber sie waren fremd und deshalb war mir das egal.

Ich war lang arbeitslos, in Behandlung, wegen meiner Angst und meiner Wut und dem zuvielgefühl. Aber ich das habe ich einfach jedem erzählt.

Nur – was die Leute über mich und meine Kinder, über mich als Mutter denken, das will mir nicht egal werden, wie sehr ich es auch versuche. Ich will am Liebsten immerzu bestätigt haben, dass ich das, was ich tue, gut mache.

Wie ich am Besten ich selbst bin, kann mir keiner sagen. Aber wie ich am Besten Mutter bin, dass weiß irgendwie jeder besser als ich.

Ich möchte geduldig sein und liebevoll und voller Fantasie. Ich will zuverlässig sein und weitsichtig. Ich will Sicherheit geben und Liebe.

Vieles davon gelingt mir nur selten. Meine eigenen Ansprüche und Wünsche treiben mich in den Wahnsinn, ohne Umwege.

Hätte ich weniger davon und würde die Energie, die ich darein stecke, eine weithin akzeptierte und für gut befundene Mutter zu sein, nutzen, um ich zu sein beim Mutter sein, würde ich mich bestimmt besser anstellen.

Wieso lege ich Wert auf die Meinung von Leuten, deren Werte ich nicht teile?

Warum soll mein Kind Leuten Hallo sagen, die ich selbst unsympathisch finde? Damit diese Leute keine unangenehme Begegnung mit einem Kind machen? Damit ich nicht anecke und in Rechtfertigungen verfalle?

Und wenn schon. Wieso muss das Kind in der Stadt eine House tragen, wen er sich in der Boxershorts wohler fühlt? Lang genug sind sie ja.

Muss ich jeden Vormittag raus und pädagogisch wertvoll sein?

Alles Unsinn. Meine Werte sollten wichtiger sein. Es sind ja meine. Und natürlich möchte ich, dass die Kinder sie übernehmen, ich stehe ja zu ihnen.

Materielles ist zweitrangig. Das Leben ist voller Gefühl. Mitmenschen sind wichtig, Farben, Lust am Leben, am Sein. Es ist wichtig, was du fühlst, das du atmest, das du weißt, was Liebe ist. Das du an einem sicheren Ort bist.

Nein, davon zahlt sich die Miete nicht. Aber so kannst du der werden, der du sein willst und einen Beruf lernen, der dich glücklich macht.

Und spätestens in der Pubertät werden sie sich dann ja doch und ohnehin eigene Werte suchen.

Und zu all diesen Gedanken kann ich euch noch von einem Ahaerlebnis erzählen: Heute Vormittag nämlich war ich mit den Kindern draußen. Und sehr verschiedene Menschen sind an mir vorbei gelaufen.

Jeder von ihnen könnte heute Abend etwas anderes über mich erzählen!

So sah die erste eine junge Mutter mit bunt gefärbten Haaren, die ihren großen Sohn harsch zur Ruhe ermahnte, damit das Baby, das gerade die Flasche bekam, schlafen konnte. Sie lächelte mich verständnisvoll an.

Der Zweite sah dieselbe Mutter, die mit dem Handy daddelnd und einer Zigarette in der Hand ein Stück abseits stand, während das Baby im Kinderwagen lag und der Große allein spielen musste. Er schüttelte den Kopf.

Die Dritte sah eine Mutter, die liebevoll mit dem Großen im Sand spielte, während das Baby ganz nah bei uns im Kinderwagen schlummerte. Sie sprach mich an und erzählte mir, wie sehr sie sich freue, wenn mal einer nicht nur in sein Handy, sondern auch mal zum Kind sehen würde.

Der Dritte sah ein Kind, wie es quengelte, während das Baby untröstlich weinte und eine Mutter die keines von beiden so recht beruhigen konnte. Er ging sehr zügig vorbei, blickte aber immer wieder zurück.

Die Vierte schließlich war eine Frau mit ihrer Tochter, die kein Deutsch sprach. Wir setzten uns zusammen, sie hielt kurz das Baby, damit ich den Großen trösten konnte, und es wurde wieder friedlich.

Ein Fünfter kam vorbei, sah zwei Frauen, die gurgelten und dem Baby zugucksten, während die Großen sich um eine Schaufel zankten.

“Die schlagen sich die Köppe ein!” brummte er, lächelte dann aber doch.

Natürlich kann auch ich nur interpretieren, was in ihren Köpfen vor sich ging. Aber wie schön wäre das, wenn sie ihr Bild zu einem Ganzen zusammen setzen könnten?

Dann wussten sie, ich bin eben nur das: Ein Mensch.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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2 Kommentare

  1. S.Möööh 27. August 2019

    Ich verfolge deine Texte ja nun schon geraume Zeit, still und weitestgehend unkommentiert aber an diesem komme ich einfach nicht vorbei 😉 ich kann dir auf jeden Fall sagen das eine Hose in der Öffentlichkeit nie Pflicht ist!
    Mein Sohn ist vor kurzem 5 geworden und davon abgesehen das er sich seit geraumer ZEIT die anziehsachen selbst aussucht ( und mir meistens gleich mit ) sind 2 seiner Lieblings Stücke das Sabaton-Festival Shirt und seine Jeanskutte ( bestückt mit kindgerechten Pommes und bine-maja aufnähern). Natürlich spielt die vorbildrolle die ich habe auch eine Rolle aber selbst wenn ich ihm das das von Oma selbstgenähte Bob der Baumeister shirt anbiete wird es meistens das pech-schwarze shirt. Zurück zum Thema… wir gingen an einem Laden vorbei wo in der Auslage etwas in Camouflage lag das meine Aufmerksamkeit erregte ich nahm es in die Hand in der Annahme es sei eine kurze Hose aber nein es war ein teenie Minirock aber anscheinend genau das richtige für den Junior , lange rede kurzer Sinn er läuft mit killt „Minirock “ und Kutte durch die Stadt und ist dabei stolz wie bolle.

    Ob in Boxershorts, Minirock oder Bademantel… gönn dir und deinen kids ruhig etwas Extravaganz solange ihr euch dabei wohlfühlt ist es egal was andere dabei denken!

    • Kaddi 28. August 2019 — Autor der Seiten

      Große Liebe für deinen Sohn! Und danke für deine Worte, die tun gut 🙂

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