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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Von Zugfahrten mit Kleinkind oder der fehlenden Schlagfertigkeit

Am Sonntag feiere ich meinen vierundzwanzigsten Geburtstag. Darauf freue ich mich schon ziemlich lang, weil ich seit der Schwangerschaft eher gemütlich im kleinen Kreis zusammen saß: Mit Kind im Wochenbett oder, das Jahr danach, in der Küche meines Vaters.

Dieses Jahr habe ich also schon im Januar zu planen begonnen, damit ich mich in der Heimatstadt mit den Herzensmenschen treffen kann. Im Laufe der Jahre haben wir uns in Norddeutschland verteilt, das heißt außer mir müssen noch Andere anreisen! Um so gigantischer die Vorfreude.

Keine Hand frei? Einfach abspielen! Ich lese es dir vor:

Getrübt wurde das ganze durch das Wissen, mehr als zweieinhalb Stunden, also länger als 180 Minuten(!!) mit dem Kleinkind die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen zu müssen. Verflucht sei die fehlende Fahrerlaubnis, warum hab ich die nicht gemacht? Ich wünsche also dem jugendlichen Leichtsinn der 18-jährigen Großstadtbewohnerin, die ich mal war, fiese Zahnschmerzen, dann bereite ich mich auf den Höllentrip vor. Spielzeug und Bücher zur Beschäftigung,  Schnitzel und Obst für die ausgewogene Ernährung, genug zu trinken, die Notfallwindel und für den Ausnahmezustand eine Folge Calliou auf das Tablet. Kaffee , viel Kaffee für mich.

Ich erinnere mich dunkel an stundenlanges hin- und her schaukeln des Kindes in der Trage, einen Tinitus im Ohr vom andauernden Schreien des kränkelnden und überreizten Filous, an genervte Blicke der Mitfahrenden und unangekündigte Verzögerungen der Bahn. An Schweißausbrüche, weil das Kind direkt vor dem Umsteigen in einen seichten, lang ersehnten Schlummer fällt. An einen Schrittzähler der mich unaufhörlich anfeuert, die letzten 10 Schritte zur 50.000 noch zu gehen, weil ich mit dem Filou zum Millionsten Mal von einem Zugende zum Anderen laufe.

Wohlwissend also, dass ich heute Abend erschöpfter sein werde als das Kind, trete ich die Reise an und:

Nichts. Der Filou spielt, jauchzt und guckt kuschelnd aus dem Fenster. Er plappert eine dreiviertel Stunde fröhlich herum.

Dann: Das Grauen! Eine Frau, vielleicht Mitte 40, setzt sich auf den Vierer neben uns. (Der Zug ist fast leer).

“Was halten Sie denn vom Schuhe ausziehen?” fährt sie uns ungefragt, aus dem Nichts, bissig an.

Verdutzt blicke ich mein Kind an. Es sitzt, hat dabei die Füße halb auf dem Polster. Die Schuhe sind nicht schlammig, nicht nass, den Sand habe ich in weiser Voraussicht vorher mit der Hand abgestrichen. Ich fühle mich schlichtweg irgendwie blöd. “Wirklich? Die Schuhe sind nicht schmutzig.” Antworte ich. “Natürlich, klar, sind sie nicht. Also meine Kinder mussten die Schuhe ausziehen, dann konnten sie klettern wie sie wollten.”

Der Filou klettert den Sitz seit 15 Minuten auf und ab. Er läuft dann um den Sitz herum und beginnt von vorn. Ich wollte schlicht nicht, dass er barfuß durchs Abteil läuft. Zum Stillsitzen überreden wollte ich ihn auch nicht – ich war wahnsinnig stolz, dass er das gerade unaufgefordert eine dreiviertel Stunde lang getan hatte, mehr konnte ich von meinem Kleinkind doch wohl nicht erwarten!

Ich versuche, ihr das begreiflich zu machen: “Naja, den Sitz kann ich doch hinterher einmal abwischen. Wir sind einfach wirklich lang unterwegs. Ist es unbedingt nötig das jetzt den Rest der Fahrt auszudiskutieren?”

Statt wie erhofft auf Einsicht zu stoßen, wird die fremde Frau persönlich: “Sie haben wirklich keinerlei Erziehung genossen! ” fährt sie mich an.

“Also bitte, schade für mich! Gut, dass ich zumindest weiß, wie Kommunikation funktioniert!”

Inzwischen bin ich wirklich wütend, fühle mich ungerecht behandelt und mir wollen kaum noch vernünftige Sätze in den Kopf kommen. Ich verstehe nicht, warum dieser Frau so wichtig ist, Recht zu behalten, merke aber auch, wie ich mich mehr auf den (völlig unnötigen) Streit einlasse.

Sie antwortet: “Also ich bin Heilpädagogin!” – “Schade!” Sage ich laut.

Die nächsten zehn Minuten fahren wir stillschweigend angespannt weiter. Als sie aussteigt sagt der Filou “Tsüss!” Und ich wünsche ihr einen schönen Tag – manchmal, hoffe ich, ist Höflichkeit bissiger als Motzerei.

War das wirklich nötig? Ich frage mich, ob sich das vielleicht hätte vermeiden lassen. “Entschuldigen Sie, aber hätten Sie etwas dagegen, Ihrem Sohn die Schuhe auszuziehen? Ich wünsche mir, dass die Sitze sauber bleiben”.

Der Satz ist länger und vielleicht hätte sie nachdenken müssen, bevor sie ihn sagt. Aber ich hätte mich viel weniger angegriffen oder beschuldigt gefühlt. Ich hätte das Bedürfnis dahinter zuerst gesehen, nicht den Vorwurf. Vielleicht wäre es mir auch leichter gefallen, eine Lösung zu finden. Nachdem die gute Frau das Abteil nämlich verlassen hatte, legte ich aus lauter schlechtem Gewissen meine Jacke auf die Sitze – so konnte der Filou turnen und das Risiko, etwas schmutzig zu machen, beseitigt.

Es ist in Ordnung für mich, wenn nicht jeder meine Werte teilt. Aber wieso ist es so schwer, das anständig zu formulieren? Wieso dieser Tonfall und dieser Appell?

Wir überlebten die Zugfahrt und auch eine Weitere. Eine halbe Stunde lang liefen wir durch den Zug und sahen uns alles genau an, der Filou begrüßte die anderen Fahrgäste und schließlich stiegen wir in den Bus: Schienenersatzverkehr.

Also brechend voll! Mit dickem Rucksack und Kleinkind eingepfercht an der Fensterreihe kam ich ins Schwitzen. “Willst du die Jacke ausziehen?” Der Filou schüttelte den Kopf. Mh, gut, dachte ich. Blöd, das wird warm, aber warum fragst du auch.

Wer Kleinkinder zu Hause hat weiß, dass ich ihm die Jacke jetzt nicht ausziehen konnte ohne einen Gehörsturz sämtlicher Mitreisender samt Busfahrer zu riskieren, also ließen wir die Jacke an. Ne halbe Stunde noch, dachte ich. Da geht das.

Der Bus war wirklich voll. Das Kind durfte nicht laufen, es war wackelig, wir waren schon ewig unterwegs und der Tag war sehr aufregend gewesen. Der Filou musste viel stillhalten und hat super gut zugehört, aufgepasst und mitgemacht.

Dass er nun keine Lust mehr hatte, war klar. Und, wie ich finde, sehr nachvollziehbar.

Er begann zu quängeln und zu weinen. “Dunter! Aufstehen!” forderte er. Ich versuchte ihn – vergeblich – abzulenken.

Wäh! Nein! Aufstehen!”

Also gab ich auf und stellte mich mit dem Filou in den Gang.

Und das Drama beginnt. “Sie stehen im Gang! Wenn der Bus jetzt bremsen muss…” (Viele standen im Gang. Der Bus war sehr voll!!)

“Na da weiss man ja, wer die Hosen an hat!” “Na, aber, ein Kind braucht auch Grenzen” “Ja, der Lerneffekt setzt ein. Wenn ich nur laut genug schreie, bekomme ich meinen Willen.” “Na vielleicht ist ihm auch zu warm….” “Ja also, ich hätte ja auch nicht gefragt, ob ich ihm die Jacke ausziehen darf, ich hätte es einfach gemacht!”

Diesen Dialog führten zwei Fahrgäste in Hörweite hinter meinem Rücken. Ich drehte mich also um, sah beiden in die Augen und bat sie höflich, Diskussionen über meinen Erziehungsstil doch bitte außer Hörweite zu führen. Ich erklärte kurz, dass wir einen langen Tag hinter uns hatten und ich allein schon genug reflektieren würde. Als Antwort erhielt ich ein breites Grinsen und ein Augenzwinkern, aber zumindest wurde ich mit Schweigen zum Thema für die gesamte Busfahrt belohnt.

Die schlagfertigen Antworten für Frau Nummer 1 kamen mir übrigens auch noch in den Sinn – aber erst viel später: “Klar dürfen Sie ihre Schuhe ausziehen, da müssen Sie mich doch nicht erst fragen!” Oder “Das könnten wir machen, aber dann werden seine Socken so schmutzig von dem Sitz…”

Nein wirklich, muss ich ignorant sein, um solchen Kommentaren entgegenzuwirken? Warum kann man nicht einfach seine Klappe halten, wenn man nix Gescheites zu sagen hat?

Dass eine junge, vollbepackte Mutter mit einem weinenden Kleinkind im überfüllten Bus genug zu tun hat, sollte doch jedem klar sein, auch ohne zu wissen wie lang sie schon unterwegs ist, nicht?

Ich erwarte ja gar nicht, dass mir jemand zur Hilfe eilt und lustige Grimassen schneidet. Auch nicht, dass jemand mir seinen Platz opfert (ich erinnere mich gut daran auch ohne Kind froh über einen Sitzplatz gewesen zu sein). Auch das aufmunternde Lächeln, dass mir die Zugbegleiterin geschenkt hat, muss nicht jedem Fahrgast auf den Lippen sitzen.

Aber wenigstens Klappe halten muss doch drin sein.

Der Filou war dann übrigens den Rest der Busfahrt ruhig, weil er durch die große Frontscheibe gucken und auf Mama’s Arm sitzen durfte. Genau das Richtige nach so einem langen Tag.

Mit etwas Ärger aber viel Liebe und Vorfreude im Bauch

Kaddi

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2 Kommentare

  1. Jasmin 14. März 2018

    Ich kenn das, die Leute sind unverschämt und mischen sich in alles ein. Leider bin ich oft auch so perplex, dass mir nicht rechtzeitig eine schlagfertige Antwort einfällt.
    Ich nehme mir deshalb ein Beispiel an meinem Mann. Der sagt in solchen Situationen einfach: Das geht Sie einen Sch…. an! 😂
    Ist nicht gerade die niveauvollste Antwort, aber die effektivste. Anders verstehen die Menschen es nicht.

    • Kaddi 14. März 2018 — Autor der Seiten

      So kann man das machen 🙂
      Ich trau mich das meist nicht. Bin immer schnell dabei anders rum zu denken, nach dem Motto: “Vielleicht hat sie einen furchtbaren Tag und kann gerade nicht sehen, dass sie unfair ist.” Aber mir so viel Empathie auch von denen zu erwarten ist vielleicht schon zu viel verlangt!
      Ich merk es mir fürs nächste Mal als Notlösung 😉 Dankeschön!

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