Grenzgänger,  Vom Anderssein

Was’n los bei dir? Warum bist’n jetzt so? Über Authentizität im Netz

Was für ein Bild hat die Welt von dem, was ich hier poste?

Ich komme mir manchmal etwas seltsam vor mit meinen vielleicht dreißig Lesern, von denen mich die Hälfte persönlich kennt.
Aber ich mach es ja für mich, weil es ein Weg ist, die Dinge, die ich tue, zu teilen.

Am Ende habe ich im Netz dasselbe Problem wie in der echten Welt:

Wo gehör ich eigentlich hin? Was für ein Bild vermittle ich, was für eins möchte ich vermitteln?

Aber es wäre doch irre, wenn es anders wäre.

Was lest ihr, wenn ihr euch durch die Newsfeeds scrollt? Sieht der aus wie meiner?

“Stephen Hawkings ist tot” steht da zwischen “Fit durch den Sommer” und “Frauenrechte: Du darfst so sein, wie du bist!”

Mir wird vorgeschlagen meine Kinder doch bequem im Homeoffice zu betreuen. Mir wird empfohlen mich genau nach einer Kita umzusehen, wenn das mit der Fremdbetreuung sein muss, möglichst klein und familiär, bindungsorientiert und so.

Ich sehe Millionen Lebensentwürfe, aber mein eigener ist nicht dabei. Natürlich nicht, es ist ja meiner.

Ich stehe irgendwo dazwischen. Ich habe eine Ausbildung in einem sozialen Beruf, mit der ich nichts anfangen kann. Ich habe kein Abitur gemacht, ich habe meinen Sohn ungeplant mit 21 bekommen und mich von dem Vater getrennt.
Ich habe eine Karriere von Abbrüchen hinter mir und keine Perspektive für die Zukunft. Ich bekomme telefonisch schon mal klare Absagen für die Jobs, die ich machen möchte und Empfehlungen vom Jobcenter, mich doch für Altenpflegehelferjobs zu bewerben, die würden immer suchen (Ich bin Sozialassistent! Und nein, liebes Jobcenter, das heißt auch nicht dass ich explizit gelernt habe hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen).

Ich fahre im Sommer sicher nicht nach Dänemark oder fliege nach Spanien, dass kann ich mir nicht leisten.
Nein, auch mit den Facebookbildern meiner Freunde aus Japan oder Ägypten kann ich nicht mithalten.

Ich habe tolle Freunde die mich einmal im Jahr mit auf ein gigantisches Festival nehmen. Das ist großartig.

Aber ich finde mich nicht wieder in der Informationsflut.

Ich möchte schon gern mein Buch veröffentlichen. Vielleicht sogar mehrere. Ich wünsche mir wirklich, dass dieses Blogprojekt keine Einbahnstraße bleibt, ich habe richtig Bock darauf, zu diskutieren, Meinungen und andere Lebensentwürfe kennenzulernen!

Ich hab auch nichts dagegen, mir mit meinen Hobby’s irgendwann meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Aber diese Sucht nach mehr, mehr, mehr, die kenne ich nicht.

Ich will sie auch nicht kennen!

Aber zur Zeit falle ich oft tief in meinen Newsfeed. Ich lese alles, ich sehe es mir an. Und es interessiert mich nicht.

Ich finde toll, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen, ich liebe das! Aber ich falle euch eben nicht in den Rücken damit, dass ich dazu keine Stellung beziehe.

Ich kann nicht entscheiden, wann es ein Missbrauchfall ist und wann nicht, egal wie oft ihr #metoo hinter eure Tweets schreibt. Und jemanden verurteilen weil er noch nicht verstanden hat dass er die ihm anerzogenen Werte hinterfragen muss, das kann ich auch nicht.

Menschen haben ihre Geschichte, sie sind alle so, weil sie das erlebt haben, was sie erlebt haben.
Das ändert kein Shitstorm, kein mediales Zerreißen, gar nichts! Wenn ich nicht auf sie schimpfe, heißt das nicht, dass ich sie feiere.

Wenn ich Verständnis für die Leute habe, die um ihre Rente fürchten, möchte ich nicht, das Flüchtlinge im Meer ertrinken. Wenn ich nicht möchte, dass Flüchtlinge im Meer ertrinken, dann schubse ich zu Hause keine Rentner die Treppe runter und ich zünde auch keine Autos an.

Ich find manche Sachen gut, die da im Netz stehen. Manchmal geb ich meinen Senf dazu ab. Es gibt Themen, die mich bewegen, dann poste ich was.
Ich stelle mich selbst dar, hier auf dieser Plattform.

Verarbeite Dinge, teile Dinge.
Ich bin unsicher, weil ich gerade von Hartz IV lebe, zu Hause bin und mein Sohn trotzdem in die Kita geht. Weil ich meine freie Zeit nutze, Dinge zu schreiben, für die ich eben nichts verdiene.

Ich habe keine super fashe Ausbildung im Bereich Medien absolviert. Ich bin Sozialassistentin. Ich habe angefangen, Heilerziehungspflegerin zu werden. Da gibt’s übrigens kein Homeoffice und nicht so viele Beförderungen. Da arbeitet man mit Menschen, die für das “Mehr wollen” heftig kämpfen müssen.

Wenn ich in meinem Beruf arbeite, kann ich mir wahrscheinlich immernoch keinen Ägyptenurlaub leisten. Ist aber auch nicht schlimm.

Ich fühle mich im Moment nicht so richtig arbeitsfähig, hab das Gefühl, ich brauche eine Pause. Aber dann lese ich von Sozialschmarotzern und denke, ich muss.

Ich bin zwar diagnostiziert krank – aber sogar meine eigene Ärztin sagt, ich soll mir da nix einreden und mir lieber einen Job suchen, dann würde das schon besser werden.
Dann möchte ich der Welt sagen, dass psychische Erkrankungen auch schlimm sind, aber ich will auch nicht bemitleidet werden. Ich hätte nur gern so einen kleinen Schutzraum, einen, in dem ich wirklich so sein darf wie ich bin.

An dem ich weder eine starke, noch eine schwache Frau sein muss. Keine Stayathomemom und keine Workingmom. An dem ich selbst entscheiden kann, für was ich mich gut fühle und an welchen Dingen ich arbeiten möchte.

Ich bin nicht authentisch hier. Ich würd’ gern mithalten, was sagen, was bewegen.

Aber ich bin offensichtlich eine von den Schwachen, obwohl ich mich nicht so fühle!
Psychisch krank, Mutter, arbeitslos. Ausbildung im sozialen Beruf. Im Urlaub nicht auf Ibiza.

Highlight des Jahres? Rockkonzert und abends saufen.
Jo. Und das als Muddi. Ich bin übrigens auch noch Raucher.

All die Posts die sagen “Sei so wie du bist, du bist fantastisch” gehen an mir vorbei. Die meinen ja doch eher jemand anders.

Und der Selbstoptimierungswahn stößt bei mir auf die Einsicht eines bockigen Kleinkindes. “Ja, aber wenn ich es nun mal anders will!?”

Dann biste halt egoistisch. Schwarz und weiß. So ist die Welt, ja? Oder zumindest die Gedanken der Masse. Schwarz oder Weiß.

Und ich bin die mit Borderline. Stehe irgendwo dazwischen.

Wer zu viel jammert, steigert sich rein. Wer immer nur von den guten Dingen erzählt, der verdrängt.

Keine Ahnung, wo die Pointe ist. Ich glaub die hab ich unterwegs verloren.

Ich mach einfach weiter mein Ding, ja? Funktioniert ja für mich. Und das Handy mach ich öfter mal aus.

Mit viel Liebe im Bauch für alle, die auf dem Weg sind, der für sie funktioniert
(oder halt auch nicht)

Kaddi

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