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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Warum ich schreie, obwohl ich weiß, dass es krank macht

Nein, ihr habt nicht volle sechs Beiträge verpasst. Es ist wirklich der dritte Beitrag zum Thema Borderline – aber ich habe mich entschieden, die Themen nach meiner ganz persönlichen Reihenfolge anzugehen: Nach vollkommen subjektiven Prioritäten sortiert.

8. Unangemessen starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren

Ich sagte ja schon, dass meine “Symptome” dann am Stärksten sind, wenn äußere Belastungen zunehmen. Dass ich also unreflektierter bin, wenn ich unausgeschlafen bin, hungrig bin, ich mir viele Gedanken um die Zukunft machen muss oder die Wohnung unaufgeräumt ist. Wer Kinder hat, horcht jetzt vielleicht schon auf, denn es ist wahr: Seit der Filou da ist, passiert das ja öfter mal.

Im Kapitel “Die Last der eigenen Vergangenheit” des Buches “ICH! WILL! ABER! NICHT!” von Susanne Mierau spricht die Autorin das Phänomen schon einmal an, dass ich hier schildern möchte. Das Kind möchte etwas, die Eltern sind am Rande der Erschöpfung, wissen nicht wie sie sich, geschweige denn dem Kind, helfen können und reagieren mit Wut. Sie schreibt wörtlich: “Wenn wir als Kinder Gewalt erfahren haben, haben unsere Eltern etwas falsch gemacht. Wir sind Opfer. Wenn wir Eltern werden, müssen wir dies eines Tages anerkennen und es uns eingestehen. Es war nicht unsere Schuld, dass wir physisch oder psychisch misshandelt wurden. Auch wir waren eben Kinder, die nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben. (…) Oftmals fällt es uns schwer, dieses Verhalten nicht an die eigenen Kinder weiterzugeben, insbesondere in Stresssituationen, in denen unser emotionales Gehirn die Führung übernimmt (…)”

Genau da ist der Knackpunkt. Amygdala über Kontrollzentrum: Personen mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung haben diesen Prozess der Emotionsregulation nicht so richtig erlernt. Das kann ganz verschiedene Ursachen haben. Ich zum Beispiel war ein Scheidungskind, meine Mutter litt unter Depressionen und sie selbst hatte keine “Susanne Mierau”, die ihr erklärt hat, sie müsse erst mal ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten – kurzum reagieren die Hirne von “Borderlinern” am Ende so, wie die eines Kindes es tun. Die Amygdala, also der Bereich im emotionalen Gehirn, der für die ängstlichen und impulsiven Reaktionen zuständig ist, übernimmt die Führung.

Das tut er, weil es irgendwann im menschlichen da-sein mal sinnvoll war. Auch hier hat unter Anderem Susanne Mierau hervorragende Arbeit geleistet: Ein Steinzeit-Mensch musste in gefährlichen Situationen nicht nachdenken, er musste handeln. Laut schreien zum Beispiel. Schlagen – oder weglaufen. Dumm für mich – und andere Betroffene ist – dass es in solch stressigen Momenten mit Kindern überhaupt nicht sinnvoll ist.

Das Kind wird sicher nicht ruhiger, weil ich schreie und überhaupt: Es ist keine gefahrvolle Situation! Wieso also denkt meine Amygdala jetzt, dass sie übernehmen muss? Ganz einfach, weil ich einige Situationen als Kind als gefahrvoll interpretiert habe und aus irgendwelchen Gründen nicht lernen konnte, diese Gefühle zu regulieren.

Folgende Situation: Der Filou ist jetzt seit Weihnachten andauernd krank.
Im Januar, weit am Ende, hatte ich durch meine bis dato noch laufende Ausbildung großen Stress – die ständig wechselnden Pläne des Filoupapa’s machten mir zu schaffen, der Superheld war selbst krank und die Bude sah, vorsichtig ausgedrückt, aus wie Sau. Ich war hundemüde, weil ich selbst kaum schlafen konnte und ich auf Erden der einzige Mensch war, der dem Filou nachts sein Wasser bringen und ihn anfassen durfte – so weit, so normal.

Als er dann jedoch eines Abends wirklich nicht aufhören wollte zu schreien – nur unterbrochen von seinem Husten, wieder und wieder und wieder – fühlte ich, wie eine Explosion herannahte.
Im Grunde fühlte ich auch nicht, wie sie herannahte. Das, was ich fühlte war, wie sie über mich hereinbrach. Der Zorn kochte aus den Untiefen meiner Seele bis in meine Fingerspitzen und ich wünschte mir, ich könne den Filou einfach beiseite werfen. “Hör endlich auf zu brüllen!” schrie ich laut und verfluchte mich im selben Moment dafür.

In der nächsten Sekunde schrie ich aber weiter: “SUPERHELD JETZT STEH ENDLICH AUF UND NIMM DEN FILOU!” Und der Superheld, der bis gerade selig geschlummert hatte, stand neben mir und nahm den Filou. Ich verließ die Situation, flüchtete auf den Balkon, atmete zehn Minuten lang vor mich hin. Ich schämte mich, hatte ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, versagt zu haben. Trotzdem scrollte ich noch durch Facebook und lenkte mich ab bevor ich zurück zum Filou und dem Superhelden ging.

Das verzweifelte Weinen des Kindes hatte sich in Mama-Rufe verwandelt und der Superheld stand da, etwas hilflos. Als ich den Filou zurücknahm, schlief er nach fünf Minuten auf meinem Arm ein.

Was war da passiert?

Bestimmte Zustände können, auch bei gesunden Menschen, durch Trigger ausgelöst werden.

Ich war mordswütend auf alles. Auf die Welt, auf das Kind, auf den Superheld – vor Allem aber auf mich.

Die Hilflosigkeit, das laute, andauernde Schreien und die Ungerechtigkeit, nicht schlafen zu dürfen während der Superheld schlummerte. Lauter irrationale Gründe, die die Wut auf den Plan riefen.

Ich fühlte mich den Umständen ausgeliefert!

Dieses Gefühl kenne ich aus früheren Zeiten. Machtlos, eben nichts daran ändern können, unfair behandelt zu werden. Nichts daran ändern können, dass jemand stirbt, jemand wütend oder traurig ist und mich arrangieren müssen.

Das sind große Gefühle, die ich nicht einfach so beiseite wischen kann, die irgendwann auch mal ihre Berechtigung hatten. Damals wusste ich nicht wie und sie hatten keinen Raum, also habe ich die verdrängt.

Da liegen sie nun, in einer Kiste, mit Sprengladung gesichert. Die Wut. Gleich neben Trauer, Angst und Schuld.

Die Schuldgefühle, das Gefühl versagt zu haben, kocht jedes Mal mindestens genauso schnell über wie die Wut.

Wie konntest du nur? Was du dem Filou damit antust. Was kann er dafür? Er leidet sowieso schon so sehr, er ist doch krank!

Aber das ist ein Teufelskreis! Je länger ich mir über diese Situation (und Ähnliche!) das Hirn zermatere, desto wütender bin ich beim nächsten Mal. Schuld verdrängt Wut, Wut verdrängt Schuld.

Versprochen: Ich tue das nicht aus Bosheit oder Unwissen, sondern weil ich schlichtweg noch nicht gelernt habe, damit richtig umzugehen.

Für mich ist meine Kindheit oder die Erkrankung keine Entschuldigung

– ich weiß, dass ich erwachsen bin und es in meiner Verantwortung liegt, damit umgehen zu lernen. Was aber verflixt nochmal nicht hilft, ist diesen Teil zu unterdrücken. Also renne ich in wütenden Momenten in die Küche und trete in den Mülleimer. Ich werfe Spielzeuge gegen die Wand und stampfe mit dem Fuß auf, wie ein Kind!
Danach fühle ich mich schlecht. deshalb verlasse ich die Situation: Atme durch, gönne mir eine Pause. Atme sämtliche Schuldgefühle (erst Mal) in die frische Nachtluft auf den Balkon.

Ich erlaube mir, wütend zu sein, denn irgendwo kommt sie ja her.

Ich nehme die Situation an und lasse sie gehen.
Um dann mit Engelsgeduld zurück zum Filou zu gehen.

Wenn er schläft, streichle ich ihn sanft. Sage ihm, dass es mir Leid tut, dass er so sein darf wie er ist, dass ich ihn verstehe. Wenn er wach ist, gehe ich an die Wand, an der ein Bild von “Wut” hängt, dem Fühlster aus meinem Bilderbuch – und erkläre ihm, dass er wiedermal in meinem Bauch saß und Unsinn gemacht hat und dass mir das Leid tut, aber ich ihn jetzt tröste und halte und für ihn da bin.
Der Filou zieht dann die Augenbrauen zusammen und sagt “Wfffuuuuuut!”, dann kuschelt er mit mir.

Später setze ich mich mit dem Supermann hin und spreche darüber, wie ich mich gefühlt habe. Was die Wut ausgelöst hat, warum ich es nicht rechtzeitig bemerkt habe. Ob meine Gefühle vielleicht einfach ihre Berechtigung haben, im Hier und Jetzt. Über die Angst, mich mal noch schlechter kontrollieren zu können.
Und er nimmt mich in den Arm, entschuldigt sich, wenn er das Gefühl hat, mich zu wenig unterstützt zu haben, tröstet mich, wenn ich weinen möchte.

Je mehr ich darüber spreche – je mehr ich mich mit diesem Phänomen auseinandersetze, desto geduldiger werde ich.

Am Ende aber weiß ich: Dieses Kriterium wird mir immer nah am Herzen sitzen. Wenn ich reizbar bin weiß ich – ich muss einen Gang zurückschalten. Kurze Wege zum Wutausbruch sind das sicherste Zeichen dafür, dass ich über meine Belastungsgrenze gegangen bin.

Die Wut wird, so lang ich keinen “richtigen” Weg finde, sie zu regulieren, meine Barriere zur Gesellschaftstauglichkeit bleiben.

Darüber, wie Wut mich zum Monster macht, habe ich anonym schon einmal an anderer Stelle geschrieben.

“Die Zornesausbrüche der Borderline-Persönlichkeit sind genauso unvorhersehbar wie erschreckend. (…) Der Zorn kann durch ein bestimmtes (und oft triviales) Vergehen ausgelöst werden, aber darunter liegt ein Arsenal von Angst vor der Bedrohung durch Enttäuschung und Verlassen werden.”(J. Kreisman und Hal Straus “Ich hasse dich – verlass mich nicht”, veraltete Ausgabe)

Meine sicherste Methode, mit der Wut umzugehen, ist sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Puffer einbauen. Ich merke, ich bin mit den Kräften am Ende? Vielleicht kann der Filou am Wochenende zu Oma, oder zu seinem Vater.
Ich bin einen Nachmittag mit dem Kind allein, obwohl ich wenig geschlafen habe? Drei Kannen Kaffee vorbereiten und im Mittagsschlaf ein schönes Bild bei ruhiger Musik malen. Für den Notfall etwas Unkaputtbares in Reichweite legen, dass ich dann eben doch an die Wand schmeißen kann!

Ich werde besser. Phasenweise würde mir niemand je solche Wutausbrüche unterstellen – phasenweise habe ich für mich selbst kaum noch Verständnis. Ich kann mich doch kontrollieren.

Aber dann? Oma und Opa haben was vor. Der Superheld muss spontan weg, der Filou hat keine Lust auf Mittagsschlaf und das Handy klingelt die ganze Zeit. Amygdala über Kontrollzentrum. Und wieder schreie ich.

Mein großer Appell, meine Bitte an die Welt da draußen: Urteilt nicht so schnell, wenn jemand euch erzählt, er könne nicht mehr. Wenn ihr seht, wie eine Mutter ihre Kinder anschreit: Streitet nicht – guckt nicht weg, Helft lieber.

Nach diesem für mich sehr aufwühlenden Beitrag

Mit viel Liebe
Kaddi

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