Wie ich einmal “Hau endlich ab!” sagte und dabei “Geh nicht weg!” meinte.

Gestern habe ich angekündigt, zum Thema Borderline gäbe es hier demnächst eine ganze Reihe Beiträge, die zum Besseren Verständnis der Krankheit beitragen sollen. Hier kommt er!

1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassen werden zu vermeiden

Als ich fünfzehn Jahre alt war, lernte ich einen Jungen kennen. Sommersprossen, groß, schlank, hohe Wangenknochen und ein bunter Iro als Frisur. Irrsinnig witzig, auffällig gekleidet und dann auch noch an mir interessiert. Ich habe ihn idealisiert, weiß ich heute. Vor Allem aber war ich verknallt und das Beste: Er auch.

Wir wurden ein Paar, ich erfuhr, dass seine Ex-Freundin ein Kind von ihm erwartete und seine Mutter konnte mich nicht leiden. Davon, dass er sich um das Ungeborene in der Schwangerschaft und auch danach nicht kümmerte, lenkte mich sein perfekter Humor und die wunderschöne Singstimme ab. Wir hatten eine gemeinsame Clique und stritten uns die ersten zwei Monate gar nicht. Bombastisch! Mir war sowas von klar, dass ich ihn irgendwann heiraten würde.

Nach besagten zwei Monaten kam so ein Tag, der sich in mein Gedächtnis brannte, einer, an dem nichts wirklich Schlimmes passiert ist, der aber Gefühle in mir wach werden ließ, deren Ursprung ich erst viele Jahre später verstand.

Meine erste große Liebe, ich nenne ihn mal Till, hatte etwas vor. Das war durchaus nicht selten. Aber an diesem Tag wollte ich ihn bei mir haben, ich wollte dass wir gemeinsam spazieren würden, oder skaten, oder Filme guckend kuscheln – irgendwas. Aber sein bester Freund hatte Schwierigkeiten – er sagte, er müsse dort hin.

Für mich fühlte sich das nicht an, als ginge er einen Freund besuchen – er hätte mir genauso gut sagen können er verließe mich für seine Ex-Freundin, dass hätte nicht mehr wehgetan!

Ich versuchte also ihn zu überreden, weinte bitterlich, ich war liebevoll und bot an, einfach mitzukommen: nur wollte Till ja für seinen Freund da sein und mir ging es ja eigentlich gut! Er verstand also nicht, wo das Problem war und kannte nicht von mir, dass ich mich so uneinsichtig gab.

Wir verabredeten uns dann für später am Abend und er ging los, als ich in einer ruhigen Minute zugab, dass es nicht verwerflich wäre, den Freund zu besuchen.

Als ich also allein in seinem Zimmer saß und auf ihn wartete, beschlich mich dieses seltsame Gefühl.

Ich bin so eine Zicke! Was findet er überhaupt an mir? Er wird mit Karl darüber reden und mir heute Abend sagen, dass er mich verlässt.

Ich schrieb ihm Nachrichten. Honigsüße: “Es tut mir Leid, wie ich vorhin war. Weiß auch nicht, was mit mir nicht stimmt, hab viel Spaß und grüß Karl!” Zweifelnde: “Ist wirklich alles okay bei uns? Ich mache mir allmählich Sorgen, weil du nicht antwortest!” Und schließlich angreifende. “Ach weißt du, wenn ich dir so wenig bedeute dann heirate Karl doch direkt – ich hätte dich heute auch gebraucht, aber das ist dir ja egal! Brauchst dich nicht mehr melden, ich geh nach Hause.”

Zehn Minuten später stand er dann vor der Tür – ich hatte keine Anstalten gemacht zu gehen und war schon dabei, eine Entschuldigung zu verfassen. Aber als er dann da stand und mich in den Arm nehmen wollte, stieß ich ihn weg. “Ach Hau einfach ab, du verstehst mich sowieso nicht!”

Und da war der Witz: Ich verstand mich ja auch nicht.

Was war also passiert? Im Laufe der Jahre fand ich heraus, dass der April so ein Monat für mich ist. Ein traumatisches Jubiläum nähert sich und alte Gefühle schwimmen, getriggert (ausgelöst) durch Frühlingsduft und Osterdeko, näher an die Oberfläche. In diesen Phasen bin ich unreflektierter und die ‘Symptome’ werden stärker, als ob das Vogelgezwitscher ein Schlüssel zu meiner Kiste der verdrängten Emotionen ist.

Das Gefühl, verlassen zu werden, kommt aus einer anderen Zeit: Heute kann ich solche Situationen meist ganz gut erkennen (und manchmal auch benennen und entgegensteuern) – damals hat Till die volle Breitseite abbekommen:

Der ganze verdrängte Schmerz meines Verlustes wurde auf ihn projiziert. Er hätte wohl auch zu Hause bleiben können – vermutlich hätte ich auch dann Gründe dafür gefunden, weshalb er mich weniger liebt und bald im Stich lässt.

Versteckt hinter dem “Hau ab!” stand der unreflektierte Wunsch, ganz und gar angenommen zu werden, selbst mit irrationalen Fehlern. Ich legte es sozusagen darauf an, verlassen zu werden, um mir zu beweisen, dass mich niemand je lieben würde, dass mich immer alle verlassen würden: Wünschte mir aber dabei, dass genau das Gegenteil eintrat.

Die Nachrichten des Partners lesen? Die eigenen Bedürfnisse völlig ignorieren um dem Partner zu gefallen? Eine völlig überstürzte Verlobung und aus dem Nichts eskalierende Streits? Das alles können Versuche sein, die aus der Angst resultieren, im Stich gelassen zu werden.

Der Trick dabei: Kenne deine Schwächen. Auch heute überkommt mich manchmal eine Reihe unangebrachter Gefühle in Konfliktsituationen. Leider bekommt mein Freund auch heute eine Reihe Gefühlsentladungen ab, die ich nicht rechtzeitig erkannt habe, um sie umzusortieren.

Der Unterschied dabei: Mein Partner weiß, wo meine Schwächen liegen und nach jedem (noch so kleinen) Streit klären wir, woraus die Situation entstanden ist, welche Gefühle hier und heute ihre Berechtigung haben und welche sich damals in meinem Geist versteckt waren.

Gut zu wissen: Es fällt mir wesentlich schwerer, Gefühle von früher und heute zu unterscheiden, wenn die Belastungen “im Außen” größer sind (wenig Schlaf, Hunger, lange To-Do-List, finanzielle Probleme) und ich wenig Ich-Zeit habe, um mich auf ein niedrigeres Anspannungslevel zu skillen.

Die Beziehung hielt dann übrigens drei Jahre, bis ich sie beendete und direkt in eine Neue stolperte:

Darüber erfahrt ihr im nächsten Teil der Reihe mehr, der dann von den typischen Beziehungsmustern betroffener Personen handeln wird.

Bis dahin und mit viel Liebe

Kaddi

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