Literacy

Warum (mein) Gekritzel so wertvoll ist

Meine Wohnung ist bunt. Immer etwas chaotisch, mit nicht zusammenpassenden Möbeln und Kinderspielzeug überall. Mit Fotos an den Wänden.
Und mit meinen Bildern.

Meine Bilder sind gekritzel. Irgendwie abstrakt. Manche finden sie schön, manche sagen lieber nichts, wenn sie sie sehen.

Für mich bedeuten diese Bilder aber alles! Ich habe irgendwann in irgendeiner Therapie gelernt, dass Gefühle Ventile brauchen. Und, was soll ich sagen?
Farben sind meins.

Wenn ich aufgebracht bin, schreibe ich. Wenn ich wütend bin, schreie ich. Wenn ich fröhlich bin, lache ich.

Wenn ich traurig bin, wenn ich unruhig bin oder die Welt mal wieder keinen Sinn ergibt, dann male ich.

Meine Bilder nehmen so viel Platz an meinen Wänden weg, dass ich mich manchmal frage was ich tun soll, wenn der Filou anfängt “richtige” Bilder zu malen. Wie ich die genug wertschätzen kann, ohne innerhalb von zwei Wochen meine ganzen Tapeten durch bemaltes Papier ersetzt zu haben. Ich hab da schon die eine oder andere Idee…

Wichtig ist jedenfalls, dass ich sie wertschätze. Das der Filou nicht erst eine Therapie machen muss, um ein Ventil zu finden. Sondern gleich lernt, dass er jede Ausdrucksmöglichkeit nutzen darf und dabei auch gesehen wird.

In meiner Ausbildung vermisse ich diesen Part oft: Wir lernen zwar, wie man anhand von Kinderzeichnungen Entwicklungsrückstände festmacht. Was ein Kind unter welchen Umständen wann können muss(!?) und was das alles über seine kognitiven Fähigkeiten aussagt. Aber wie wichtig malen, zeichnen und die angemessene Wertschätzung für diese winzigen super emotionalen Genies ist – das kommt zu kurz.

Sowieso ist es sehr schade, dass zwar viel mehr Menschen davon sprechen, wie wichtig es ist, kreativ zu sein und auch Zeit in “nicht-produktive” Dinge zu stecken, dass aber viel zu viele Kinderohren immer noch lernen, dass sie lieber was “richtiges” lernen sollen….

“Meine Zeichnung zeigte keinen Hut. Sie zeigte eine Boa, die einen Elefanten verdaut.”
Der kleine Prinz,  Antoine de Saint-Exupéry

Als ich klein war, wollte ich Autorin werden.
Als meine Oma mich fragte, was ich später mal machen will, antwortete ich “Ich will Autorin werden.” Und war irrsinnig stolz, schon so genau zu wissen, was ich einmal möchte. Meine geliebte Großmutter aber antwortete “Autorin ist doch kein richtiger Beruf.” Und mein Kinderherz war vollkommen entsetzt.
Ich weiß das noch so genau, als wäre es gerade erst passiert: Ich hätte am Liebsten geweint, aber starke Mädchen weinen ja nicht,  also schluckte ich meine Enttäuschung runter und fragte: “Warum denn nicht?”
“Da verdient man ja nix! Werd lieber was Anständiges.”

Das Gespräch rumorte lang in meinem Bauch, bis sie mich ein Jahr später wieder fragte und ich antwortete “Sozialpädagogin”. Damals hat sie sich gefreut. Heute weiß ich: Da verdient man auch nix. Aber das ist nicht schlimm – vielleicht mach’ ich ja irgendwann mal beides.

Jedenfalls weiß ich heute, dass ich lang nicht so ausgeglichen wäre, wenn ich nicht all die bunten Bilder kritzeln und an meine Wand hängen würde. Wie oft kam ich in ein erlösendes Gespräch, weil ein Vertrauter mich nach den Bildern fragte? Wie oft war ich schon durcheinander und gereizt, bis ich mir zur Schlafenszeit von Filou Wasser, Pinsel und Farben schnappte um mein kunterbuntes Gefühlswirr-warr zu Papier zu bringen?

Ich wünsche mir, dass Nebensächlichkeiten wichtiger werden. Das der Filou mehr bekommt als ein müdes “Das hast du aber fein gemalt! Aber hat ein Auto nicht vier Räder?”, wenn er soweit ist. Das Anerkennen, Ernstnehmen und Wertschätzen der Gefühle von so kleinen Zwergen ist ja ohnehin nochmal ein großes Thema, das schon so oft aufgegriffen wurde und immer noch eine Millionen Beiträge verdient – bis es in den Köpfen angekommen ist.

Am Anfang und am Ende: Gekritzel ist wichtig.

Hier könnt ihr demnächst aber trotzdem mal nachlesen, was für Entwicklungsstufen ihr bei euren Kindern auf dem Papier so beobachten könnt…

 

 

 

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