Ganz normaler Wahnsinn,  Grenzgänger,  Vom Anderssein

Wie kann das sein?

Wenn ich jetzt gerade auf mein Leben sehe, dann denke ich zuerst: Wow, Chaos!

Ich bin im Umbruch. Sowas passiert mir gelegentlich, ich habe mich schon daran gewöhnt. Alles fühlt sich festgefahren an, ich muss es aufbrechen! Die Geschirrspülmaschine und die Waschmaschine haben so lang Pause gemacht, dass sie jetzt im Dauerbetrieb laufen.
Meine liebevolle Freundin mit Ordnungs-tick setzt ihr breitestes Lächeln auf, wenn sie mich besuchen kommt und verklemmt sich jeden Kommentar zu dem Zustand meiner Wohnung.
Mein Praktikum ist vorbei – mit guter Bewertung – aber die Praktikumsmappe wurde nie angelegt und der Bewertungsbogen wurde durch eine Krankschreibung ersetzt.

Statt einem Antrag auf Therapie schreibe ich Blogbeiträge, die niemand liest und Bücher, die ich vielleicht nie veröffentliche. Bewerbungen auf Jobs, die ich vorher nie machen wollte.
Silvester habe ich meinen Freund beinahe aus meinem Leben geworfen, weil er nicht möchte, dass ich Frauen küsse, drei Tage später habe ich dann die schönsten und kitschigsten Fotos von uns an die Wände gehängt.

Statt meinen Freunden davon zu erzählen dass ich in einem großen impulsiven Nervenzusammenbruch feststecke, lade ich sie ein mit mir ein soziales Unternehmen zu gründen und ich mache mir abwechselnd riesige Sorgen und rufe bei der Seelensorgenummer an und jauchze vor Zufriedenheit, weil ich mich endlich wieder fühle wie ich selbst.

Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass ich mich dann, wenn Dozenten und fest im Leben stehende Personen den Kopf schütteln, dann, wenn alles gerade so beinahe nicht ganz im Chaos versinkt, am Besten fühle?

Am Lebendigsten und auf dem richtigen Weg. Ich denke, ich werde meine Ausbildung wohl nicht beenden.
Klar, ich könnte das. Ich bin gut in dem was ich tue, aber ich spiele auch mit Baustellen in mir drin, die ich gar nicht so recht bearbeiten will.

Ich bin aber auch gut im improvisieren. Ein paar Jahre als Sozialassistent, dann ist das Kind aus dem gröbsten raus – vielleicht kann ich dann studieren? Vielleicht finanziert mir auch ein cooler Träger eine andere Weiterbildung.

Bisher hatte ich meistens Glück – wieso nicht auch jetzt?

Die letzten Wochen wollten die Worte nicht kommen, die Farben kein Bild ergeben, Musik hat mich nicht berührt. Die Beziehung wurde immer anstrengender, Emotionen kaum zugänglich, der Filou hat mich genervt.

Jetzt gerade? Ich schreibe und schreibe. Fülle Bücher, finde Metaphern. Ich träume und arbeite daran, ein Buch zu veröffentlichen. Ein richtiges!
Ich wollte das immer. Kann das falsch sein?

Ist es meine eigene innere Stimme oder die meiner Eltern die da sagt “Mach was Vernünftiges, Kind! Mach doch mal was zu Ende!”

Aber ich habe ja was zu Ende gemacht. Und ich werde ja arbeiten. An einer Schule, in einer Kita, in der Lebenshilfe. Irgendwer braucht bestimmt einen überqualifizierten Sozialassistenten den man nicht so bezahlen muss, wie einen Erzieher. Und zum Leben reicht es – Zeit war mir schon immer wichtiger als Geld – und ich bin doch erst 23!
Und der Filou noch keine drei. Dem ist Mamas Zeit sicher auch Wichtiger als ihr Abschluss.

Und wenn er zur Schule geht – wie lustig wäre das, dann auch wieder anzufangen?
“Wie war es in der Schule?” “Super, und bei dir?”

Das klingt sicher wie ein riesiges Chaos, aber:
Ich glaube, ich war auf dem falschen Berg. Ich steig noch ein paar Tage vom alten herunter – ich hab meinen eigenen da hinten schon gesehen!

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