Vom Anderssein

Wie viel anders ist normal?

“Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.”

(WHO,New York,22.07.1946)

Wenn ich Freunden oder Bekannten oder (vor Allem) Personen, die ich gerade erst kennenlerne, von der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung erzähle, ähneln sich die Reaktionen stark.

“Aber das ist doch ganz normal. Ich bin auch manchmal traurig / wütend / durcheinander / abwesend / unsicher.”

Das ist ein, auf den ersten Blick, nett gemeinter Satz. Mein Gegenüber möchte mir zu verstehen geben, dass ich nicht allein bin, das wir uns ähneln, dass wir zur selben Gruppe gehören. Er sagt mir, dass ich mich nicht schämen muss für meine Gefühle.

Auf den zweiten Blick aber ist er irrsinnig verletzend. Ich höre: “Wegen sowas die Ausbildung nicht zu schaffen ist aber schwach.” Ich interpretiere: “Stell dich jetzt nicht so an.” Ich erinnere mich an “Man kann sich Sachen aber auch einreden. Wenn du dich dafür entscheidest, gesund zu sein, dann bist du es auch.” Natürlich hat mein Gegenüber genau das nicht beabsichtigt. Im Gegenteil: Der Satz sollte ermutigend sein.

Aber psychische Erkrankungen muss man nicht relativieren. Im Normalfall können die Betroffenen genau das nämlich selbst ziemlich gut! Natürlich kann ich nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen. Aber es fällt mir sehr leicht, meine Probleme nicht so ernst zu nehmen, klein zu machen.

Von wegen, du kommst nicht aus dem Bett. Du bist nur faul! Von wegen, es ist zu viel Druck, du hast nur keine Lust! Das ist keine Krankheit, anderen geht es viel schlechter!

Das, was mir wirklich schwer fällt, ist anzunehmen, dass einige Dinge mir phasenweise tatsächlich schwerer fallen als anderen. Dass ich tatsächlich intensiver über Begegnungen nachgrüble. Dass es nicht normal ist, mit einem zehn Zentner schweren Stein im Magen morgens schon aufzuwachen.

Irrsinnig viel Überwindung kostet es mich auch, meinen Mitmenschen davon zu erzählen!

Ich möchte dann kein Mitleid und es ist auch kein Ruf nach Aufmerksamkeit. Ich möchte mich nicht unter Wert verkaufen oder besonders hervortun.

Aber die Persönlichkeitsstörung ist ein Teil von mir, den ich bisher nicht “wegtherapieren” konnte und auch nicht weiß, ob ich das je kann.

Ich bin krank. Es ist eine Einschränkung in meinem alltäglichen, meinem sozialen, meinem Familien- und Berufsleben.

Wenn ich von meinen persönlichen Schwierigkeiten, von meiner Erkrankung spreche, ist das ein Wenig, als würde ich erzählen, dass ich Diabetis habe. Typ 1.

Nein, ich hätte nichts dagegen tun können. Nein, es gibt keine bekannte, endgültig wirksame Therapie. Ja, meine Einstellung und mein Lebenswandel spielen eine Rolle, aber es gibt äußere, nicht beeinflussbare Faktoren, die einen Rückfall verursachen können.

Nein, es ist eben nicht ganz normal.

Und zu behaupten es wäre ganz normal setzt herab, was ich jeden Tag leiste. Es nimmt mich und meine Gefühle nicht wahr, es ist tollpatschig und verletzend und das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Borderlinern wird nachgesagt, sehr viel sensibler, emotionaler zu sein als gesunde Menschen. Ich weiß nicht, ob das stimmt: ich stecke ja nicht drin in der Emotionalität der Gesunden. Ihnen wird auch nachgesagt, sie hätten ein besonderes Gespür für die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen.

Ich bin schon sehr empathisch. Wenn wir uns unterhalten, du und ich, und du mir sagst, dass das alles ganz normal ist:

Dann werde ich dir nicht sagen, dass du mich gerade sehr verletzt hast, weil ich dir nicht auf den Schlips treten will und weil ich ahne, dass du es gut meinst.

Aber ein Bisschen anders bin ich schon. Und das ist vollkommen okay für mich! Wir können trotzdem Freunde werden.

Mit viel Liebe und nur ein Bisschen Ärger im Bauch

Kaddi

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