Von Schauspiel und Identität: Gutes Selbst, Schlechtes Selbst

Kennt ihr diese Leute, die so richtig mitreißend sind? Ich meine die, denen alle zuhören. Die beginnen etwas zu erzählen und plötzlich ist es völlig still im Raum. Man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören, weil jeder mitbekommen will, was diese Person erzählt. Sie könnte Feuer vom Himmel regnen lassen mit dem Enthusiasmus in ihrer Stimme, Revolutionen anleiten. Jede Geschichte ist eine gute Geschichte, wenn sie von dieser Person erzählt wird.

Und kennt ihr auch diese grauen Mäuschen? Die, die einem nicht in die Augen sehen beim Sprechen, die sich auf Partys stumm in eine Ecke setzen, die stottern, sobald sie den Mund aufmachen. Die, die man nicht so richtig ernst nehmen kann, weil sie einfach nichts zu sagen haben?

Tja. Ich bin Beide.

3. Identitätsstörungen: Eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.

Auffällige und andauernde Identitätsstörungen, die sich mindestens durch zwei der folgenden Anzeichen manifestieren: Selbstbild, sexuelle Orientierung, Langzeitziele oder Berufswahl, Art der gewünschten Freunde, bevorzugte Werte.
Der Borderline-Persönlichkeit fehlt ein konstantes Identitätsgefühl, genau ihr eine ständige Grundkonzeptualisierung anderer fehlt. Der Betroffene akzeptiert die eigene Intelligenz, Attraktivität oder Sensibilität nicht als konstante Züge, sondern eher als vergleichbare Qualitäten, die immer wider neu verdient und im Vergleich mit anderen beurteilt werden müssen. (…) Wer sie [die Borderline-Persönlichkeit] heute ist (und was sie tut) bestimmt ihren Wert, mit wenig Rücksicht auf das, was vorher war. (J. Kreisman, Hal Straus “Ich hasse dich – verlass mich nicht!”)

Wenn ich heute morgen dachte, die Sache mit dem Blog, das ist eine gute Idee! Ich hangele mich daran aus der depressiven Episode, überbrücke die berufliche Pause!
Dann denke ich jetzt, dass es nur ein weiterer Versuch ist, mich von den “echten” Problemen des Lebens abzulenken. Wenn ich gestern noch vollkommen überzeugt von meinem Bilderbuch war, finde ich die Zeichnungen heute kindisch und irgendwie zu platt.

Wenn ich einen Text noch einmal lese, den ich veröffentlicht (und für den ich positives Feedback erhalten) habe, finde ich ihn weniger gut. Ich kann drei Mal am Tag in den Spiegel sehen und sehe drei Mal am Tag eine andere Person.

Entweder eine attraktive, 23-jährige Frau mit freundlichem Gesicht, oder eine verbrauchte Mutter mit Augenringen und Falten zwischen den Augen. Ich sehe entweder wohlgeformte Wangenknochen oder eine spitze Nase, die sich nach oben neigt und das ganze Gesichtsprofil ruiniert.

Entweder ich sehe, dass ich seit der Schwangerschaft dreißig Kilo abgenommen habe. Oder aber das acht Kilo seit dem Sommer wieder drauf sind.

Wenn ich an meine beruflichen Fähigkeiten denke fällt mir entweder ein, dass ich eigentlich immer die besten Noten und hervorragende Beurteilungen bekommen habe oder ich erinnere mich daran, dass ich immer noch nur Sozialassistentin bin und ewig oft abgebrochen habe.

Dieses Muster zieht sich. Durch jeden Tag, durch jede Woche, jedes Jahr.

Ich glaube, viele Menschen haben solche Probleme. Auch ohne meine Diagnose. Ich denke aber nicht, dass es viele Menschen so sehr hin und her wirft wie mich (und andere Betroffene).

Die Schwierigkeit dabei ist, dass die andere Seite stets vollkommen verloren geht. Ich bin entweder “nur schlecht” oder “nur gut”. Ich sehne mich sehr nach einer Grauzone – ich möchte mich nicht zwangsläufig mit jeder Pore selbst lieben. Ich möchte mich aber auch nicht für meine ganze Person selbst verachten.

Der Kampf der Borderline-Persönlichkeit, sich eine beständige Identität zu verschaffen, steht in Beziehung zu dem vorherrschenden Gefühl von Unechtheit – das immer vorhandene Gefühl anderen “etwas vorzumachen”. (J. Kreisman)

Wenn ich eine besonders gute Präsentation gehalten habe und sehr viel positives Feedback bekomme, fühle ich mich erst einmal gut. Ist die Situation jedoch vorbei erinnere ich mich daran, wie unsicher ich mich gefühlt habe und wie viele Personen mehr über das Thema wissen als ich. Beides steht im Widerspruch zueinander, den ich schlecht vereinen kann: Wenn die Klasse mich nun für das Resultat lobt, ich aber das Gefühl habe, gar nicht zu wissen wovon ich spreche, dann ist die einzig logische Schlussfolgerung, ich wäre eine Hochstaplerin.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung im Disput. Man könnte sagen aus der Angst davor, nicht ich selbst zu sein, gibt es kein selbst. Aus Angst davor, dabei ertappt zu werden, dass ich nur so tue als ob, verstelle ich mich.

“Wenn wir Erfahrung gewonnen haben, wird dieses Zutrauen mit der Zeit immer echter, weil man das System kennengelernt hat und niemandem mehr etwas vormachen muss. Kurt Vonnegut drückt das so aus: “Wie sind das, was wir vorgeben zu sein.” Die Borderline-Persönlichkeit erreicht diesen Punkt nie.” (J. Kreisman)

Egal wie gut mein Tag war, egal wie sehr meine Freunde und meine Familie mich lieben und schätzen – unterm Strich bleibt es ein Nummsummenspiel. Am nächsten Tag finde ich erneut heraus, wer ich eigentlich bin.

Natürlich wäre ich nicht ich, wenn ich dem nicht auch etwas entgegenzusetzen hätte.

An meinem Spiegel klebt ein Sticker auf dem stehtEgal, ich lass mich so.” Meine Lebensphilosophie, “Das Leben ist”, steht in großen Buchstaben an meinem Fenster und erinnert mich jeden Tag daran, dass sowieso keine Rolle spielt wer ich gestern war, weil ich heute wieder jemand anders sein kann.

Ich trage meine Kleidung entsprechend dem Grundgefühl des Tages, damit ich mich bei Bedarf daran erinnere, wer ich sein wollte.

Und über die Jahre habe ich dann doch so einige Seiten von mir kennengelernt.

Enge Freunde von mir sagen nach vielen Jahren immer noch, ich sei irgendwie unberechenbar: Und ein Bisschen find ich das auch gut.

Anders sein ist schließlich per se nichts Schlechtes.

Mit viel Liebe und ein paar Selbstzweifeln

Kaddi

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